Aufstand der Privilegierten

Es gibt in diesem Land doch tatsäch­lich Menschen, die nicht mehr Geld wollen. Andreas Pinkwart (FDP), nord­rhein-west­fä­li­scher Minister der schwarz-gelben Landesregierung, ist empört: „Vielleicht möchten einige Stipendiaten, die jetzt auf zusätz­li­ches Geld meinen verzich­ten zu können, ja eigent­lich unter sich bleiben.” (Quelle: FTD vom 20.04.2010)

Worum geht es? Wenn am morgi­gen Mittwoch das Kabinett der eben­falls schwarz-gelben Bundesregierung zusam­men tritt, wird es auch um die Erhöhung des soge­nann­ten Büchergeldes für die Stipendiaten der zwölf Begabtenförderungswerke gehen. Das aus histo­ri­schen Gründen so bezeich­nete Büchergeld macht den vom Einkommen der Eltern unab­hän­gi­gen Anteil des Stipendiums aus, der pauschal an jeden Stipendiaten ausge­zahlt wird. Bislang beträgt es monat­lich 80 Euro. Nach den Plänen der schwarz-gelben Koalition, die sich die Elitenförderung auf die Fahnen geschrie­ben hat, werden zukünf­tig 220 Euro dazu kommen, so dass das Büchergeld auf insge­samt 300 Euro steigt.

Gegenwind aus den Begabtenförderungswerken

Doch die Profiteure der Erhöhung stellen sich nun offen gegen die Pläne der schwarz-gelben Regierung. In einer Online-Petition mit 3717 Unterzeichnern — darun­ter über­wie­gend aktu­elle und ehema­lige Stipendiaten — und in einer gemein­sa­men Erklärung der stipen­dia­ti­schen Bundesvertretungen der Friedrich-Ebert-Stiftung, des bischöf­li­chen Cusanuswerkes, der Heinrich-Böll-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung haben die Stipendiaten ihre Ablehnung zum Ausdruck gebracht. Darin fordern sie die Bundesregierung auf, die geplan­ten Maßnahmen zur Bildungsförderung anders zu gestal­ten um die soziale Selektion nicht zu verschär­fen, sondern abzu­mil­dern. Sie stellen sich damit offen­siv gegen die Büchergelderhöhung:

„Die dras­ti­sche Erhöhung des Büchergeldes sowie die Einführung des natio­na­len Stipendienprogramms halten wir jedoch im Hinblick auf Bildungsgerechtigkeit und Verhältnismäßigkeit für isolierte und den Umständen unan­ge­mes­sene Maßnahmen.”

Sicher, das Büchergeld wurde seit 1980 nicht mehr erhöht. Daher treten auch die jetzt rebel­lie­ren­den Stipendiaten für eine — mode­rate — Erhöhung ein. Eine Erhöhung um 220 Euro bezeich­nen sie aller­dings zu Recht als unver­hält­nis­mä­ßig.

Sind die Unterzeichner nun, wie Minister Pinkwart vermu­tet, voral­lem daran inter­es­siert, unter sich zu bleiben und eine stär­kere Förderung von Studierenden aus sozial schwa­chen Elternhäusern zu verhin­dern? Wohl kaum.

Ihnen geht es um mehr als Geld. Es geht ihnen voral­lem um Gerechtigkeit im Bildungswesen. Um Durchlässigkeit, um faire und möglichst gleiche Chancen für alle. Die lange gepflegte Illusion, durch Leistung und Fleiß hätte jeder junge Mensch, gleich ob aus armen oder wohl­ha­ben­den Elternhaus, die gleiche Chance auf eine gute Bildung wurde längst abge­löst durch breite Ernüchterung: Das Bildungssystem der Bundesrepublik ist in allen Ebenen hoch selek­tiv, wie verschie­dene natio­nale und inter­na­tio­nale Studien immer wieder belegen. Das gilt auch für den Bereich der staat­li­chen Begabtenförderung. Eine einsei­tige Erhöhung des einkom­mens­un­ab­hän­gi­gen Büchergeldes, so befürch­ten die Unterzeichner der Petition, würde die soziale Schieflage im Bildungssystem noch weiter verhär­ten, weil die zusätz­li­che Förderung nur den — zumeist aus ohnehin privi­li­gier­ten Verhältnissen stam­men­den — Stipendiaten zugute kommt, während die Lage der großen Masse an Studierenden mit BaföG-Förderung (Hier gibt es kein pauscha­les Büchergeld!) und Nebenjob kaum verbes­sert wird.

