Rating-Agenturen im Fokus

Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugmann am 26. April 2010 in der „New York Times”:

And no, that’s not hyper­bole: of AAA-rated subprime-mortgage-backed secu­ri­ties issued in 2006, 93 percent — 93 percent! — have now been down­gra­ded to junk status.

Ein span­nen­der Artikel, der deut­lich macht: die Rating-Agenturen sind das Problem. Schon 2003 wurde gefor­dert, eine euro­päi­sche Rating-Agentur einzu­rich­ten, um die Macht der US-Agenturen zu brechen:

Der Ruf nach einer euro­päi­schen Ratingagentur war aufge­kom­men, weil sich den Markt für Bonitätsbewertungen inter­na­tio­nal nur drei Agenturen teilen. Dabei haben Moody’s und Standard & Poor’s (S&P) – beide mit Hauptsitz in New York – den größten Einfluss.

Damals ein völlig chan­cen­lo­ser Vorschlag. Im Oktober 2008 wurde erneut in eine ähnli­che Richtung gedacht, dieses Mal vom Bundeswirtschaftsministerium:

„Das Know-How der Notenbanken könnte der Nukleus einer Europäischen Ratingagentur sein”, heißt es in dem Papier. Die Notenbanken genös­sen bei Marktteilnehmern eine hohe Reputation und „gelten als neutral und unab­hän­gig von der Politik”.

Jedoch, auch 2008 fand diese Idee keine Mehrheit. Jetzt aber, im April 2010, schließt sich Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) dieser Forderung an:

Er hoffe daher darauf, dass so schnell wie möglich eine unab­hän­gige euro­päi­sche Rating-Agentur entwi­ckelt werde, so Westerwelle.

Jetzt endlich muss es geschafft werden. Die Parteien sollten hier so schnell wie möglich an einem Strang ziehen.

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

9 Gedanken zu „Rating-Agenturen im Fokus“

  1. Hi,

    das Hauptproblem ist die schlichte Tatsache, dass ein Haushaltsdefizit ab einer bestimm­ten Höhe nicht mehr nach­hal­tig finan­zier­bar ist. 115% geht einfach nicht mehr.
    Die Rating-Agenturen sind ein Nebenkriegsschauplatz. Die haben 2003 zu gute Ratings ausge­ge­ben. Halts für unmög­lich, dass sich dies mit einer euro­päi­schen Rating-Agentur wirk­lich bessert. Ein gutes Rating wirkt sich negativ auf das Länderrisiko aus, also genau die Zinsen, die letzt­lich die werk­tä­ti­gen Steuerzahler für die Staatsschulden zahlen. Eine Ratign-Agentur, die „zu früh” ein Rating runter­setzt, wird auch sehr schnell zum Ziel der Kritik.
    Die aktu­elle Verschuldungsniveau der meisten west­eu­ro­päi­schen Staaten ist einfach zu hoch. Wir sind an dem Punkt ange­kom­men, an dem dieser hohe Bestand an Schulden Druck auf die Märkte ausübt. Das wird immer wieder zu Turbulenzen führen, egal ob wir da jetzt noch ein paar insti­tu­tio­nelle Schnörkel wie eine euro­päi­sche Rating-Agentur einzie­hen oder nicht.

    Gruß Lemmy

    1. das Hauptproblem ist die schlichte Tatsache, dass ein Haushaltsdefizit ab einer bestimm­ten Höhe nicht mehr nach­hal­tig finan­zier­bar ist.

      Das ist eine Binsenweisheit. ;)

      1. … entschei­dende Dinge sind oft sehr einfach.

        Meine Entgegnung auf deinen Beitrag war ja auch eher, dass es keine perfek­ten Rating-Agentur geben kann. Die geben Aussagen über die Entwicklung in der Zukunft ab. Das wird exPost immer Stoff zur Kritik liefern. Egal ob S & P oder eine neue euro­päi­sche Rating-Agentur.

        Das sind alles takti­sche Debatten über kurz­fris­tige Effekte. Wir stehen aber vor einem lang­fris­ti­gen Problem: Die Überschuldung vieler west­eu­ro­päi­scher Staaten.

