Emanzipation durch freie Software

Vor einiger Zeit veröf­fent­lichte die Free Software Foundation ihren jähr­li­chen Spendenaufruf und umriss die Herausforderung für freie Software in den nächs­ten Jahren. Vor allem der Bereich der mobilen Geräte bedroht die Open-Source-Philosophie:

Bei Freier Soft­ware geht es nicht um Soft­ware im eigent­li­chen Sinn — Es geht um die Befreiung der Benutzer durch Software. […] In einem kurzen Artikel habe ich Anfang des Jahres darauf hinge­wie­sen, dass es mit­tler­weile Mil­liar­den Mobil­tele­fone gibt und dass die Rechen­leis­tung dieser Tele­fone immer größer wird. Sie stellen den abgeschlossen­sten, pro­pri­etärsten und unfreis­ten tech­nol­o­gis­chen Bere­ich dar, der stark genutzt wird. Für die Kon­trolle der Benutzer über die Tech­nolo­gie sieht es düster aus.

Auf Telefonen konnte man früher keine Software instal­lie­ren. Mit Telefonen konnte man tele­fo­nie­ren und SMS schrei­ben. Eine Revolution war das iPhone: Damit konnte man plötz­lich komfor­ta­bel auch im Internet surfen, Musik hören, E‑Mails checken — und einige Monate nach dem Verkaufsstart feierte Apple die Freigabe von Entwicklertools (SDK), mit denen jetzt Entwickler eigene Anwendungen für das iPhone entwi­ckeln konnten: Richtige Programme! Wie auf einem Computer! — Die Nachricht wirkte wie eine Befreiung und eine neue Welt stand offen. Innerhalb kürzes­ter Zeit entwi­ckelte sich eine leben­dige Szene rund um das iPhone.

Das Problem
Das SDK war aber keine Befreiung, sondern eher das Gegenteil. Bekannt wurde das durch eine Aktion der Electronic Frontier Foundation (EFF). Die EFF stellte fest, dass in den Lizenzbedingungen des SDK nicht nur fest­ge­legt war, dass man sich zu den Lizenzbedingungen nur nach schrift­li­cher Genehmigung durch Apple zu den Lizenzbedingungen äußern durfte. Jede Entwicklung musste durch den App-Store vertrie­ben werden und konnte auch ohne Angabe von Gründen abge­lehnt werden. Noch krasser: Bereits von Kunden instal­lierte Software konnte von Apple auf dem Telefon deak­ti­viert werden.

Das Paradox
History Lesson, Young Folks: Das iPhone war defi­ni­tiv nicht das erste Telefon für das man program­mie­ren konnte, denn seit Jahren gab es mit Windows Mobile eine Betriebssystem für Mobiltelefone, das man eben­falls recht komfor­ta­bel selbst erwei­tern konnte. Der Unterschied: Microsoft hat sich über­haupt nicht darum geküm­mert, was die Benutzer mit dem System machen. Erst Ende 2009 wurde ein Pendant zum App-Store einge­rich­tet — aber selbst der ist nur einer von vielen Wegen, Software zu instal­lie­ren. Vermutlich hat es sich Microsoft nicht träumen lassen, dass sich Benutzer damit abspei­sen lassen, Software nur aus einer Quelle bezie­hen zu können. Und zu Recht hat sich Microsoft auf Desktop-Rechnern nie gewagt, so ein zentra­li­sier­tes System einzu­füh­ren.

Was hat es für ein Theater um den Internet Explorer in Windows gegeben — man stelle sich vor, Microsoft hätte Windows komplett abge­rie­gelt und ein zentra­les Software-Verzeichnis einge­führt. Ich vermute, jede Kartellbehörde der Welt wäre Bill Gates mit dem nackten Arsch ins Gesicht gesprun­gen.

Natürlich gibt es da einen Unterschied. Windows hat auch heute noch einen über­wäl­ti­gen­den Marktanteil und man kommt in vielen Bereichen nicht darum herum. Zum iPhone gibt es viele Alternativen. Wenn man sich aber anschaut, welch einen Hype die Medienbranche um das iPad macht, weiß man, woher der Wind weht. In einem Interview sagte Springer-Chef Döpfner:

Jeder Verleger der Welt sollte sich einmal am Tag hinset­zen, um zu beten und Steve Jobs dafür zu danken, dass er die Verlagsbranche rettet.

Es geht darum, die offenen Systeme PC und Internet zu zähmen und alles durch Shops zu zwängen. Die Unternehmen wollen wieder bis ins Kleinste bestim­men, was wir wann wie konsu­mie­ren. Cory Doc­torow sieht genau dieses Problem:

It really feels like the sec­ond com­ing of the CD–ROM ‚rev­o­lu­tion’ in which ‚con­tent’ peo­ple pro­claimed that they were going to remake media by pro­duc­ing expen­sive (to make and to buy) products.