Die soziale Schieflage der Begabtenförderung

Eine aktu­elle Studie der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) bestä­tigt diese Einschätzung. Während 37 % aller Studierenden aus geho­be­nen sozia­len Verhältnissen (hohe Bildung und hohes Einkommen im Elternhaus) stammen, macht deren Anteil an den Stipendiaten stolze 50 % aus. Wenngleich sich die sozia­len Profile der zwölf Begabtenförderungswerke teil­weise deut­lich unter­schei­den, ist die Tendenz nicht zu über­se­hen, was die folgende Grafik verdeut­licht:


Die bereit­ge­stell­ten Mittel, die die schwarz-gelbe Bundesregierung nach der Entscheidung am Mittwoch als große Investition in die Bildung verkau­fen wird, wären in der Abfederung der gravie­ren­den Ungerechtigkeiten besser aufge­ho­ben. Eine Investition in Bildung darf nicht nur gute Noten beloh­nen, sondern muss die Grundlage schaf­fen, dass Kinder und Jugendliche unab­hän­gig von ihrer Herkunft zu diesen guten Noten befä­higt werden. Es muss daher vor allem darum gehen jene mitzu­neh­men, die bisher nicht den Weg zum Studium bestrei­ten können oder dieses aus finan­zi­el­len und sozia­len Gründen abbre­chen müssen. Die geplante Büchergelderhöhung hinge­gen begüns­tigt nach dem Gießkannenprinzip voral­lem jenen kleinen Kreis an Stipendiaten, der sich, das belegt die HIS-Studie, zu einem großen Teil aus ohnehin bildungs­na­hen und einkom­mens­star­ken Schichten rekru­tiert.

Das natio­nale Stipendienprogramm: Ein bildungs­po­li­ti­scher Irrweg

Die enorme Büchergelderhöhung wird auch damit begrün­det, dass die Stipendiaten der Begabtenförderungswerke mit den zukünf­ti­gen Empfängern des geplan­ten natio­na­len Stipendienprogramms gleich­ge­stellt werden müssen, die nach dem Willen der Regierung pauschal 300 Euro erhal­ten werden.

Anders als es sich die klas­si­schen Begabtenförderungswerke auf die Fahnen geschrie­ben haben, soll das natio­nale Stipendienprogramm aller­dings nur finan­zi­elle Förderung beinhal­ten und dabei nur noch nach Leistung auswäh­len. Die klas­si­schen Begabtenförderungswerke dagegen bestehen bewusst darauf, dass ihre Stipendiaten auch gesell­schaft­li­ches Engagement mitbrin­gen: Sie spre­chen von einer Verantwortungselite. Der Leistungsträger des moder­nen neoli­be­ra­len Weltbilds dagegen über­nimmt keine gesell­schaft­li­che Verantwortung, er schreibt nur gute Noten und reagiert auf finan­zi­elle Anreize.

Die Konzentration auf pauschale, von sozio­öko­no­mi­schen Faktoren unab­hän­gige Zahlungen und Elitenförderung bei gleich­zei­ti­ger Vernachlässigung der breiten Masse — die BaföG-Sätze steigen nur um zwei Prozent — verdeut­li­chen den bildungs­po­li­ti­schen Irrweg, auf den sich diese Regierung begibt.

Elitenförderung ist richtig und wichtig — aber sie darf nicht einsei­tig erfol­gen und auch nicht dazu beitra­gen, die Durchlässigkeit und Chancengerechtigkeit im Bildungssystem weiter abzu­bauen. Die Zukunft Deutschlands hängt voral­lem von guter Bildung für alle, nicht von exzel­len­ter Bildung für einige wenige ab!

