Knigge für Unbemittelte

Aus aktu­el­lem Anlass ein Gedicht von Erich Kästner aus dem Jahr 1928:

Ans deut­sche Volk, von Ulm bis Kiel:
Ihr esst zu oft! Ihr esst zu viel!
Ans deut­sche Volk, von Thorn bis Trier:
Ihr seid zu faul! Zu faul seid ihr!

Und wenn sie auch den Lohn entzö­gen!
Und wenn der Schlaf verbo­ten wär!
Und wenn sie euch so sehr belögen,
dass sich des Reiches Balken bögen!
Seid höflich und sagt Dankesehr.

Die Hände an die Hosennaht!
Stellt Kinder her! Die Nacht dem Staat!
Euch liegt der Rohrstock tief im Blut.
Die Augen rechts! Euch geht’s zu gut.

Ihr sollt nicht denken, wenn ihr sprecht!
Gehirn ist nichts für kleine Leute.
Den Millionären geht es schlecht.
Ein neuer Krieg käm ihnen recht,
So macht den Ärmsten doch die Freude!

Ihr seid zu frech und zu begabt!
Seid takt­voll, wenn ihr Hunger habt!
Rasiert euch besser! Werdet zart!
Ihr seid kein Volk von Lebensart.

Und wenn sie euch noch tiefer stießen
und würfen Steine hinter­her!
Und wenn Sie euch verhaf­ten ließen
und würden nach euch Scheiben schie­ßen!
Sterbt höflich und sagt Dankesehr.

Bild: Wikipedia (CC-BY-SA 3.0)

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

3 Gedanken zu „Knigge für Unbemittelte“

  1. Der „aktu­elle Anlass” könnte auch Kurt Becks Reaktion auf einen Arbeitslosen sein, der sich nicht rasiert hatte. Zumidnestens passt:
    „Ans deut­sche Volk, von Thorn bis Trier:
    Ihr seid zu faul! Zu faul seid ihr!”
    und
    „Seid takt­voll, wenn ihr Hunger habt!
    Rasiert euch besser! Werdet zart!”

    Tut mir leid, ich kann mich noch nicht damit anfreun­den, dass derzeit alles schlecht ist, was noch unter der SPD gut war. Ich würde gerne wieder SPD wählen, aber dafür müsste mal eine halb­wegs ehrli­che Aufarbeitung der eigenen Regierungszeit kommen.

    1. Moment, besag­ter Arbeitsloser hatte Kurt Beck zuvor beschimpft; das kann man nur bedingt verglei­chen. Und übri­gens ist mein letzter Kenntnisstand, dass dieser Arbeitslose nicht mehr arbeits­los ist, sondern einen festen Job hat.

      1. Ja klar, aber da muss Kurt Beck drüber stehen. Oder nicht so niveau­los antwor­ten.

        Ob der Arbeitslose jetzt Arbeit hat, ist eben­falls komplett irrele­vant. Es geht um das Gesamtbild und die Sichtweise auf Arbeitslose. Und da hat sich die SPD nicht mit Ruhm bekle­ckert. Und daher fällt es mir jetzt so schwer, den glei­chen Leuten zu glauben, dass sie jetzt inter­es­sier­ter dran sind.

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