Enttäuschend

1,54 Promille. Mit 1,54 Promille wurde die EKD-Ratsvorsitzende Bischöfin Margot Käßmann beim Überfahren einer roten Ampel von einer Polizeistreife gestoppt.

Das ist enttäu­schend.

Als evan­ge­li­scher Christ habe ich mich sehr auf die Amtszeit der EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann gefreut, auf eine mutige, streit­bare Frau, die Unbequemes aus- und anspricht.

Und nun ein derar­ti­ges Fehlverhalten. Im schwe­ren VW Phaeton mit 1,54 Promille eine rote Ampel über­fah­ren; Käßmann hatte weder sich selbst, noch ihr Fahrzeug im Griff. Dass niemand verletzt oder gar getötet wurde, ist fast ein Wunder.

Eine EKD-Ratsvorsitzende muss Vorbild sein, muss mora­li­sche Integrität besit­zen; es machte mir nichts aus, dass Käßmann sich schei­den ließ — ich fand und finde, dass dies die Öffentlichkeit nichts angeht.

Ihre Einwürfe zu Afghanistan fand ich erfri­schend und bele­bend, auch wenn ich nicht komplett ihrer Meinung war und bin.

Und dass sich die Kirche verstärkt zur Sozialpolitik zu Wort meldet, ist richtig und gut.

Trotz alledem: Bischöfin Käßmann muss sich jetzt gut über­le­gen, ob sie als Ratsvorsitzende nicht zur Belastung für die evan­ge­li­sche Kirche in Deutschland wird.

Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein — das trifft hier nicht. Als EKD-Ratsvorsitzende muss man Vorbild sein für Millionen von Christen und auch Nicht-Christen. Man darf sich nicht derart angreif­bar machen.

Im Online-Portal „evangelisch.de” wird das Fehlverhalten Käßmanns promi­nent behan­delt. Die Kommentare der Nutzer sind lesens­wert.

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

16 Gedanken zu „Enttäuschend“

  1. Ich sehe deinen Kommentar und deine Rücktrittsforderungen äußerst kritisch. Du schreibst:

    „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein – das trifft hier nicht.”

    Nein? Sollte das für den wahren Christen nicht immer treffen?

    „Als EKD-Ratsvorsitzende muss man Vorbild sein für Millionen von Christen und auch Nicht-Christen.”

    Sicherlich richtig. Aber auch Vorbilder machen Fehler und sind nur Menschen. Vielleicht tut diese Einsicht unserer Gesellschaft, in der jeder nur versucht, Idolen nach­zu­ei­fern, sogar mal gut.

    „Man darf sich nicht derart angreif­bar machen.”

    Manchmal würde ich mir wünschen, das Wort „man” würde aus dem deut­schen Wortschatz gestri­chen. Das ist so furcht­bar nichts­sa­gend, und darum geht es hier nicht. Es geht nicht darum, was „man” tut oder nicht tut. Es ist nun mal passiert, und daß es gefähr­lich und unver­ant­wort­lich war, möchte ich nicht in Abrede stellen. Aber es geht jetzt viel­mehr darum, wie sie als EKD-Ratsvorsitzende damit umgeht und welche Konsequenzen sie daraus zieht. Einen Rücktritt halte ich daher für falsch. Im Gegenteil kann Frau Käßmann jetzt, wenn sie sich ihrem eigenen Fehlverhalten genauso konse­quent stellt, wie sie sich zu Fehlentwicklungen unserer Gesellschaft geäu­ßert hat, und offen damit umgeht, vielen Millionen Menschen Mut machen; Menschen mit Alkoholproblemen, die sich viel­leicht genauso fehl­ver­hal­ten haben und die durch sie das Signal bekom­men: Wenn ich mich dem Problem stelle, offen­siv damit umgehe und konse­quent daran arbeite, kann ich einen Weg zurück in die Gesellschaft finden, ohne dauer­haft geäch­tet zu werden. Wenn man ihr diese Chance böte, wäre das wahres, geleb­tes Christentum! Rücktrittsforderungen und erst recht ein Rücktritt dagegen wäre die Kapitulation der gesam­ten evan­ge­li­schen Kirche vor dem Problem Alkohol. Das wäre fatal. Denn man muß eines beden­ken: Nicht wenige Suchtberatungsstellen haben die evan­ge­li­sche Kirche als Träger. Ich frage mich, mit welcher Legitimation die noch Betroffene, die oft wesent­lich schlim­mere Dinge erlebt haben, beraten wollen, wenn sie ihre eigene EKD-Vorsitzende zum Rücktritt zwingen. Das geht dann nicht mehr.

    1. Ich habe keine Rücktrittsforderungen geäu­ßert. Das muss Margot Käßmann mit sich ausma­chen.

      Enttäuscht bin ich in jedem Fall. Sogar sehr.

    2. „Aber auch Vorbilder machen Fehler und sind nur Menschen.”

      Sicher, aber wo ist die Grenze? Wenn jemand im Phaeton mit 1,54 Promille eine rote Ampel über­fährt, ist diese meiner Meinung nach über­schrit­ten.

      „Vielleicht tut diese Einsicht unserer Gesellschaft, in der jeder nur versucht, Idolen nach­zu­ei­fern, sogar mal gut”

      Vielleicht tut es unserer Gesellschaft aber auch gut, wenn jemand für ein schwer­wie­gen­des Fehlverhalten Verantwortung über­nimmt und Konsequenzen zieht.