Statt das Büchergeld zu erhöhen und damit alle Stipendiaten pauschal zu beglü­cken, wäre die Ausweitung der allge­mei­nen Freibeträge — sowohl für Stipendiaten als auch für BaföG-Empfänger — sinn­vol­ler. Dadurch kämen mehr Studenten und Studentinnen in den Genuss der BaföG-Förderung — und auch jene Stipendiaten, denen eine Erhöhung des Büchergeldes wirk­lich nützen würde, weil sie zur Zeit knapp über der Grenze der einkom­mens­ab­hän­gi­gen Förderung stehen. Es geht um eine breite Förderung, um Studenten aus bildungs­fer­nen Schichten ein Studium zu ermög­li­chen, ohne die Bildung einer Verantwortungselite zu vernach­läs­si­gen. In Zeiten von Bologna und Studiengebühren ist dies eine wesent­li­che Aufgabe der staat­li­chen Bildungspolitik, die durch das natio­nale Stipendienprogramm und die pauschale Büchergelderhöhung von der schwarz-gelben Bundesregierung miss­ach­tet wird.

Ein gemein­sa­mer Aritkel von Kalle Kappner und Nadim Ayyad. Die Autoren sind Stipendiaten der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) und Unterzeichner der genann­ten Petition.

Download: Gemeinsame Stellungnahme der Stipendiaten, [PDF]
Link: Onlinepetition mit Begründungstext
Link: Das soziale Profil in der Begabtenförderung, [PDF]

Über Nadim Ayyad

Nadim Ayyad studiert in Köln, lebt und engagiert sich in Solingen. Er arbeitet sich gerne am politischen Gegner ab, nimmt aber auch innerparteilich kein Blatt vor den Mund.

16 Replies to “Aufstand der Privilegierten”

  1. Eine Petition, bei der lauter Anhänger der Opposition ein Vorhaben der Regierung kriti­sie­ren — die muß man nicht wirk­lich ernst nehmen.
    Ernst nehmen könnte man sie dann, wenn sie das von ihnen nicht gewünschte Geld spenden. Wären ja immer­hin (3717×22×12) fast 10 Millionen Euro im Jahr, damit kann man schon was machen.
    Aber wahr­schein­lich bleibt es beim billi­gen Protest mit der Unterschrift.

    Ansonsten: Ja, bei der Begabtenförderung geht es um Eliten. Da will man ganz bewußt die fördern, die beson­ders gut sind. Hier eine spezi­elle Berücksichtigung von Schwachen zu erwar­ten geht an der ganzen Grundidee dieser Stipendien vorbei.

    Natürlich kann man das auch anders sehen und bewußt nur die Begabten fördern wollen, die es finan­zi­ell nötig haben. Falls die grünen/roten/ganz roten Förderwerke das wollen, dann haben sie dieses Ziel offen­sicht­lich verfehlt, sie fördern über­wie­gend Studenten aus geho­be­nen Einkommensschichten.

    • Hast du den Artikel über­haupt gelesen?
      Die Hauptargumentation ist, dass nicht die Stipendiensysteme, sondern die allge­meine Förderung (über BaföG) ausge­baut werden muss.

      Auf die Eigenverantwortung der Stipendiaten zu setzen („Spendet doch, wenn ihr so sozial seid!”) halte ich für den falschen Weg. Dann können wir es ja auch bald jedem Steuerzahler selbst über­las­sen, was für einen Betrag er für eine ange­mes­sene Steuerabgabe hält. Eine ähnli­che Argumentation habe ich ja auch schon erlebt, als diese Gruppe „Millionäre für eine Millionärsabgabe” öffent­lich auftrat. Da hielt man ihr ja auch entge­gen: „Spendet eure Kohle doch, wenn ihr das unbe­dingt wollt!”. Grade darum geht es ja nicht. Es geht darum, dass !alle! „spenden” (oder im Fall des Büchergelds verzich­ten) sollen. Eigenverantwortung ist schön und gut, aber dass diese in finan­zi­el­len Fragen oft nicht funk­tio­niert wurde in der Vergangenheit wohl oft genug bewie­sen.

      Im übrigen planen die besag­ten Begabtenförderungswerke die Einrichtung eines Fonds, in den das Geld einge­zahlt werden kann. Ist zwar eine nette Idee, aber für mich nicht ausrei­chend.

