Enttäuschend

23. Februar 2010
By

1,54 Promille. Mit 1,54 Promille wurde die EKD-Ratsvorsitzende Bischöfin Margot Käßmann beim Überfahren einer roten Ampel von einer Polizeistreife gestoppt.

Das ist enttäuschend.

Als evangelischer Christ habe ich mich sehr auf die Amtszeit der EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann gefreut, auf eine mutige, streitbare Frau, die Unbequemes aus– und anspricht.

Und nun ein derartiges Fehlverhalten. Im schweren VW Phaeton mit 1,54 Promille eine rote Ampel überfahren; Käßmann hatte weder sich selbst, noch ihr Fahrzeug im Griff. Dass niemand verletzt oder gar getötet wurde, ist fast ein Wunder.

Eine EKD-Ratsvorsitzende muss Vorbild sein, muss moralische Integrität besitzen; es machte mir nichts aus, dass Käßmann sich scheiden ließ — ich fand und finde, dass dies die Öffentlichkeit nichts angeht.

Ihre Einwürfe zu Afghanistan fand ich erfrischend und belebend, auch wenn ich nicht komplett ihrer Meinung war und bin.

Und dass sich die Kirche verstärkt zur Sozialpolitik zu Wort meldet, ist richtig und gut.

Trotz alledem: Bischöfin Käßmann muss sich jetzt gut überlegen, ob sie als Ratsvorsitzende nicht zur Belastung für die evangelische Kirche in Deutschland wird.

Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein — das trifft hier nicht. Als EKD-Ratsvorsitzende muss man Vorbild sein für Millionen von Christen und auch Nicht-Christen. Man darf sich nicht derart angreifbar machen.

Im Online-Portal „evangelisch.de” wird das Fehlverhalten Käßmanns prominent behandelt. Die Kommentare der Nutzer sind lesenswert.

Tags: , , , , ,

16 Responses to Enttäuschend

  1. Alex on 23. Februar 2010 at 15:54

    Ich sehe deinen Kommentar und deine Rücktrittsforderungen äußerst kritisch. Du schreibst:

    Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein – das trifft hier nicht.”

    Nein? Sollte das für den wahren Christen nicht immer treffen?

    Als EKD-Ratsvorsitzende muss man Vorbild sein für Millionen von Christen und auch Nicht-Christen.”

    Sicherlich richtig. Aber auch Vorbilder machen Fehler und sind nur Menschen. Vielleicht tut diese Einsicht unserer Gesellschaft, in der jeder nur versucht, Idolen nachzueifern, sogar mal gut.

    Man darf sich nicht derart angreifbar machen.”

    Manchmal würde ich mir wünschen, das Wort „man” würde aus dem deutschen Wortschatz gestrichen. Das ist so furchtbar nichtssagend, und darum geht es hier nicht. Es geht nicht darum, was „man” tut oder nicht tut. Es ist nun mal passiert, und daß es gefährlich und unverantwortlich war, möchte ich nicht in Abrede stellen. Aber es geht jetzt vielmehr darum, wie sie als EKD-Ratsvorsitzende damit umgeht und welche Konsequenzen sie daraus zieht. Einen Rücktritt halte ich daher für falsch. Im Gegenteil kann Frau Käßmann jetzt, wenn sie sich ihrem eigenen Fehlverhalten genauso konsequent stellt, wie sie sich zu Fehlentwicklungen unserer Gesellschaft geäußert hat, und offen damit umgeht, vielen Millionen Menschen Mut machen; Menschen mit Alkoholproblemen, die sich vielleicht genauso fehlverhalten haben und die durch sie das Signal bekommen: Wenn ich mich dem Problem stelle, offensiv damit umgehe und konsequent daran arbeite, kann ich einen Weg zurück in die Gesellschaft finden, ohne dauerhaft geächtet zu werden. Wenn man ihr diese Chance böte, wäre das wahres, gelebtes Christentum! Rücktrittsforderungen und erst recht ein Rücktritt dagegen wäre die Kapitulation der gesamten evangelischen Kirche vor dem Problem Alkohol. Das wäre fatal. Denn man muß eines bedenken: Nicht wenige Suchtberatungsstellen haben die evangelische Kirche als Träger. Ich frage mich, mit welcher Legitimation die noch Betroffene, die oft wesentlich schlimmere Dinge erlebt haben, beraten wollen, wenn sie ihre eigene EKD-Vorsitzende zum Rücktritt zwingen. Das geht dann nicht mehr.

