Wie war das nochmal mit der Mehrwertsteuer?

In der Debatte um die nied­ri­gen Lohnkosten in Deutschland sprach Angela Merkel von großen Anstrengungen. „Ungerechte Zumutungen” wäre ein besse­rer Begriff, wie das Beispiel Mehrwertsteuer zeigt. Diese sollte seiner­zeit auch für die Senkung von Sozialabgaben herhal­ten. Viele haben dabei auf die Vorbilder in Skandinavien verwie­sen.

Dort trage der Konsum durch eine höhere Mehrwertsteuer angeb­lich einen viel größe­ren Anteil zur Staats- und Sozialstaatsfinanzierung bei und wir bräuch­ten deswe­gen einen ähnlich hohen Mehrwertsteuersatz. Dies ist leider falsch, wie man aus folgen­der Darstellung für das Jahr 2007 ablesen kann:

Mehrwertsteuer Anteil am Steueraufkommen
Deutschland 19,00% 19,40%
Schweden 25,00% 19,10%
Dänemark 25,00% 21,40%
Finnland 22,00% 19,50%

Quelle: OECD Revenue Statistics & OECD Consumtion Tax Trends 2008.

8 Gedanken zu „Wie war das nochmal mit der Mehrwertsteuer?“

  1. zzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzz…
    Habt ihr auch Themen? Gibt*s nen Grund, die SPD zu wählen?

    Nur mal neben­bei ange­fragt…

    1. Ja, aber Gründe, die SPD zu wählen, sind nicht Thema dieses einzel­nen Blog-Beitrags. Das Format „Blog” und dessen grund­le­gen­der Aufbau ist Ihnen bekannt, oder?

      Dieser Blog begreift sich nicht als SPD-Wahlveranstaltung. Sein Zweck ist nicht primär, Gründe für die Wahl der SPD aufzu­zei­gen.

  2. Was in den Zahlen nicht steht: die genann­ten Vergleichsländer finan­zie­ren ihre Sozialausgaben zu einem größe­ren Teil aus Steuern (statt wie D aus Sozialabgaben), so dass sie auf eine höhere Steuerquote (ungleich Staatsquote, da sind nämlich die Sozialabgaben drin) kommen. Daher ist dann auch natur­ge­mäß der Anteil der MwSt in Schweden am Gesamtsteueraufkommen nied­ri­ger als in D, obwohl der Satz deut­lich höher liegt und die Schweden bestimmt nicht deut­lich weniger ihres BIPs verkon­su­mie­ren als die Deutschen.

    Steuer- und Sozialsysteme sollte man am Besten nur als Ganzes betrach­ten. Das Herauspicken von einzel­nen Zahlen, um Argumente für die eigene Position zu finden, ist intel­lek­tu­ell unred­lich und oft nah an einer Lüge. Wer etwas verschweigt, was zur Bewertung nötig ist, handelt zumin­dest mani­pu­la­tiv.

  3. @Forentourist: In der Tat ist das richtig (wobei zumin­dest Finnland am BIP gemes­sen auch relativ hohe Sozialabgaben hat). Nur ist das Steuersystem in diesen Ländern an sich viel gerech­ter. Und wenn man, wie du es möch­test, Steuern und Sozialsysteme als ganzes betrach­tet, dann ist die Behauptung, dass die Sozialabgaben (und darüber auch die Lohnkosten) zu hoch sind eben­falls aus 2 Gründen unbe­rech­tigt:
    a) Unsere Gesamtabgabenquote (also Steuern und Sozialabgaben) liegt eher im euro­päi­schen Mittelfeld und
    b) auch unter Berücksichtigung von Sozialabgaben haben sich die Lohnstückkosten in Deutschland eher sehr zurück­hal­tend Entwickelt

  4. @Igor

    Nur ist das Steuersystem in diesen Ländern an sich viel gerech­ter.