      • „Auf die Eigenverantwortung der Stipendiaten zu setzen („Spendet doch, wenn ihr so sozial seid!“) halte ich für den falschen Weg.”

        Heisst dass, du wärst zur Finanzierung solcher Stipendien für nach­ge­la­gerte Studiengebühren?

        Wie auch immer, diese Methode ist ja nunmal die, nach der Eliteuniversitäten dieser Welt sich teil­weise finan­zie­ren, da funk­tio­niert das also. Na klar wäre es schön, auch in Deutschland Universitäten mit einem ähnlich hohen Grad an Unabhängigkeit vom Staat zu haben und ich glaube auch nicht, dass dieses Stipendienprogramm da zwangs­läu­fig hinfüh­ren wird. Aber das spricht ja nicht gegen das Vorhaben an sich.

        Die im Text oben gemachte Unterstellung, „normale” Stipendiaten würden sich gesell­schaft­lich nicht enga­gie­ren wollen find ich übri­gens auch ganz schön krass. Ebenso die Einstellung, man würde der Gesellschaft allein dadurch, dass man auf Parteiticket studiert und den damit verbun­de­nen Ideologie-Murks mitmacht irgend­wie berei­chern. Gesellschaftliches Engagement hat mit irgend­wel­chen Institutionen nichts, aber auch gar nichts zu tun, sondern ist ausschließ­lich von der indi­vi­du­el­len Lebenseinstellung der jewei­li­gen Bürger abhän­gig.

        • „Heisst dass, du wärst zur Finanzierung solcher Stipendien für nach­ge­la­gerte Studiengebühren?”

          Verstehe ich nicht. Ich bin gegen Studiengebühren. Was das mit Stipendien zutun hat, weiß ich nicht.

          Du kannst davon ausge­hen, dass alle Begabtenförderungswerke darauf wert legen, dass reales gesell­schafts­po­li­ti­sches Engagement statt­fin­det. Das ist in den meisten Fällen nicht iden­tisch mit „Parteiarbeit” (was auch immer genau du damit meinst). Wenn sich aber eine Person im Rahmen einer Partei zum Beispiel gegen Rechts- oder Linksextremismus enga­giert, ist das dann Parteiarbeit oder Engagement (was für dich ja anschei­nend ein Unterschied ist)?
          Für mich ist die Mitarbeit in jeder demo­kra­ti­schen Partei Engagement für die Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der Ideologien hinter­fragt, ausge­ar­bei­tet und ange­wen­det werden, geht unter. Eine unpo­li­ti­sche Gesellschaft kann und wird es nicht geben. Jedenfalls nicht, wenn sie demo­kra­tisch sein soll.
          Soviel dazu.

          Im Text findet sich nicht die Unterstellung, „normale” (du meinst wahr­schein­lich die zukünf­ti­gen Stipendiaten des natio­na­len Stipendienprogramms) Stipendiaten würden sich enga­gie­ren. Dort wird nur fest­ge­stellt, dass im Rahmen dieses neuen Programms auf solches kein Wert mehr gelegt wird — was ich für schlecht halte. Das bedeu­tet nicht, dass sich diese Menschen nicht enga­gie­ren würden.

          • „Eine Gesellschaft, in der Ideologien nicht hinter­fragt, ausge­ar­bei­tet und ange­wen­det werden, geht unter. ” sollte es natür­lich heißen.

          • Gebühren verlan­gen wäre halt das logi­sche Gegentail von „auf Spenden hoffen”, wenn es um die Finanzierung von Stipendien geht.

            „Wenn sich aber eine Person im Rahmen einer Partei zum Beispiel gegen Rechts- oder Linksextremismus enga­giert, ist das dann Parteiarbeit oder Engagement”

            Na wahr­schein­lich in der Regel beides aber so wie ich diese Stipendienprogramme kenne, wird man halt quasi genö­tigt, irgend­wel­che Kurse mitzu­ma­chen o.ä. und das hat eben nicht immer was mit Engagement zu tun. Natürlich ist es okay, wenn Stiftungen sowas machen, gar keine Frage. Ich würde nur den gesell­schaft­li­chen Nutzen daraus nicht über­be­wer­ten wollen, schon gar nicht pauschal. Im Umkehrschluss finde ich Stipendien, die ausser Leistung keine Voraussetzungen erwar­ten eben auch nicht falsch, weil unter dem Strich sowieso jeder für sich entschei­den muss, ob und in welcher Form er sich enga­giert. Nur weil das jemand während des Studiums tut muss das ja beispiels­weise auch nicht heissen, dass er das anschlie­ßend auch noch tut.

