Alternative Wahlkreiseinteilung

8. März 2010
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Vor einiger Zeit habe ich ja ein anderes Wahlrecht vorgeschlagen. Die BRD in 50 Wahlkreise aufteilen und in jedem 12 Abgeordnete nach Verhältniswahl wählen. Für die Vorteile aus meiner Sicht kann man meinen alten Artikel noch mal lesen.

Jetzt habe ich tatsächlich eine Einteilung gemacht und ein Ergebnis für 2009 ermittelt. Ich hoffe, ich bekomme sie anständig hochgeladen. Bzw, ich hoffe, Christian kann mir weiterhelfen. [Update: Link zum Google-Dokument. –C.S.]

1. Ich habe die neuen Wahlkreise auf Basis der alten erstellt und habe notfalls auch Ländergrenzen überquert.

2. Ich habe das d’Hondtsche Höchstzahlverfahren verwendet. Das ist das Standardverfahren bei kleinen Mandatszahlen (zum Beispiel auch bei Kommunalwahlen in den meisten Bundesländern oder Betriebsratswahlen).

3. Die Wahlkreise sind von Nord nach Süd nummeriert. Die Ausnahme ist NRW. Die habe ich zum Schluss eingeteilt, weil ich beim Ruhrgebiet etwas genauer hingucken musste.

4. Da Hamburg ein Wahlkreis ist, habe ich keine Wahlkreisergebnisse recherchiert, sondern dreist das Landesergebnis genommen.

Ich bitte zu beachten:

1. Die Wahlkreise tun der Geographie keine Gewalt an, der Soziologie unter Umständen schon. Ich musste auch Gebiete zusammenwerfen, die nichts miteinander zu tun haben. Das könnte man bestimmt besser machen. Mir fehlte die Zeit.

2. Die Einwohnerzahl variiert wohl. Das liegt daran, dass es nicht ganz einfach ist, die Einwohnerzahl eines Bundestagswahlkreises zu ermitteln (beim Bundeswahlleiter findet man nur die Zahl der Wahlberechtigten und die ist nur bedingt aussagekräftig). Das hätte einen großen Aufwand bedeutet, den ich mir nicht antun wollte. Natürlich müssten die Wahlkreise bei einem Wahlrecht wie „meinem” gleich groß sein.

3. Ein Wahlkreis besteht immer aus sechs alten. In der Gegend von Bremen habe ich einen aus fünf gemacht. Das war nötig, weil wir ja 299 Wahlkreise haben… Bremen deshalb, weil die bremischen Wahlkreise meines Wissens ziemlich groß sind. Trotzdem glaube ich dass dieser Fünferwahlkreis zu klein ist.

4. Wenn man ein Wahlsystem nach Personen machen würde (grob wie bei baden-württembergischen Kommunalwahlen), würden die Ergebnisse natürlich auch anders aussehen, weil es die Möglichkeit gäbe, seine Stimme quasi zu teilen.

5. Ich wollte ursprünglich auch die Sonstigen berücksichtigen. Da gibt es aber keine „kollektiven” Daten und ich wollte nicht die Ergebnisse aller kleinen Parteien addieren. Ich habe aber überprüft und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass weder die Piraten noch die NPD nach meinem Wahlrecht an einen Sitz kommen.

Diese Probleme und auch andere sind mir bewusst. Seid also nicht zu streng.

Nun zu den Ergebnissen:

- Die Union verliert Sitze, weil keine Überhangmandate mehr zustande kommen. Allerdings hat sie trotzdem mehr Sitze als Stimmanteile

- SPD profitiert leicht, FDP verliert leicht.

- Linke bleibt konstant (große Überraschung für mich); das liegt daran, dass die 7 % in den meisten westdeutschen Wahlkreisen für einen Sitz einfach reichen. Und im Osten sahnt die Linke eh ab.

- Die Verlierer in diesem Modell sind die Grünen. Die kommen im Osten oft zu kurz und im Westen mit 12 % oder so nur auf einen Sitz. Sie büßen in meinem Modell 12 Sitze ein. Allerdings wären sie bei einem besseren Abschneiden, auch wenn es nur 2 % wären, in Ost und West wahrscheinlich Gewinner.

Im Großen und Ganzen findet eine leichte Konzentration statt, allerdings nicht so groß wie bei einem Mehrheitswahlrecht. Das ist natürlich nur auf der Basis der Ergebnisse von 2009, bei 2005 könnte das ganz anders aussehen.


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11 Responses to Alternative Wahlkreiseinteilung

  1. Markus Ritter on 9. März 2010 at 09:58

    Der Wegfall von Listenplätzen wäre für die „Spitzenkandidaten” aber ganz schlecht. Die müssten dann eventuell umziehen, wie das Nils Schmid für die Landtagswahl 2011 in Ba-Wü momentan tut, weil ihm der Wahlkreis Nürtingen nicht sicher genug ist.

