Kulturkampf 2.0

Die Kritiker und Feinde der römisch-katholischen Kirche sehen sich gerade im Aufwind: zeigen nicht die Missbrauchsfälle inner­halb der Kirche und der „subop­ti­male” Umgang der Kirche mit diesen Fällen, dass „die Kirche” eben von Grund auf böse und Gläubige per se dumm und einfältig sind?

Kampf-Atheisten schreiben Anklageschriften gegen den Papst und werfen ihm Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor, Kirchen-Kritiker wollen, dass die Kirche verschwindet. Und selbst gläu­bige Katholiken lassen sich vom Zeitgeist über­wäl­tigen und bringen sich gegen den Zölibat in Stellung. (Die übli­chen Karikaturen seien nur am Rande erwähnt.)

Das alles zeigt: den Kritikern und Feinden der Kirche geht es nicht um Aufklärung. Es geht ihnen nicht um die Opfer. Es geht ihnen darum, eine Institution zu schleifen, die sich schon seit einiger Zeit beharr­lich weigert, sich dem Zeitgeist anzu­passen. Ein Ärgernis.

Die Debatte in Deutschland nimmt hyste­ri­sche Züge an; plötz­lich ist der deut­sche Papst kein Grund zur Freude mehr, sondern ein Ärgernis. Über­sehen wird: es war niemals ein deut­scher Papst. Mit der Wahl des Kardinal Ratzinger zum Oberhaupt der römisch-katholischen Weltkirche mit einer Milliarde Gläubigen ging das Attribut „deutsch” verloren. Er wurde Papst.

Der Versuch, die Kirche zu schleifen, wird schei­tern. Eine Institution, die 2000 Jahre exis­tiert und schon viele Krisen zu über­winden hatte, wird nicht am Missbrauch durch Einzelne zerbre­chen. Ob die römisch-katholische Kirche in Deutschland an Bedeutung verliert, durch Unvermögen der Entscheidungsträger evoziert, ist irre­le­vant — in anderen Ländern dieser Welt ist die Bedeutung der Kirche ungebrochen.

Über Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

10 Kommentare zu “Kulturkampf 2.0

  1. Danke ! Es tut gut, das von uner­war­teter Seite zu hören.

    Ein Katholik.

  2. „Das alles zeigt: den Kritikern und Feinden der Kirche geht es nicht um Aufklärung. Es geht ihnen nicht um die Opfer.”

    Aha. Es gibt also Leute, denen geht es nicht um Aufklärung. Das heißt dann, es geht allen Kritikern nicht um Aufklärung. Ist das nicht ein wenig einfach gedacht? Und unfair? Und gespro­chen wie ein Politiker?

  3. Es sieht so aus, Christian, als ob dies wirk­lich ein Thema sei, bei dem wir tatsäch­lich nahezu Wort für Wort derselben Meinung sind. Und dass, obwohl wir nicht nur verschie­dene poli­ti­sche Über­zeu­gungen vertreten, sondern auch bewusst unter­schied­li­chen Konfessionen ange­hören, aller­dings wiederum nicht der Kirche, die wir gegen unan­ge­mes­sene Angriffe verteidigen.

    Wenn das nicht im wahrsten Sinn des Wortes ein Wunder ist…

  4. Christian, mir gefällt diese Rhetorik nicht, mit der Du die Kritik am Klerus auf die Gemeinde umlenkst und dann beklagst, dass diese zu unrecht getroffen wird.

    Es gibt keine „Kampagne” gegen den kath. Klerus. Der Beweis dafür ist, dass Frau Kässmann zurück­treten musste, die kath. Prügelbischöfe aber nicht.

    Es gibt keine Kampagne gegen die Katholiken. Es gibt nur Opfer, die sich gemeldet haben und den Versuch, die Verantwortlichen zu christ­li­cher Reue und Buße zu bewegen und die verant­wort­li­chen Funktionäre zur Über­nahme ihrer Mitverantwortung.

    Was ZEIT und Süddeutsche derzeit berichten, dass verschlägt einem die Sprache, lässt einen fassungslos zurück. Die Oberchristen verhalten sich am unchrist­lichsten. Das IST ein Skandal der Funktionäre. Nicht der Gläubigen.

    Und mich über­rascht nicht, dass sich sogar ein Liberaler wie Rayson gegen diese Aufklärung stemmt. In Berlin fordern die „Liberalen” sogar den Wiederaufbau des Stadtschlosses, eines Symbols vorde­mo­kra­ti­scher Zeiten.

  5. Das nenne ich Fischen in falschen Hoheitsgewässern! Ist denn die SPD schon derart am Rande ihrer selbst, dass sie aus der Faktenlage Profit schlagen und eine konfes­sio­nell gebun­dene, kirchen_treue Wählerschaft anspre­chen will? Was mir an der Partei immer gefallen hat, war die in Glaubensfragen un_bigotte Haltung einer Nicht_C_Partei.

    Hier bedient sich imho ein Autor der Verteidigung eines korro­dierten und deka­denten Apparats … zwecks Wähler_fang?

    • Ich weiß nicht, worauf Du hinaus willst. Ich bin nicht „die SPD”, ich bin ich.

      • Okay, DU bist nicht ‚die SPD’, aber IHR seid ein rotes WIR, das (wie ich im ‚about’ lese) ‚immer aus gesunder sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Perspektive’ schreibt; die hier fand ich krank.

        Das auszu­drü­cken war alles, sorry, worauf ich hinauswollte.

        • Du wirst wohl damit leben müssen, dass es in der SPD verschie­dene Menschen mit verschie­denen Meinungen und Ansichten gibt.

          • @Lina+Christian:
            ja, das ist erstaun­lich ;-)
            Pluralismus in der SPD– von Sarrazin über Christian zu Kalle Kappner– ein breites Spektrum.
            „Volkspartei” wieder entdeckt :-)