            „Dort wird nur fest­ge­stellt, dass im Rahmen dieses neuen Programms auf solches kein Wert mehr gelegt wird – was ich für schlecht halte. Das bedeu­tet nicht, dass sich diese Menschen nicht enga­gie­ren würden.”

            Warum also hältst dus für schlecht, dass auf Engagement von Stipendiaten kein Wert gelegt wird, wenn du — so verstehe ich das jeden­falls — eben­falls nicht diesen Zusammenhang siehst?

          • Weil ich sehe, dass die klas­si­schen Begabtenförderungswerke neben der finan­zi­el­len Förderung ganz klar eine ideele Förderung beinhal­ten.

            Ich sehe es als eine Aufgabe, möglichst viele Menschen zu frei­wil­li­gem, für die Gesellschaft nütz­li­chem Engagement zu bewegen und sehe jede Art von „Elite” immer in der mora­li­schen Pflicht, sich für die Gesellschaft einzu­set­zen und ihr etwas zurück­zu­ge­ben. Eine elitäre Förderung, die weder an vorran­ge­gan­ge­nes noch an zukünf­ti­ges Engagement gebun­den ist, lehne ich daher ab. Ich sehe das durch­aus ideo­lo­gisch. Mag sein, dass in einem libe­ra­len Weltbild unbe­grenz­ter Eigenverantwortung niemand das Recht hat, von anderen Engagement und Interesse an der Gesellschaft einzu­for­dern. In meinem Weltbild aber sind (selbst- oder fremd­be­nannte) Eliten zu Engagement mora­lisch verpflich­tet, denn das macht ihre Legitimation aus.

      • > Hast du den Artikel über­haupt gelesen?
        Natürlich.

        > Die Hauptargumentation ist, dass nicht die Stipendiensysteme,
        > sondern die allge­meine Förderung (über BaföG) ausge­baut
        > werden muss.
        Und das sind eben zwei ziem­lich verschie­dene Baustellen, die nur sehr ober­fläch­lich etwas mitein­an­der zu tun haben. Die Petition mischt hier alles zusam­men, das ist nicht sinn­voll.

        > Auf die Eigenverantwortung der Stipendiaten zu setzen
        > („Spendet doch, wenn ihr so sozial seid!“) halte ich für den
        > falschen Weg.
        Es ist eigent­lich nie falsch, auf Eigenverantwortung zu setzen.
        Aber das mal beiseite, wir haben hier ein Mißverständnis. Mein Aufruf zum spenden ist nicht darauf bezogen, daß das die Lösung für die Bildungsfinanzierung wäre. Sondern da geht es mir nur darum, wie glaub­haft der Protest ist.

        Eine poli­ti­sche Position, der man sein Stipendium verdankt, mit einer Unterschrift zu unter­stüt­zen — das beein­druckt nicht.
        Wenn die 3717 Petenten das zusätz­li­che Geld nicht einsa­cken würden, während sie dagegen protes­tie­ren — dann könnte ich sie wenigs­tens ernst nehmen.

  2. Toll, auch Bafög kommt fast nur den Priviligierten zu Gute.
    Überhaupt dreht sich die gesamte Bildungsdiskussion in Deutschland um die Probleme der Priviligierten — jenen Teil der Gesellschaft die das Privileg der Hochschulreife hat.

