Kindesmissbrauch, Zölibat und Öffentlichkeit

Die deut­sche Öffentlichkeit debat­tiert aktuell über Kindesmissbrauch. Ein schwie­ri­ges Thema. Etliche Fälle wurden enthüllt. Weitere Enthüllungen sind zu erwar­ten, da die Mauer des Schweigens nun offen­sicht­lich einge­ris­sen wurde. Hoffentlich für immer.

Anfänglich versuch­ten inter­es­sierte Kräfte, die Debatte zu veren­gen und Kindesmissbrauch mit Generalkritik an der katho­li­schen Kirche zu vermen­gen. Das war durch­schau­bar und plump. Jeder darf seinen Kirchenhass nach Belieben pflegen, dieses Thema ist jedoch zu ernst für derart pein­li­che Spielchen.

Kindesmissbrauch kann überall dort auftre­ten, wo Kinder von Erwachsenen abhän­gig sind: in der Schule, im Sportverein, in der Kirche, im fami­liä­ren Umfeld. Die meisten Missbrauchsfälle treten im fami­liä­ren Umfeld auf.

In einigen Diskussionen wurde der Zölibat verant­wort­lich für Kindesmissbrauch gemacht. Ich halte das für einen überaus infamen Vorwurf, der nicht zu recht­fer­ti­gen ist. Die katho­li­sche Kirche hat für sich entschie­den, dass ihre Priester zöli­ba­tär leben sollen. Das kann man schlecht oder gut finden — als evan­ge­li­scher Christ ist es für mich schwer verständ­lich, aber wer bin ich, anderen Vorschriften zu machen, wie sie ihre Religion zu gestal­ten haben? Niemand wird gezwun­gen, Priester zu werden, und niemand wird gezwun­gen, Priester zu bleiben. Die Entscheidung für den Zölibat ist also frei­wil­lig. Dass die katho­li­sche Kirche momen­tan darüber nach­denkt, den Zölibat teil­weise oder ganz abzu­schaf­fen, bleibt ihr unbe­nom­men — ich denke aber, sie tut sich keinen Gefallen, wenn sie dies auf Druck der Öffentlichkeit tut. Denn im Endeffekt würden damit zöli­ba­tär lebende Priester unter Generalverdacht gestellt.

Es ist doch so: Kindesmissbrauch kann überall auftre­ten. Es kann der Lehrer in der Grundschule sein, der Onkel, der Fußballtrainer, der Pfarrer.

Was mögli­cher­weise notwen­dig ist, sind bessere Richtlinien für den profes­sio­nel­len Umgang von Erwachsenen mit Kindern. Das darf aller­dings nicht in Vorverdächtigung von Millionen von Ehren- und Hauptamtlichen ausar­ten.

Es gilt, die Balance zu finden: Kinder müssen geschützt werden. Gleichzeitig sollen sie sich entfal­ten können, lücken­lose Überwachung ist weder möglich noch erwünscht.

Kinder sollten die Möglichkeit haben, sich an Vertrauenspersonen zu wenden, wenn sie den Verdacht haben, dass etwas nicht stimmt. Mit derlei Verdachtsmomenten aller­dings muss überaus sensi­bel umge­gan­gen werden — eine falsche Verdächtigung genügt, um eine bürger­li­che Existenz zu vernich­ten.

Die Debatte zeigt: es gibt Missbrauch in Deutschland. In größe­rem Ausmaß, als anschei­nend ange­nom­men wurde.

Das Thema darf nicht von der poli­ti­schen Agenda verschwin­den, wenn die nächste Sau durchs Dorf getrie­ben wird. Die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft müssen seriös und nach­hal­tig agieren. Populistische Schnellschüsse helfen nichts, im Gegenteil.

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

9 Gedanken zu „Kindesmissbrauch, Zölibat und Öffentlichkeit“

  1. Ohne reli­giö­sen Mißbrauch an Erziehungsbefohlenen und pädago­gisch Abhängigen
    in irgend­ei­ner Weise zu entschul­di­gen, warum thema­ti­siert man/frau nicht poten­ti­elle
    sexu­elle Nötigungsgefahren in NPM-orien­tier­ten Universitäten etc, wo mit Engführung
    der Zugangsberechtigung zu Master-und Doktorantenstudiengang sich ebenso
    Wohlverhaltenserzwingungsgründe durch männ­li­che oder weib­li­che Dozenten ergeben können?

    1. Das könnte man aber bei jeder Prüfungssituation anfüh­ren: Schule, Führerschein, Assessmentcenter, Parteitag…
      Dagegen helfen nur klare Entscheidungsregeln — was leich­ter wäre, wenn Multiple-Choice nicht als verfas­sungs­wid­rig einge­stuft würde.