    3. Naja, es ist halt schon ne heftige Sache. Ich bin nicht unbe­dingt jemand, der gleich jedem solche Fehler ankrei­det — aber 1,54 Promille bedeu­tet ja mehr, als nur einen über den Durst getrun­ken zu haben. Für so einen Wert hat mans norma­ler­weise richtig krachen lassen. Wenn man so besof­fen ist, dass man eine rote Ampel über­fährt muss man sich einfach nur vor Augen führen, dass die über­se­hene rote Ampel auch ein Radfahrer hätte sein können.

      Die Dame ist die Chefin auch meiner Kirche. Nun mache ich mir aus meiner Kirchenmitgliedschaft nicht beson­ders viel aber jemand der mir erzäh­len will, was richtig und was falsch ist muss zumin­dest seine eigenen Prinzipien und Moralvorstellungen befol­gen, wenn ich ihn (oder sie) ernst nehmen soll.

      Mir persön­lich ist total Wumpe, ob sie nun zurück­tritt oder nicht weil mir Kirche insge­samt ziem­lich egal ist und ich anders als Christian der Meinung bin, dass sich Kirchen zu welt­li­chen Themen am besten gar nicht groß­ar­tig äußern sollten, zu Politik schon gar nicht. Aber alles, was sie künftig von sich gibt, wird eben auch an dieser Geschichte gemes­sen werden. Ich nehme nicht an, dass das so unbe­dingt im Sinne ihres Amtes und der Kirche sein dürfte.

      1. Da stimme ich als Angehöriger einer anderen Konfession mal komplett zu. Ich bin ja schon froh, dass mein Bischof nicht meint, aus der Bibel konkrete poli­ti­sche Vorgaben ablei­ten zu müssen, aber wenn der mit 1,5 Promille über eine rote Ampel heizen würde (was ich mir bei ihm nicht vorstel­len kann), hätte er es auch bei uns sehr schwer.

  2. Menschen machen Fehler, sehe ich auch so. Ne 2te Chance sollte jeder haben, oder?

    Abgesehen davon hatte es in einem Deutschen Bundesland auch schon einen Verkehrsminister, der mit 1,75÷1000 jeman­den totge­fah­ren hat, nur am Rande erwähnt. Da seh ich mal richtig Grund zu meckern…

    Grüße,
    F.Alf

    1. …und: Jetzt kommen alte Erinnerungen hoch: Der Direktor des ersten Gymnasiums, das ich besucht habe, hat seinen Benz morgens um 7 Uhr im Vollsuff in der schul­ei­ge­nen Tiefgarage zu Klump gefah­ren.

      Der wurde glaub ich in eine andere Behörde versetzt, und fährt da jetzt immer besof­fen hin.

      1. Was inter­es­sie­ren mich Dorflehrer und Provinzminister, um es mal provo­kant zu sagen? Hier geht es um eine Bischöfin, die EKD-Ratsvorsitzende ist…

        1. Naja, auch „Profinzminister” erzeu­gen ja Verkehrsregeln wie die, dass man mit einer bestimm­ten Menge Alkhol nicht mehr Autofahren darf. Wer gegen seine eigenen Regeln verstößt hat in jedem Fall ein Glaubwürdigkeitsproblem, egal in welcher Funktion.

  3. @Christian:
    Pharisäer (heißt nicht sogar ein alko­ho­li­sches Mixgetränk so?) voran, den Stab brechen über andere?
    Man muß kein Christ sein, um vorsich­tig Nachsicht zu üben anstatt mit dem Holzhammer auf die „Sünderin” drauf zu hauen. Wenn man es aber (irgend­wie) ist, dann fällt es, verbun­den mit ein wenig reli­giö­sem „Backround durch Konfirmanden-Unterricht und „Werte und Normen” in der Schule, relativ leicht, eine versöhn­li­che Position einzu­neh­men.
    Oder hat sich Frau Käßmann für manche durch ihre kriti­schen Töne der letzten Monate zur Unperson gemacht, die jetzt endlich abge­straft gehört?
    Da ich zahlen­des Mitglied der ev. nds. Landeskirche bin, kann ich Frau Käßmann mal gegen die hier teil­weise vertre­te­nen Anwürfe vertei­di­gen- straf­recht­lich sehe ich das natür­lich anders- zutiefst moralin-sauer.

  4. So ein Verhalten ist einfach absolut nicht akzep­ta­bel oder tole­rier­bar! Sie muss ihr Amt einfach nieder­le­gen! Es ist doch ganz eindeu­tig was jetzt passie­ren wird. Sie spre­chen Frau Käßmann ihr Vertrauen aus und diese kann dann ihren Rücktritt aus „freiem Willen“ bekannt geben. Sie hat anschei­nend gute Arbeit geleis­tet und soll nicht „uneh­ren­haft“ entlas­sen werden! Wir werden sehen wie sie reagiert, aber eine Person im öffent­li­chen Leben die diese Position vertritt darf sich so etwas einfach nicht erlau­ben….

  5. Ja, jetzt isse zurück getre­ten. Meine Meinung findet ihr in meinem Blog. Mich regt diese Selbstherlichkeit hier auf. Rote Ampel, 1,54 Proirgendwas. Wisst Ihr wie oft das passiert? Wie mensch­lich das ist? Hat nicht gerade eben jener Jesus uns auf unsere Menschlichkeit hinwei­sen wollen? Hat er eben nicht gerade deswe­gen VERGEBEN? Wo steht denn geschrie­ben dass Bischöfe bessere Menschen sein müssen? Die Katholiken vögeln Kinder — da rührt sich niemand. Die Juden töten — die Muslime töten — jetzt legt da mal bitte einen Maßstab an. Viel Spaß!

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