    Es gibt genü­gend Menschen in Deutschland die diese Privileg nicht haben.
    Für die stellt sich das Problem nicht wie sie ihr Studium finan­zie­ren — sie dürfen eh nicht studie­ren.
    Trotz dem weit verbrei­te­ten Irrglauben das diese Menschen zwangs­läu­fig zu Hartz IV Empfängern werden erler­nen die meisten einen Beruf und arbei­ten später als Facharbeiter.
    Einige entschlie­ßen sich später sich Fortzubilden — und hier fangen dann die Probleme für sie an.
    Da ist z.B. das Problem der fehlen­den Privilegien. Während dem 19 jähri­gen Abiturienten (theo­re­tisch) jedes Studienfach offen steht, wird so machen Facharbeiter trotz Berufserfahrung der Zugang zum fach­spe­zi­fi­schen Studium bewusst erschwert.
    Schließlich möchten die Herrn Akademiker ja in ihren Elfebeinturm unter sich bleiben, immer­hin ist man ja die Elite des Landes.

    Entscheidet sich der Facharbeiter für eine klas­si­sche Fortbildung zum staat­lich geprüf­ten Techniker oder zur Ablegung der Meisterprüfung im Handwerk fallen für ihn Studiengebühren an ( schon immer, nicht erst seit ein paar Jahren ).
    Oh, Bafög kann zwar bean­tragt werden… wer aber als Facharbeiter ein paar Jahre gear­bei­tet (und Steuern gezahlt) hat und das Geld nicht sinnlos verprasst hat besitzt schlicht und ergrei­fend zuviel „Vermögen” um Bafög zu erhal­ten.

    Fakt ist also das die Priviligierten Besitzer der Hochschulreife mal wieder das Thema Bildung in ihrem Sinn geka­pert haben.
    Leider sind diese Priviligierten auch ziem­lich neoli­be­ral*. Sie verstaat­li­chen die Kosten ihrer Ausbildung, die Gewinne daraus werden priva­ti­siert.
    Mit einem Teil dieses Gewinns nach­fol­gen­den Studenten zu helfen kommt den wenigs­ten in den Sinn, auch wenn das ziem­lich einfach währe.
    Stipendien könnten z.B. auch durch Fördervereine ehema­li­ger Absolventen verge­ben werden, ganz ohne Vater Staat.

    * Laut Chomsky ist das sozia­li­sie­ren von Verlusten und das priva­ti­sie­ren von Gewinnen neoli­be­ral ;)

    • „Sie verstaat­li­chen die Kosten ihrer Ausbildung, die Gewinne daraus werden priva­ti­siert.”

      Das ist eine völlig falsche Vorstellung vom Wert der Bildung.
      Bildungsinvestitionen in einzelne Menschen zahlen sich so gut wie immer für die gesamte Gesellschaft aus. Die einfachs­ten und intui­tivs­ten Beispiele (und Klischees) sind der Naturwissenschaftler, der etwas neues entwi­ckelt oder der Geisteswissenschaftler, der ein viel­ge­le­se­nes Buch schreibt.
      Der Staat (also der Steuerzahler) finan­ziert die private Bildung einzel­ner, die wiederum, jeden­falls in einem vernüf­ti­gen Wirtschaftssystem, Werte schaf­fen, die allen zugute kommen. Das ist nichts beson­de­res und dieser Mechanismus funk­tio­niert bei dem von Ihnen bemüh­ten Facharbeitern ebenso (schließ­lich haben auch sie eine fremd­fi­nan­zierte Schul- und viel­leicht Vorschuld-Bildung konsu­miert).

      Deshalb lautet die Forderung ja auch: Möglichst gute Bildung für möglichst viele Menschen!

      • Führt zwar ein biss­chen vom Thema weg aber es ist halt schon sehr auffäl­lig, dass wann immer es um Bildung geht, alle Welt sich auf Gymnasien und das Studium konzen­triert und den Rest fast voll­stän­dig ausblen­det (mal abge­se­hen von den ideo­lo­gi­schen Debatten ob IGS, KGS oder mehr­glied­rige Schulen nun toll sind). Liegt meiner Meinung nach daran, dass gefühlte 90% poli­tisch enga­gier­ter Menschen ein Abitur haben (subjek­ti­ver Erfahrungswert!) aber bildet eben die Wirklichkeit nicht ab.

        Ich denke beispiels­weise, dass eine Streichung staat­lich verord­ne­ter Mindest-Zugangsberechtigungen („Abitur”) für Hochschulen oder Universitäten eine Überlegung wert sein könnten. Wäre das nicht ein Beitrag zum Thema „Möglichst gute Bildung für möglichst viele Bürger?”