        Brasilien, Chile, Uruguay, Mexiko, Peru haben aus ihren schmerz­li­chen Erfahrungen mit nicht mehr finan­zier­ba­ren Verschuldungen und deren Folgen den Schluß gezogen, dass man so Schulden besser lang­fris­tig abbaut. Dieser Prozeß steht unserer Politik noch bevor. Das Griechenland-Ding ist nur der erste Warnschuß.

  2. Wettbewerb zwischen Ratingagenturen wäre doch auch mal was. Da braucht es keine Initiative von Politikern. Im Wettbewerb würden die Agenturen von der ‚Richtigkeit’ ihrer Prognosen leben. Dann sähe ein plötz­li­ches Herunterstufen (so richtig es sein mag) etwas seltsam aus. Die Frage würde sich stellen : Auf welcher Basis haben die vorher so gut bewer­tet ?

    Das Problem liegt darin, dass die Agenturen quasi-offi­zi­el­len Status haben.

    1. > Das Problem liegt darin, dass die Agenturen quasi-offi­zi­el­len Status
      > haben.
      Das ist in einigen Punkten tatsäch­lich der Fall. Und es wäre m. E. durch­aus sinn­voll, die entspre­chen­den Gesetze zu ändern — anstatt eine Agentur zu instal­lie­ren, die falsche Ratings machen soll.

        1. > Niemand will eine Agentur, die „falsche Ratings” erstellt.
          De facto schon.

          Denn es kann ja nun nicht wirk­lich ein Problem sein, daß die bishe­ri­gen drei Agenturen in New York sitzen. Sondern von der EU-Politik kriti­siert werden die konkre­ten Ratings, die diese Agenturen machen.
          Und eine eigene Agentur als Abhilfe zu fordern heißt ja, daß man von dieser Agentur andere Ratings erwar­tet.

          Bisher hat aber noch niemand inhalt­lich begrün­den können, daß an den Griechenland-Ratings der Agenturen etwas verkehrt wäre. Sie sind bloß poli­tisch unan­ge­nehm.

          Die neue Agentur soll also Ratings liefern, die poli­tisch ange­nehm sind (konkret: Griechenland gut bewer­ten). Und solche Ratings wären fach­lich falsch.

  3. Man kann ja die Rating-Agenturen in diver­sen Punkten kriti­sie­ren (m. E. haben sie gerade beim Griechenlandbeispiel viel zu spät agiert).
    Und mehr Konkurrenz ist immer gut, wenn euro­päi­sche Rating-Agenturen mitmi­schen würden, würde ich das gerne sehen.

    Aber nicht eine von der EU einge­setzte Agentur, die letzt­lich poli­ti­schen Vorgaben folgt. Und letzt­lich scheint das ja die Vorstellung diver­ser Politiker zu sein, wenn sie eine solche EU-Agentur fordern. Denn die Kritik macht ja nur Sinn, wenn die neue Agentur andere Rating-Empfehlungen abgeben würde als die drei US-Konkurrenten. Genauer gesagt: Wenn die neue Agentur lügen würde und bessere Empfehlungen über EU-Staaten abgeben würde, als die Sachlage recht­fer­tigt.

    Das kanns nicht sein.
    Oder mal anders ausge­drückt: Wenn es zu warm ist, dann ist nie das Thermometer schuld.

  4. Ich halte solche Fehler für normal:

    Eine Blase ist ja dadurch defi­niert, dass kein lang­fris­ti­ger, kein ‚echter’ Preis mehr ermit­telt werden kann; es ist also auch kein Wunder, dass Rater sich ähnlich verhal­ten wie Finanzmarktakteure und Papiere entwe­der zu gut oder zu schlecht bewer­ten.

    Ich glaube es gibt da ein grund­sätz­li­ches Missverständnis darüber, was eine Ratingfirma macht:
    Die verbrei­ten nicht die abso­lute Wahrheit für jetzt und ewig, sondern nur Prognosen.
    Die Rater werden m.E. von der Politik auch über­schätzt; ein Fondsmanager, der sich auf diesen Bonds-Markt spezia­li­siert hat, wird sich für diese Ratings nicht inter­es­sie­ren, sondern analy­siert sebst; bei großen Banken mit eigenen Trading Desks wird das nicht anders sein.

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