    Das ist ein Werturteil und kein Argument…

    Unsere Gesamtabgabenquote (also Steuern und Sozialabgaben) liegt eher im euro­päi­schen Mittelfeld

    Das „zu hoch” kann sich sinn­vol­ler­weise nicht auf eine reali­sierte Quote bezie­hen, denn „zu hoch” sind die Abgaben immer dann, wenn sie aus ansons­ten sinn­vol­len Handlungen solche machen, die man lieber unter­lässt. Um das zu beur­tei­len, muss man sich die Grenzbelastungen diver­ser wirt­schaft­li­cher Entscheidungen anschauen. Ein Beispiel: Für die Bezieher von ALG II ist jeder Hinzuverdienst, der über wenige Hundert Euro hinaus­geht, mit einer Art Grenzsteuersatz von ca. 80% belegt. Dementsprechend kommt es zu solchen Hinzuverdiensten kaum und die Abgaben, die darauf erhoben worden wären, bleiben fiktiv.

    Das wäre der grund­sätz­li­che Einwand. Ansonsten müsste man viel­leicht noch ergän­zen, dass die deut­sche Abgabenquote etwas mani­pu­liert ist, z.B. durch die Behandlung des Kindergelds oder der EEG-Abgaben.

    auch unter Berücksichtigung von Sozialabgaben haben sich die Lohnstückkosten in Deutschland eher sehr zurück­hal­tend Entwickelt

    Das bestrei­tet keiner. Aber deswe­gen werden sie noch nicht zu „nied­ri­gen”, jeden­falls in abso­lu­ten Zahlen gerech­net.

    Auch hier müsste man noch eine Grundsatzbetrachtung anbrin­gen. Lohnstückkosten sind eigent­lich eine schöne Zahl vor allem für Tonnenideologen. Für ökono­mi­sche Fragestellungen ist die Produktivität aussa­ge­kräf­ti­ger. Aber mal abge­se­hen davon, ist auch hier wieder das am Markt beob­acht­bare natür­lich nicht „zu hoch” für „die Wirtschaft”, also um das gege­bene BIP zu erzeu­gen, denn wenn es das wäre, würde es nicht am Markt zu beob­ach­ten sein. Das Problem ist aber, dass es für einige bestimmte Arbeitnehmer „zu hoch” ist, nämlich für alle Arbeitslosen.

  5. auch unter Berücksichtigung von Sozialabgaben haben sich die Lohnstückkosten in Deutschland eher sehr zurück­hal­tend Entwickelt

    *seufz*
    Hach, die Lohnstückkosten wieder. In meinen Augen eine der unsin­nigs­ten Vergleichsgrößen über­haupt. Für die preis­li­che Wettbewerbsfähigkeit eines Gutes sind i.d.R. STÜCKKOSTEN ausschlag­ge­bend. Diese setzen sich aus Lohn- und Kapitalkosten zusam­men.
    Zur Veranschaulichung: Wenn ich ein Loch aushe­ben will, kann diese Arbeit von einem Mann mit Bagger erle­digt werden oder von einem Mann mit einer Schaufel. (Zur Vereinfachung wollen wir einmal unter­stel­len, beide Männer würden für den glei­chen Stundenlohn arbei­ten, sagen wir zu 10€/h).
    Für unser Loch benö­tigt der Baggerführer 1 Stunde. Miete für den Bagger sei 100€. Macht zusam­men 110€.
    Der Schaufler braucht 8 Stunden. Dazu Schaufelkosten in Höhe von 10€. Zusammen 8x10+10=90€.
    Also geht der Auftrag an den Schaufler.

    Nun kommt die Deutsche Lochgewerkschaft und drückt einen höheren Tarif für das komplette Lochgewerbe durch: Stundenlohn 15€
    Die Kalkulation ändert sich wie folgt:
    Variante Bagger: 1×15+100=115
    Variante Schaufel:8x15+10=130

    Dadurch wird der Baggerführer im Vergleich güns­ti­ger als der Schaufler und bekommt den Auftrag für unser Loch.
    Jetzt schauen wir auf die Lohnstückkosten: Diese betru­gen bei 10€ Stundenlohn 80€. Bei 15€ aber nur noch 15€, sind also um über 80% gesun­ken!

