Nazi! Hitler! Godwin! Westerwelle! Zensur!

Beim Derblecken auf dem Nockherberg hat’s Michael Lerchenberg als „Bruder Barnabas“ nach Meinung der Kritiker zu weit getrieben. Und musste gehen bzw. wurde gegangen. Was hat der gute Mann eigentlich gesagt?

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Und darum dreht er jetzt durch, der Herr Guido, und schwingt seine sozialpolitische Abrissbirne [leichtes Lachen im Saal]. Alle Hartz-IV-Empfänger sammelt der in den leeren verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge [Schwenk auf Niebel und Brüderle; Niebel schaut kritisch, Brüderle amüsiert], drumrum ein Stacheldraht – hamma schonmal g’habt [Niebel verzieht spöttisch den Mundwinkel]. Dann gibt’s jeden Tag a Wassersuppn und a Kanten Brot statt Heizkostenzuschuss gibt’s von Sarrazins Winterhilfswerk zwoa Pullover [großes Gelächter; Schwenk auf Martin Zeil, der herzhaft lacht] und überm Eingang steht, bewacht von neoliberalen Ichlingen im Gelbhemd, in eisernen Letten Leistung muss sich wieder lohnen [leichtes Raunen im Saal].

Daraufhin zitiert Lerchenberg aus der Bayerischen Verfassung und die Veranstaltung geht normal weiter. Niemand springt empört auf oder dergleichen, Martin Zeil freut sich sogar, von Lerchenberg ein Exemplar der Bayerischen Verfassun geschenkt zu bekommen.

Hat Lerchenberg überzeichnet? Mag sein. Das hat Satire so an sich. Grund für einen Rücktritt? Wohl kaum. Doch anscheinend zuviel Kritik für Westerwelle. Beleidigt erklärte er der Paulaner-Brauerei, künftig auf Einladungen verzichten zu können. Ausgerechnet der Mann, der sich als Freiheitsstatue der Republik betrachtet, übt indirekt Druck auf Menschen aus, die von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machen. Ausgerechnet Westerwelle, der seit Wochen auf Meinungsäußerungstour ist, will dies anderen nicht zugestehen – noch nicht einmal im Rahmen der Satire.

Austeilen kann Westerwelle gut, einstecken ganz offensichtlich nicht. Was für eine Lachnummer.

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

5 Gedanken zu „Nazi! Hitler! Godwin! Westerwelle! Zensur!“

  1. Als ich die Meldungen am anderen Tag gelesen habe, habe ich auch zuerst gedacht, die Leute müssen was anderes gesehen haben als ich. In den Reaktionen nach der Predigt kam das Thema KZ-Vergleich kein einziges Mal zur Sprache.
    Vermutlich braucht mittlerweile die Hälfte der anwesenden Politprominenz einen persönlichen Referenten, der ihnen erklärt, was sie da eigentlich genau gehört haben und wie sie das finden.

  2. Was hat er über Stoiber hergezogen. Der hätte Grund, sich zu beschweren. Aber Lautsprecher Westerwelle? Guter Witz.

  3. Neoliberalismus, klinische Psychologie/Psychiatrie und schwarze Pädagogik sind sich in einem einig: in der hierarchischen Unilateralität vernichtender und abwertender Kritik; berechtigte
    Gegenwehr heisst Aggression bzw ADHD

  4. Interessant! Diese unentschlossenen Mienen von Niebel und Brüderle enttarnen diese obendrein als Menschen mit geringer politischer Urteilskraft und Selbstironie. Sie wissen nicht, ob sie lachen sollen oder nicht. Diese Entscheidung hat ihnen ihr Bundesvorsitzender dann nach der Veranstaltung aber abgenommen. Soviel zum Selbstverständnis dieser „Bildungsbürgerlichen“…

    Dieser Akt von Zensur wirft auch die Frage auf, warum „Arbeit“ in diesem Land ein so viel defensiverer Begriff ist als „Leistung“. Und warum die FDP dem „Tag der Arbeit“ einen „Tag der Leistung“ entgegensetzt.

    Dahinter steht doch eigentlich die Verachtung dieser Schnöselliberalen für die eigentlich wertschöpfende Schicht im Lande, oder? Der Leistungsträger erfährt Lohnsteigerungen, der Arbeiter Reallohnverluste. Der soll aber trotzdem noch froh sein, wenn sein vorgesetzter Leistungsträger seinen Job nicht ins Ausland outsourct. (Erinnert Ihr Euch an die Aufforderungen des früheren DIHK-Vorsitzenden und FDP-Mitglieds Braun an den Mittelstand, die Outsourcingpotenziale besser zu nutzen?)

    Und so sinkt das Einkommen des Arbeiters immer weiter, weil sein Leistung tragender Manager den Wettbewerb um die billigste Arbeit organisiert. Sich selbst aber sichert er ab. Am Ende bekommt er die Arbeit umsonst, weil der Staat sie finanziert. Und das, meine lieben Mitgenossen, erinnert mich durchaus an dunkle Kapitel unserer Geschichte. Mancher Großaktionär im Lande -wie z.B. die frühere Batteriefabrikantenfamilie Quandt, verdankt sein Vermögen der Zwangsarbeit anderer.

    Westerwelle sollte mal über die Geschichte nachdenken. Und über sich selbst. Aber das ist von diesem ungebildeten Schreihals einfach zu viel verlangt. Wenigstens hat er mit seiner Pikiertheit dem Auftritt dieses Kabarettisten zu ungeahnter Popularität verholfen.

  5. Gut gemacht Herr Lerchenberg!
    Wenn diese aalglatten Westwerwelles was vors Maul bekommen, um so besser.
    Und peinlich, degoutant und abscheulich ist, dass diese Herrschaften unsere düstere Vergangeheit wirklich aber auch zu jedem ihrer Verdrängungsfeldzüge mißbrauchen.
    Klar, Meinungsfreiheit, aber dann bitte meine Meinung. Und wenn mal nicht (kann man ja nie so ganz ausschließen) dann eben die Nazi-Keule rausholen. In Deutschland noch imemr ein Probates Mitel, Stille zu erzeugen.

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