  2. Da zur Zeit Missbrauchsfälle in zwei sehr unter­schied­li­chen Millieus ans Tageslicht kommen — der konser­va­ti­ven katho­li­schen Kirche auf der einen, der betont anti­au­to­ri­tär-reform­päd­ago­gi­schen Odenwaldschule auf der anderen -, bietet sich viel­leicht endlich einmal die Gelegenheit, wirk­lich ÜBER sexu­el­len Missbrauch zu reden, statt wie üblich nur die mora­li­sche Verkommenheit der anderen zu geis­seln und die Vorkommnisse im „eigenen Lager” als Einzelfälle abzutun.
    Die katho­li­sche Kirche muss sich vorwer­fen lassen, zu oft versucht zu haben, Dinge intern zu regeln statt sie öffent­lich zu machen und so das ganze Ausmaß zu Tage zu fördern.
    Auf der anderen Seite gab es in manchen „sexu­al­re­for­me­ri­schen” Zirkeln die naive Vorstellung, sexu­elle Kontakte zu Kinder und Jugendliche wären problem­los (und sogar förder­lich für die Entwicklung der Persönlichkeit), solange dabei keine Gewalt im Spiel wäre. Das mag in Einzelfällen viel­leicht sogar zutref­fen, jedoch ist in Anbetracht der gewal­ti­gen Differenz in Lebenserfahrung, Argumentationskraft und Autorität im Regelfall eher anzu­neh­men, dass eine „Einwilligung” zu einem guten Teil auf Unterlegenheit beruht. Kinder folgen nun einmal relativ leicht Autoritäten wie Lehrern oder Jugendgruppenleitern, da sie von diesen im Normalfall „rich­ti­ges” Verhalten erler­nen. Da fällt es leicht, mani­pu­la­tiv ein bißchen nach­zu­hel­fen, um Konsens herzu­stel­len: „Dir gefällt es doch auch, wenn du auf meinem Schoß sitzt, oder?”

    Man sollte etwas genauer hinschauen, unter welchen Umständen Mißbrauch auftritt. Kinder verbrin­gen einen guten Teil ihrer Zeit unter Aufsicht von staat­li­chen (Schule) und priva­ten (meist Eltern) Erziehern. Wenn man sie nun für eine längere Zeit in der einen oder anderen Sphäre beläßt (Homeschooling vs. Ganztagsschule), so verla­gert sich nur der Ort der Gefährdung, aber die Gefahr schwin­det nicht. Jedoch braucht es auch ein gewis­ses „Händchen” für die Abwägung zwischen Wegschauen und Mißbrauchshysterie (Hallo Großbritannien!). Im schlimms­ten Fall endet es nämlich wie in Deutschland nach den „Wormser Prozessen”: die Kinder wurden so lange bear­bei­tet, bis sie prak­tisch jeden belas­te­ten (wenn man ein Kind nur oft und pene­trant genug fragt, merkt es, dass die gege­bene Antwort nicht die gewünschte ist); und obwohl alle Angeklagten frei­ge­spro­chen wurden, waren einige der Kinder inzwi­schen so von ihren Eltern entfrem­det, dass sie weiter in Obhut des Erziehungsheimes „Spatzennest” blieben — um sich dort von einem Erzieher mißbrau­chen zu lassen.

    Lange Rede, kurzer Sinn: beim Umgang mit Kindern gilt „Genau hinschauen — solange sie sich nicht gerade umzie­hen” ;-)

  3. Da stimme ich dir, Christian, mal Wort für Wort (bis auf das „evan­ge­lisch” ;-)) zu. Ich finde es uner­träg­lich, wie flach und wieder einmal auf das Eindreschen bevor­zug­ter Feindbilder redu­ziert diese Fälle „disku­tiert” werden.

    Und dass römisch-katho­li­sche Laienorganisationen sich jetzt nicht entblö­den, sich in Folge dieser Medienberichte auf eine Zölibats-Debatte einzu­las­sen, ist einfach nur pein­lich.

    Nicht, dass ich falsch verstan­den werde: Ich halte den Zölibat für unsin­nig, und ich freue mich, in einer Kirche zu sein, in der dieser wenn, dann nur frei­wil­lig prak­ti­ziert wird. Aber wenn man darüber disku­tiert, dann soll man es wegen der Probleme tun, die er wirk­lich verur­sacht.

    1. Vielleicht noch als Ergänzung: Wenn man der römisch-katho­li­schen Kirche etwas vorwer­fen kann, dann, zu lange versucht zu haben, diese Fälle intern zu „klären”. Aber dazu neigen nun einmal Organisationen und sons­tige Gemeinschaften, und das auch noch, je mehr sie sich durch als unbe­rech­tigt empfun­dene Angriffe von außen in eine Art „Wagenburgmentalität” flüch­ten.

  4. Das Problem ist nicht das Zölibat an sich. Du hast Recht: Jeder geht es frei­wil­lig ein und jeder kann damit auch wieder aufhö­ren. ABER: Es zieht Leute an, die Probleme mit ihrer Sexualität haben. Männer, die sich ihre Homosexualität nicht einge­ste­hen wollen, ihren Fetisch oder ihre Pädophilie. Das Priesteramt ist ein gesell­schaft­lich aner­kann­ter Weg, sich nicht mit Sexualität ausein­an­der zu setzen. Ein Priester hat halt keine. Keine Sexualität zu haben klappt für Asexuelle — die es ja durch­aus gibt und für Männer, die einen beson­ders starken Glaube haben. Wobei die natür­lich von den Asexuellen nicht trennen kann. Diese bilden aber viel­leicht die Mitte der Priesterschaft. Und dann gibt es auf der einen Seite die Priester, die über Jahrzehnte ein „sehr vertrau­li­ches Verhältnis” zu ihrer Putzfrau haben und es gibt auf der anderen Seite eben diese anderen Fälle…

    Kurz: Das Zölibat produ­ziert keinen Kindesmissbrauch. Es zieht aber komi­sche Leute an.

  5. Danke für die guten Ergänzungen. Dass mir Rayson komplett zustimmt, macht mich aller­dings ein wenig nach­denk­lich … ;-)

Kommentare sind geschlossen.