    Konklusio: Bei stei­gen­den Löhnen können die Lohnstückkosten sinken, wenn die Produktionsweise weniger arbeits- und dafür mehr kapi­tal­in­ten­siv ausfällt.
    Sie taugen daher nicht unbe­dingt als Maßstab für unter­schied­li­che Unternehmen (oder gar Volkswirtschaften).
    Und schon gar nicht taugen sie zum „Produktivitätsvergleich” über Ländergrenzen hinaus: Wenn ein deut­scher Locharbeiter im Bagger achtmal so „produk­tiv” ist wie z.B. ein Chinesischer mit Schaufel, so liegt das nicht daran, dass der deut­sche so viel schnel­ler schippt, sondern weil man (=böse Kapitaleigner) ihm freund­li­cher­weise einen Bagger zur Verfügung gestellt hat.

    1. *seufz*
      Hach, die Lohnstückkosten wieder. In meinen Augen eine der unsin­nigs­ten Vergleichsgrößen über­haupt. Für die preis­li­che Wettbewerbsfähigkeit eines Gutes sind i.d.R. STÜCKKOSTEN ausschlag­ge­bend. Diese setzen sich aus Lohn- und Kapitalkosten zusam­men.

      Ich halte sie nicht per se für Unsinnig, aber im konkre­ten Beispiel will ich dir nicht wider­spre­chen. Die Richtigkeit meiner vorigen Behauptung, wird jedoch eher bestärkt wenn man statt der Entwicklung der Lohnstückkosten die Reallöhne heran­zieht (behaupte ich mal ohne in die Statistik zu schauen, aber hab das so im Hinterkopf)

      1. Der Beitritt von Neufünfland 1990 brachte wenig Kapital und viel Arbeitskraft in die gesamt­deut­sche Volkswirtschaft ein. Dadurch hätten eigent­lich die Löhne sinken müssen (Relation Kapital/Arbeit gesun­ken, daher nied­ri­gere Produktivität pro Arbeitsstunde->wenn weniger pro Stunde erzeugt wird, gibt es auch weniger zu vertei­len, also nied­ri­gere Löhne). Das ist nicht gesche­hen (zumin­dest nicht in dem nötigen Maße), sondern es entstand Arbeitslosigkeit bei fast gleich­blei­ben­dem Lohnniveau.
        Um das wieder einzu­ren­ken, hat man dann einein­halb Jahrzehnte eine zurück­hal­tende Lohnpolitik betrie­ben. Und das dürfte auch noch ein paar Jahre so weiter­ge­hen, bis die nied­rige Geburtenrate voll durch­schlägt und Arbeitskräfte wieder knapp werden. Dann wird man zumin­dest am Sonntagabend im Fernsehen nicht mehr über Arbeitslosigkeit deba­tie­ren, sondern um den Zustand unserer Staatsfinanzen und beson­ders die Dauerkrise der Rentenversicherung…

        Von daher sind Deutschland und die anderen Länder nicht zu verglei­chen. Die Integration einer führen­den Industrienation und einer bank­rot­ten Planwirtschaft in eine Volkswirtschaft (mit gemein­sa­men Arbeitsmarkt) ist bisher einma­lig. China hat nicht umsonst auf die voll­stän­dige Integration von Hong Kong und Macao verzich­tet. Ich mag mir gar nicht vorstel­len, was passie­ren würde, wenn es zur einer korea­ni­schen Wiedervereinigung käme, da sind die Unterschiede noch gravie­ren­der und der Anteil der weniger entwi­ckel­ten Bevölkerung größer (DDR war unge­fähr 20% von Gesamtdeutschland, Nordkorea wäre ein Drittel von Gesamtkorea).

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