    • Christian Soeder on 23. Februar 2010 at 16:04

      Ich habe keine Rücktrittsforderungen geäußert. Das muss Margot Käßmann mit sich ausmachen.

      Enttäuscht bin ich in jedem Fall. Sogar sehr.

    • Wolf on 23. Februar 2010 at 18:07

      Aber auch Vorbilder machen Fehler und sind nur Menschen.”

      Sicher, aber wo ist die Grenze? Wenn jemand im Phaeton mit 1,54 Promille eine rote Ampel überfährt, ist diese meiner Meinung nach überschritten.

      Vielleicht tut diese Einsicht unserer Gesellschaft, in der jeder nur versucht, Idolen nachzueifern, sogar mal gut”

      Vielleicht tut es unserer Gesellschaft aber auch gut, wenn jemand für ein schwerwiegendes Fehlverhalten Verantwortung übernimmt und Konsequenzen zieht.

    • Jan on 23. Februar 2010 at 18:19

      Naja, es ist halt schon ne heftige Sache. Ich bin nicht unbedingt jemand, der gleich jedem solche Fehler ankreidet — aber 1,54 Promille bedeutet ja mehr, als nur einen über den Durst getrunken zu haben. Für so einen Wert hat mans normalerweise richtig krachen lassen. Wenn man so besoffen ist, dass man eine rote Ampel überfährt muss man sich einfach nur vor Augen führen, dass die übersehene rote Ampel auch ein Radfahrer hätte sein können.

      Die Dame ist die Chefin auch meiner Kirche. Nun mache ich mir aus meiner Kirchenmitgliedschaft nicht besonders viel aber jemand der mir erzählen will, was richtig und was falsch ist muss zumindest seine eigenen Prinzipien und Moralvorstellungen befolgen, wenn ich ihn (oder sie) ernst nehmen soll.

      Mir persönlich ist total Wumpe, ob sie nun zurücktritt oder nicht weil mir Kirche insgesamt ziemlich egal ist und ich anders als Christian der Meinung bin, dass sich Kirchen zu weltlichen Themen am besten gar nicht großartig äußern sollten, zu Politik schon gar nicht. Aber alles, was sie künftig von sich gibt, wird eben auch an dieser Geschichte gemessen werden. Ich nehme nicht an, dass das so unbedingt im Sinne ihres Amtes und der Kirche sein dürfte.

      • Rayson on 23. Februar 2010 at 19:00

        Da stimme ich als Angehöriger einer anderen Konfession mal komplett zu. Ich bin ja schon froh, dass mein Bischof nicht meint, aus der Bibel konkrete politische Vorgaben ableiten zu müssen, aber wenn der mit 1,5 Promille über eine rote Ampel heizen würde (was ich mir bei ihm nicht vorstellen kann), hätte er es auch bei uns sehr schwer.

  2. Frank on 23. Februar 2010 at 20:25

    Habemus vinum — was ist nur mit unseren Geistlichen los??

  3. F.Alfonzo on 23. Februar 2010 at 20:53

    Menschen machen Fehler, sehe ich auch so. Ne 2te Chance sollte jeder haben, oder?

    Abgesehen davon hatte es in einem Deutschen Bundesland auch schon einen Verkehrsminister, der mit 1,75/1000 jemanden totgefahren hat, nur am Rande erwähnt. Da seh ich mal richtig Grund zu meckern…

    Grüße,
    F.Alf

    • F.Alfonzo on 23. Februar 2010 at 20:59

      …und: Jetzt kommen alte Erinnerungen hoch: Der Direktor des ersten Gymnasiums, das ich besucht habe, hat seinen Benz morgens um 7 Uhr im Vollsuff in der schuleigenen Tiefgarage zu Klump gefahren.