Die Apple-Apologeten argu­men­tie­ren immer: „Ich will doch nur, dass es funk­tio­niert und Apple funk­tio­niert doch so toll.” — Ja, unfreie Staaten funk­tio­nie­ren auch. Zum Teil sogar sehr gut — aber will man das? Wie lange will sich zum Beispiel die Zeitungsbranche, die früher pein­lich genau darauf geach­tet hat, den gesam­ten Produktionsprozess vom Papier und die Druckerei bis hin zum Zeitungsjungen im Griff zu haben, darauf verlas­sen, dass Apple sie fair betei­ligt?

Bild: Stuart Caie (CC-BY 2.0)

Autor: Steffen Voß

Steffen Voß bloggt meistens unter kaffeeringe.de und twittert als kaffeeringe. Manchmal bloggt er auch beim landesblog.de Sein Motto ist: "Mach es selbst, oder wunder Dich nicht, wenn es nicht passiert."

25 Gedanken zu „Emanzipation durch freie Software“

  1. Die Apple-Apologeten argu­men­tie­ren immer: „Ich will doch nur, dass es funk­tio­niert und Apple funk­tio­niert doch so toll.“ – Ja, unfreie Staaten funk­tio­nie­ren auch. Zum Teil sogar sehr gut – aber will man das?

    Das ist auch meine Rede als Apple Fanboy. Dank der Strenge von Jobs kommen Geräte heraus, die einfach perfekt funk­tio­nie­ren, so wie ich sie haben will. Genau das will ICH!

    Das ist meine frei getrof­fene Entscheidung und bei unfreien Staaten wäre diese Wahl doch sehr begrenzt bis nicht vorhan­den. Ich frage mich wirk­lich, ob der Autor dieses Beitrages auch mal nur eine Sekunde daran gedacht hat.

  2. defi­niere Freiheit
    wir reden entwe­der einan­der vorbei oder du willst mich veräp­peln
    Du meinst doch nicht allen Ernstes, dass Konsumenten von Apple Unfreiheit gewählt haben?

  3. Ok, lt. dieser Definition stimmt es!
    Ich habe in Sachen Apple eine unfreie Software nach gelink­ter Definition frei gewählt.
    Der Vertrag, den ich mit Apple einge­gan­gen bin, ist so klar formu­liert, dass ich mit einfa­cher Kaufzurückhaltung oder Nichtbenutzung „austre­ten” kann. Bei Staaten ist das schwer ;)
    Ich kann mich danach frei für freie Software entschei­den oder meine Meinung und Kritik kundtun, dass Apple seine Politik ändern sollte.

    Alles andere wäre natür­lich verbo­ten und da stimmen wir hoffent­lich überein. Dennoch bleibe ich dabei und der Vergleich mit unfreien Staaten passt hier einfach nicht. Es gibt sicher­lich auch Leute, die eher unfrei­heit­li­che Politik wählen. Welche ich darun­ter einschließe will ich hier nicht unbe­dingt sagen :D lol

  4. Ich habe nie gesagt, dass Steve Jobs den Faschismus will. Ich habe nur gesagt, dass Freiheit nicht die einzige Organisationsform von Staaten ist. Freiheit ist auch nicht die einzige Form der Software-Entwicklung und Distribution.

    Apple ist, wie Du zuge­ge­ben hast, eine unfreie Software-Welt, in der Alles von einer Firma bestimmt wird. Mein Punkt ist, dass das System Apple wesent­lich unfreier ist als es Microsoft jemals war und dass man gegen Microsoft wesent­lich harscher vorge­gan­gen ist.

    Ich habe aber auch einge­schränkt, dass natür­lich Apple bei allem Hype immer noch einen recht kleinen Marktanteil — zumin­dest bei den Betriebssystemen hat.

    Es gibt jetzt aber diese Allianz mit der gesam­ten inter­na­tio­na­len Medienbranche, die darauf setzt, dass sich jeder Geräte wie das iPad kaufen soll, damit wieder das alte Geschäftsmodell funk­tio­niert: Wir dürfen bezah­len und uns angu­cken, was die Profis zur Verfügung stellen.

    Ich habe 2 Befürchtungen:
    1. Ich befürchte, dass es klappt und dass Technik wesent­lich unfreier wird als wir sie seit einige Jahren kennen.
    2. Ich befürchte, dass es schei­tert und dass sich die Medienbranche an dieser letzten Offensive aufreibt und der Journalismus Schaden nimmt.