  2. R.A. on 9. März 2010 at 10:06

    Grundsätzlich eine gute Idee, um mehr Personalisierung zu ermöglichen.
    Aber da gibt es einiges zu verbessern.

    Erstens wäre es absurd, hier d’Hondt einzusetzen, und damit dessen Verzerrungseffekt mal 50 zu nehmen. Am besten nimmt man überhaupt kein Verhältniswahlrecht, sondern ein modernes Personenwahlrecht:
    http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cbertragbare_Einzelstimmgebung
    http://martinwilke.de/stv/

    Zweitens ist es nicht sinnvoll (und ja auch gar nicht möglich), starr alle Wahlkreise mit 12 Abgeordneten zu bilden. Man kann durchaus unterschiedliche Größen (1015 Abgeordnete) haben, um die Relation zur Zahl der Wahlberechtigten zu wahren und trotzdem geographische Gegebenheiten gut umzusetzen.

    Und drittens kann man nicht erwarten, daß das Wählerverhalten unverändert bleibt. Die Leute haben so abgestimmt, WEIL das alte Wahlrecht so war — bei einem so deutlich veränderten Wahlrecht würde der Wahlkampf ganz anders laufen und auch das Wählerverhalten sich ändern.

  3. Bastian Jansen on 9. März 2010 at 11:08

    Naja, wenn ein Prominenter es nach meinem Wahlrecht nicht schafft, das beste Ergebnis seiner Partei einzufahren, wenn er zudem auf Platz 1 der Liste steht, dann hat er es auch nicht verdient drinzusitzen. Gerade bei den Grünen hätte mein Wahlrecht Cem Özdemirs Sitz gesichert.

    Dass Nils Schmid umzieht, liegt daran, dass das Wahlrecht komplett über den Haufen geworfen wurde; das Fraktionspersonal in BW wird sich wohl bei allen Parteien außer der CDU gründlich ändern…

    Wie gesagt, d’Hondt ist normal bei allen Wahlen mit geringen Mandatszahlen, bei anderen Systemen wäre es (in Abwesenheit einer Sperrklausel) zu einfach, einen Sitz zu bekommen (wahrscheinlich würden bei meinem System schon 4% reichen).

    Das STV-System ist mir bekannt, allerdings habe ich, gerade was das irische Wahlrecht angeht, das Gefühl, dass es viel verzerrender wirkt als mein Vorschlag. Wähl außer Irland noch ein Land nach diesem System?

    Was unterschiedliche Wahlkreisgrößen angeht, lasse ich mit mir reden. Mecklenburg-Vorpommern könnte man als ganzen Wahlkreis nehmen und ihm 14 Sitze verpassen. Verbesserungsvorschläge sind mir willkommen. Allerdings muss ich widersprechen, dass eine gerechte Wahlkreiseinteilung nicht möglich ist. In Großbritannien schaffen sie es auch, alle Wahlkreise gleich groß zu machen (mit einzelnen Abweichungen). Natürlich muss man sie alle paar Jahre anpassen.

    Dass sich Abstimmungsverhalten ändern könnte/würde, gehört zu meinem Punkt 4 bei den Bedenken.

  4. Bastian Jansen on 9. März 2010 at 11:12

    Außerdem täte es der Bodenhaftung des Spitzenpersonals aller Parteien auch ganz gut, wenn sie um ihren Sitz kämpfen müssten.

  5. Markus Ritter on 9. März 2010 at 11:43

    das Fraktionspersonal in BW wird sich wohl bei allen Parteien außer der CDU gründlich ändern…

    Jain. Im Regierungspräsidium Tübingen (da will ich für die FDP antreten, deshalb habe ich mich durch die Zahlen geackert), hätte sich keine Änderung ergeben (wenn schon letztes Mal nach neuem Wahlrecht gewählt worden wäre), weil die Wahlkreise mit den meisten Stimmen auch diejenigen waren, in denen die jeweilige Partei die höchsten Prozentzahlen hatte.

    Im RP Stuttgart ist das dadurch anders, dass es viel mehr Kandidaten in den Landtag schaffen (in Stuttgart beim letzten Mal 27 über ein Zweitmandat) und natürlich auch, weil die Wahlkreisgrösse viel mehr differiert hat (Nürtingen und Heilbronn mit 133000 bzw. 81000 Wählern).

  6. Bastian Jansen on 9. März 2010 at 12:58

    Ich weiß nur, dass, wenn schon 2006 nach dem jetzigen Wahlrecht gewählt worden wäre, weder Nils Schmid noch Claus Schmiedel im Landtag säßen. In Nordbaden hätte es zwei Änderungen gegeben, im RP Stuttgart deutlich mehr.