      Der wurde glaub ich in eine andere Behörde versetzt, und fährt da jetzt immer besoffen hin.

      • Christian Soeder on 23. Februar 2010 at 22:13

        Was interessieren mich Dorflehrer und Provinzminister, um es mal provokant zu sagen? Hier geht es um eine Bischöfin, die EKD-Ratsvorsitzende ist…

        • Jan on 24. Februar 2010 at 16:27

          Naja, auch „Profinzminister” erzeugen ja Verkehrsregeln wie die, dass man mit einer bestimmten Menge Alkhol nicht mehr Autofahren darf. Wer gegen seine eigenen Regeln verstößt hat in jedem Fall ein Glaubwürdigkeitsproblem, egal in welcher Funktion.

    • Rayson on 23. Februar 2010 at 21:05

      Der Minister hat sich aber nicht in seinem Amt halten können, oder?

  4. nordstadt on 24. Februar 2010 at 14:08

    @Christian:
    Pharisäer (heißt nicht sogar ein alkoholisches Mixgetränk so?) voran, den Stab brechen über andere?
    Man muß kein Christ sein, um vorsichtig Nachsicht zu üben anstatt mit dem Holzhammer auf die „Sünderin” drauf zu hauen. Wenn man es aber (irgendwie) ist, dann fällt es, verbunden mit ein wenig religiösem „Backround durch Konfirmanden-Unterricht und „Werte und Normen” in der Schule, relativ leicht, eine versöhnliche Position einzunehmen.
    Oder hat sich Frau Käßmann für manche durch ihre kritischen Töne der letzten Monate zur Unperson gemacht, die jetzt endlich abgestraft gehört?
    Da ich zahlendes Mitglied der ev. nds. Landeskirche bin, kann ich Frau Käßmann mal gegen die hier teilweise vertretenen Anwürfe verteidigen– strafrechtlich sehe ich das natürlich anders– zutiefst moralin-sauer.

  5. […] tritt angeblich zurück Diverse Medien melden, dass Margot Käßmann Konsequenzen aus ihrer Alkoholfahrt ziehen und um 16 Uhr ihren Rücktritt als EKD-Ratsvorsitzende und Landesbischöfin von Hannover […]

  6. Reisen on 24. Februar 2010 at 17:09

    So ein Verhalten ist einfach absolut nicht akzeptabel oder tolerierbar! Sie muss ihr Amt einfach niederlegen! Es ist doch ganz eindeutig was jetzt passieren wird. Sie sprechen Frau Käßmann ihr Vertrauen aus und diese kann dann ihren Rücktritt aus „freiem Willen“ bekannt geben. Sie hat anscheinend gute Arbeit geleistet und soll nicht „unehrenhaft“ entlassen werden! Wir werden sehen wie sie reagiert, aber eine Person im öffentlichen Leben die diese Position vertritt darf sich so etwas einfach nicht erlauben….

  7. reifideifi on 24. Februar 2010 at 23:21

    Ja, jetzt isse zurück getreten. Meine Meinung findet ihr in meinem Blog. Mich regt diese Selbstherlichkeit hier auf. Rote Ampel, 1,54 Proirgendwas. Wisst Ihr wie oft das passiert? Wie menschlich das ist? Hat nicht gerade eben jener Jesus uns auf unsere Menschlichkeit hinweisen wollen? Hat er eben nicht gerade deswegen VERGEBEN? Wo steht denn geschrieben dass Bischöfe bessere Menschen sein müssen? Die Katholiken vögeln Kinder — da rührt sich niemand. Die Juden töten — die Muslime töten — jetzt legt da mal bitte einen Maßstab an. Viel Spaß!

    • Christian Soeder on 25. Februar 2010 at 11:30

      Ich lasse den Müll-Kommentar mal stehen…

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Facebook

Switch to our mobile site