  5. @ Paul
    Nicht nur im Bereich Software haben diese ihre „Freiheit” aufge­ge­ben sondern teil­weise auch im Bereich Content. Apple ist sehr rigoros was die Inhalte betrifft… davon waren und sind nicht nur Zeitschriften-Apps wie die von Stern betrof­fen, sondern auch in Büchern zensiert (Stichwort „Sperm Whale” im Klassiker Moby Dick) Apple munter alles was nicht in Jobs mora­li­sches und ethi­sches Weltbild passt. Eine Internetsperre braucht die Politik bald nicht mehr, gerade mora­lisch und gesell­schaft­lich kontro­verse Inhalte sind im heilgen Mikrokosmos des iNET schon längst gesperrt und von hier ist es nur ein kleiner Schritt bis auch poli­tisch kontro­verse Inhalte davon betrof­fen sind (in China ist man ja schon soweit).

  6. Eine Sache, und Software ist eine, kann nicht frei oder unfrei sein. Nur der Mensch (und viel­leicht auch noch das Tier) kann diese Eigenschaften besit­zen.

    Jetzt gibt es Lizenzverträge, die dem Nutzer und dem Entwickler viele Freiheiten über­las­sen, und solche, die ihn eher einschrän­ken. Die Entscheidung, sich einem solchen Lizenzvertrag zu unter­wer­fen, ist aber immer eine freie. Und sie bleibt es auch, weil man sich jeder­zeit für das Gegenteil entschei­den kann, also den Vertrag nicht abzu­schlie­ßen.

    Das ist bei der „Freien Software” auch nicht anders. Auch die besteht auf dem Urheberrecht, ja wird durch dieses auch erst möglich, und auch sie enthält Auflagen, also Freiheitseinschränkungen (als BSD-Lizenz weniger, aber die gilt stall­mansch ja selt­sa­mer­weise als nicht so frei…).

    Dass es Einschränkungen bei (Lizenz-)Verträgen gibt, mag man bedau­ern. Tue ich auch. Aber richten darüber kann niemand.

    Der Unterschied zwischen Apple heute und Microsoft früher ist ganz einfach einer der Marktbeherrschung. Zwar sind die IPhones Marktführer, aber nur in ihrem Segment und auch das nicht unbe­strit­ten — es gibt genug Alternativen, die den Nutzer und Entwickler nicht de facto davon ausschlie­ßen, von Netzwerkeffekten zu profi­tie­ren.

    1. Richtig:

      Der Unterschied zwischen MS und Apple entsteht dadurch, dass Apple Hardware + Betriebssystem + Apps im Bundle anbie­tet.

      MS’s Machtstellung entstand dadurch, dass sie mit allen PC Herstellern koope­rier­ten. Sie waren zu allen Anbietern der vorge­la­ger­ten Wertschäüfungsstufe kompa­ti­bel, wegen des Quasi-PC-Standards. Und ab ihrer eigenen Stufe kontrol­lier­ten sie alles. Dadurch bekamen sie eine mono­pol­ar­tige Stellung, die erst durch Linux etwas in Frage gestellt wurde (mehr für Server als für PCs).

      MS geriet erst unter Kartellvorwürfe, als sie anfin­gen, ihre Marktstellung zu miss­brau­chen. Indem sie bestehende Standards wie Java abgrif­fen und verfrem­de­ten. Es gab z.B. danach eine Zeit lang Online Banken, die nur über den MS Internetexplorer bedien­bar waren.

      Apple kehrt nun eigent­lich wieder zu den alten IBM — Zeiten zurück, als ein Computer noch ein voll­in­te­grier­tes Gerät war. Als solches sollen wir wohl auch ein Smartphone betrach­ten. (Die Automobilhersteller behan­deln ihr InCar Infotainment übri­gens ähnlich.)

  7. @Rayson: Es bestrei­tet keiner, dass eine freier Mensch etwas anderes ist als freie Software. Steht ja sogar im Artikel. ;-)

    Ich frage Dich jetzt aber, wie groß man den Marktanteil von Apple werden lässt, bevor man die restrik­ti­ven Lizenzbedingungen thema­ti­sie­ren darf. Die gesamte Medienbranche schmeißt sich Apple an den Hals und meint, dass vom Erfolg Apples das eigene Überleben abhinge.
    Nach dieser Ankündigung im ameri­ka­ni­schen Fernsehen:
    1.) Wie kritisch werden Döpfners Blätter zukünf­tig über Apple berich­ten?
    2.) Wie wird über die eigenen „tollen” Apps Werbung für Apple gemacht?
    3.) Welche Folgen wird die massive Werbung der Medien für den Marktanteil von Apple haben?

  8. @Steffen Voß

    Ich frage Dich jetzt aber, wie groß man den Marktanteil von Apple werden lässt, bevor man die restrik­ti­ven Lizenzbedingungen thema­ti­sie­ren darf.