  7. R.A. on 9. März 2010 at 13:01

    Bastian Jansen :
    Wie gesagt, d’Hondt ist normal bei allen Wahlen mit geringen Mandatszahlen

    Von „normal” kann man hier kaum sprechen, so viele Vergleiche gibt es da ja gar nicht. Und „normal” heißt auch nicht unbedingt sinnvoll, sondern ist oft nur eine Variante von „das haben wir schon immer so gemacht”. Keine gute Ausgangsbasis, wenn man gerade das Wahlrecht auf den Kopf stellen will ;-)

    bei anderen Systemen wäre es (…) zu einfach, einen Sitz zu bekommen

    Zu einfach” gemessen an welchen Kriterien?
    Da muß man schon besser begründen, wenn man landesweit eine so massive Verzerrung einbauen will. Auch beim Verhältniswahlrecht gibt es bessere Verfahren als ausgerechnet das angestaubte d’Hondt.

    Das STV-System ist mir bekannt, allerdings habe ich, gerade was das irische Wahlrecht angeht, das Gefühl, dass es viel verzerrender wirkt als mein Vorschlag. Wähl außer Irland noch ein Land nach diesem System?

    Australien und einige kleinere Einheiten.
    Von Verzerrung kann man eigentlich nicht sprechen. Es ist eine Personenwahl, und bildet die Präferenzen der Wähler ziemlich direkt ab.

    Allerdings muss ich widersprechen, dass eine gerechte Wahlkreiseinteilung nicht möglich ist. In Großbritannien schaffen sie es auch, alle Wahlkreise gleich groß zu machen (mit einzelnen Abweichungen).

    Liebe Güte!
    GB ist geradezu ein Musterbeispiel für ungerechte Wahlkreiseinteilung, die Unterschiede alleine in der Größe sind massiv und der Zuschnitt ist bewußt verzerrend.

  8. Christian Soeder on 9. März 2010 at 15:06

    Ok, Google-Dokument ist verlinkt. ;)

  9. Bastian Jansen on 9. März 2010 at 18:43

    In Irland hat die Fianna Fail 41 % der Stimmen, aber 47 % der Mandate. Dieser Verzerrungseffekt ist stärker als alles, was bei mir vorkommt.

    Unterschiedliche Wahlkreisgrößen in Großbritannien erklären sich vielfach aus historischen Gründen (insbesondere kleine Wahlkreise in entlegenen Gegenden, damit sie räumlich nicht so groß werden). Auch wenn ich zugeben muss, dass zum Beispiel das Bundesverfassungsgericht solche Wahlkreise nicht hinnehmen würde, ist das dort teilweise gewollt. Die Wahlkreise in England haben fast gleiche Größen. Ich gebe zu, dass Labour einen eingebauten Vorteil hat, was die Sitzverteilung angeht. Das liegt aber einfach an der Sozialstruktur. 2002 war zwischen SPD und Union eín Erststimmenunterschied von einem Prozentpunkt. Die SPD gewann 171 Mandate direkt, die Union 125. Die SPD-Wähler waren einfach günstiger verteilt.

    Ein Konzentrationsprozess ist auch Ziel meines Wahlsystems. Ich wollte es aber nicht zu extrem machen, es ist auch nicht extrem (schau dir nur Frankreich an, das ist extrem). Wenn ich jedoch St. Lague anwenden würde, könnte man überall mit 5 % einen Sitz holen. Allzu leicht wollte ich es möglichn regionalen Kleinparteien dann doch nicht machen ;-).

  10. NochkeinHartzeraberbald on 9. März 2010 at 20:53

    Frau Kraft hat die richtige Idee. Nur sollte die Möglichkeit geschaffen werden, die LZA auch in diesen Tätigkeiten, Altenheim usw.im ÖD fest anzustellen. Das wäre der richtige Weg und eine Perspektive für ältere LZA.

  11. R.A. on 10. März 2010 at 13:19

    Bastian Jansen :
    In Irland hat die Fianna Fail 41 % der Stimmen …

    Hat sie nicht, kann sie gar nicht haben — weil ja Kandidaten gewählt werden, keine Parteien. Und noch dazu mehrere Kandidaten pro Stimmzettel. Wer da 41% für Fianna Fail ausgerechnet haben will, hat wahrscheinlich das Wahlrecht nicht verstanden.

    Unterschiedliche Wahlkreisgrößen in Großbritannien erklären sich vielfach aus historischen Gründen …

    Nur in Ausnahmefällen, es gibt oft genug Wahlkreisänderungen.

    Ich gebe zu, dass Labour einen eingebauten Vorteil hat, was die Sitzverteilung angeht. Das liegt aber einfach an der Sozialstruktur.

    Nein, das liegt daran, daß derzeit Labour regiert und völlig freie Hand hat, Wahlkreise zuzuschneiden.
    Als die Tories noch regiert haben, war das natürlich umgekehrt (bei ähnlicher Sozialstruktur).

    Ein Konzentrationsprozess ist auch Ziel meines Wahlsystems.

    OK, dann wäre es besser, so ein Ziel auch transparent zu machen.
    Die Qualität von Maßnahmen kann man nur messen, wenn man die Ziele kennt.
    Ich persönlich lehne dieses Ziel ab, ich halte solche geplanten Verzerrungen für nicht mit dem Demokratieprinzip vereinbar.

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