        • @Jan:
          mag alles sein.
          Wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen, von den Inhalten und den Lehr- und Lernbedingungen ganz zu schwei­gen, ist sowohl bei der univer­si­tä­ren Ausbildung als auch bei der fach(schu)lichen Weiterbildung kein sonde­res Land in Sicht. Dafür ist die Abschaffung bzw. Nicht-Einführung von jegli­chen Studiengebühren essen­ti­elle Voraussetzung- auch für Zweit-Studien zu disku­tie­ren, denn wovon soll so manche® das viel gefor­derte „lebens­lange Lernen” noch bezah­len als Teil der „Generation Praktikum”?!

          Ein Diskutant beklagte hier die Situation für dieje­ni­gen, die einen Meisterbrief „erwer­ben” wollen. Die Beschreibung ist m. E. richtig- und es ist traurig, dass diese, in einigen Branchen sehr wich­tige kogni­tiv-admi­nis­tra­tive Institution so schwie­rig und letzt­end­lich teuer zu erlan­gen ist.
          Innovation und teil­weise auch nur das Halten von Standards in Planung und Ausführung von Handwerksdienstleistungen ist von einem gewis­sen Stamm an MeisterInnen abhän­gig- hier wäre eine Einflußnahme bzgl. der IHKs über den Gesetzgeber drin­gend notwen­dig (GewO usw.). Das ist aber kein Thema, über das gerne gespro­chen wird- „man” prostet sich lieber, an langen Tischen sitzend, mit Ketten behängt, herz­lich auf seine „Erfolge” zu und hört nicht auf die Stimme der Warnenden.

          • Ich glaube es ist ziem­lich gewagt, einer­seits Zugangsvoraussetzungen abschaf­fen zu wollen und ande­rer­seits sämt­li­che Bildungskosten sozia­li­sie­ren zu wollen. Das mag zwar für den Einzelnen recht ange­nehm sein aber wenn man sich nicht für eins davon entschei­det, stehen entwe­der Kosten und Nutzen irgend­wann in keinem vernünf­ti­gen Verhältnis mehr oder die Finanzierung reicht am Ende doch nicht aus und müsste ständig mit neuen Debatten ange­passt werden.

            Rahmenbedingungen sind ein wich­ti­ger Punkt. Die stimmen oft nicht, weil die meisten Bildungseinrichtungen eben in Wahrheit gar nicht darauf ange­wie­sen sind, um Studenten oder Schüler zu werben, also ihnen maßge­schnei­derte Angebote zu machen und sich mit anderen Einrichtungen messen lassen zu müssen.

      • @Kalle Kappner:

        Die Argumentation mit dem Buch und der Erfindung ist nur bedingt taug­lich. Schließlich bekommt man bspw. das Buch des Geisteswissenschaftlers nicht umsonst, sondern man muss dafür einen Preis bezah­len. Das Buch ist also nicht Gegenleistung dafür, dass man dem Geisteswissenschaftler das Studium finan­ziert hat, sondern es ist Gegenleistung für den gezahl­ten Buchpreis. Die Gegenleistung für die Bildungsfinanzierung bleibt dabei aus.

        Nun kann man durch­aus fest­stel­len, dass Bildung posi­tive externe Effekte hat und eine staat­li­che Bildungsförderung durch­aus vertret­bar ist. Bildung, insbe­son­dere Hochschulbildung, stellt für viele Menschen aber auch einen hohen priva­ten Gewinn dar. Es ist daher nicht einzu­se­hen und in hohem Maße sozial unge­recht, wenn diese Menschen die Kosten quasi komplett auf den Steuerzahler abwäl­zen.

        • Ich kann die Argumentation durch­aus nach­voll­zie­hen. Am Ende schei­den sich aber die Geister an der Frage, ob Bildung als unbe­ding­tes Menschenrecht gesehen werden soll, oder ob Bildung nur bis zu einem bestimm­ten Punkt (die kosten­lose Schuldbildung greift zum Glück niemand an!) ein Menschenrecht ist.