    Thematisieren darfst du alles, und ich werde mich immer für das Recht einset­zen, dass du es darfst…

    Eine andere Frage ist die, wo gesetz­li­ches Eingreifen geboten ist. Und da beides oft so locker-flockig inein­an­der­zu­grei­fen pflegt, würde ich es hier mal gerne trennen. Denn bei allem, was man an Apple viel­leicht nicht mag: Apple hat bislang nur die Macht, die man ihm frei­wil­lig über­trägt. Eine entge­gen­lau­fende Gesetzgebung wäre Anmaßung von Wissen.

    1. Bei euch Sozis geht das, wie gesagt, locker-flockig inein­an­der, deswe­gen würde ich gerne diese Unterscheidung mal ins Spiel bringen. Und erst dann kann ich ja beur­tei­len, wer was will.

  9. @Rayson: Korrekt lautet das Voltaire-Zitat: „Du bist anderer Meinung als ich und ich werde dein Recht dazu bis in den Tod vertei­di­gen.” ;-)

    @Christian: Vielleicht kann man sich das aus „Ich vermute, jede Kartellbehörde der Welt wäre Bill Gates mit dem nackten Arsch ins Gesicht gesprun­gen.” heraus­le­sen. So ist das aber nicht gemeint.

    Ich wollte zur Diskussion stellen, ob es nicht fatal sein könnte, wenn die gesamte vierte Macht in Deutschland ihr Geschäftsmodell an ein einzi­ges ameri­ka­ni­sches Unternehmen bindet, dass schon jetzt für sehr unfreie Lizenzbestimmungen bekannt ist.

    1. @Steffen Voß

      Danke für die Korrektur. Aber ich wollte nicht zitie­ren, sondern nur para­phra­sie­ren. Du hättest mir schon zutrauen können, das Voltaire-Zitat, wäre es mir nicht aus anderen Quellen bekannt, notfalls auch zu ergoo­geln …

      Ich wollte zur Diskussion stellen, ob es nicht fatal sein könnte, wenn die gesamte vierte Macht in Deutschland ihr Geschäftsmodell an ein einzi­ges ameri­ka­ni­sches Unternehmen bindet, dass schon jetzt für sehr unfreie Lizenzbestimmungen bekannt ist.

      Klar kann das fatal sein. Für einige, für andere nicht. Es gibt schlech­ter­dings kein Handeln, dass die Lage für jeden nur verbes­sert. Soweit Ausssagen nur so weit gehen, geben sie auch nur Triviales wieder. Deses Blog hier ist ja sehr nahe an der Tagespolitik — also: Was folgt daraus? Oder reicht es, dass wir mal darüber geredet haben?

  10. @Rayson: Ich bin hier nicht, um Antworten zu geben. Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedie­nen und dann handle nur nach derje­ni­gen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allge­mei­nes Gesetz werde. ;-)

    1. Kant wäre ja klasse, aber er hat kein den Sozialdemokraten vergleich­ba­ren „track record”, was die Umsetzung einer bestimm­ten Moral in Gesetze angeht…

  11. Wem das iPad zu mächtig wird, der kann in Berlin demnächst das WePad kaufen: http://www.tagesspiegel.de/medien-news/digital/Apple-Neofonie-iPad-WePad;art303,3083282

    Zugegeben: Der Produktname ist nicht beson­ders origi­nell. „We” soll aber auf offene Schnittstellen hinwei­sen. Alles was beim iPad am Geschäftsmodell kriti­siert bzw. vermisst wird, wird beim WePad gehen. Der Hersteller Neofonie verdient dann aller­dings nur an der Hardware..

  12. Mich wundert sowieso der Hype um das WePad. Es gibt ja noch andere ähnli­che Produkte, die bereits auf der CES vorge­stellt wurden und diesen Sommer auf den Markt kommen (sollen), wie z.B, das HP Slate. Und die Datenkrake Google ist ebenso bei der Entwicklung einer Alternative zum iPad. Ähnlich wie bei den Eee PC wird es inner­halb einer Jahresfrist genü­gend — auch freie — Alternativen zum iPad geben, die tech­nisch inter­es­san­ter und auch leis­tungs­fä­hi­ger sein werden.

    1. Der Hype hat einen Grund: Ausnahmsweise sieht es so aus, als hätten ITler aus deut­schen Landen ein Konsumprodukt zustande gebracht. Das wäre eine Sensation. Vielleicht sieht es aber auch nur so aus.

      1. @ Frank
        Abwarten… solange man dieses Gerät nicht in den Händen halten kann, solange glaube ich nicht daran, dass von diesem Produkt mehr als nur ein Prototyp exis­tiert.

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