Die Jusos öffnen – kulturelle Anschlussfähigkeit zurückgewinnen“

Die Jusos Köln haben auf ihrer Jahreshauptversammlung am 30. Januar 2010 u.a. ein Papier mit dem Titel „Die Jusos öffnen – kulturelle Anschlussfähigkeit zurückgewinnen“ beschlossen, das ich hier zur Diskussion stellen möchte:

Nirgendwo hat die SPD bei der Bundestagswahl 2009 stärker an Zustimmung eingebüßt als bei den jungen Wählern: Laut Infratest Dimap haben nur 18% der zwischen 1824 jährigen und 17% der 2534 jährigen WählerInnen uns SozialdemokratInnen ihre Stimme gegeben. Dies ist ein zugleich desaströses und schockierendes Ergebnis, welches insbesondere uns Jusos als Jugendorganisation unserer Partei zu denken geben muss. Die Betrauung des JusoBundesverbands mit der alleinigen Verantwortung für den Jugendwahlkampf hat sich offensichtlich nicht ausgezahlt. Es gilt nun, die Gründe für dieses Versagen zu diskutieren und hieraus Konsequenzen zu ziehen.

Trotz insgesamt mehrheitsfähiger Inhalte der Mutterpartei (Bürgerversicherung, Mindestlöhne, Abschaffung Studiengebühren etc.) ist es unserer Jugendwahlkampfführung nicht gelungen, junge Menschen von der Wahl der SPD zu überzeugen. Wir müssen uns die Frage stellen, warum der JusoBundesverband zunehmend seine kulturelle Anschlussfähigkeit an die junge Generation verliert. Die Jusos Köln interpretieren dieses Ergebnis wie folgt:

1) Die Jusos bilden die junge Generation nur unzureichend ab. Schon heute besteht der überwiegende Teil der JungsozialistInnen und Jungen SozialdemokratInnen fast ausschließlich aus Studierenden, was in vielen Fällen zu einer akademischen Diskussionskultur führt, die für Azubis und junge ArbeitnehmerInnen unattraktiv ist. Eine stärkere Einbeziehung von NichtStudierenden würde jedoch einen Beitrag zu einer besseren „Erdung“ der vielfach abgehobenen und übertheoretischen Diskussionen innerhalb des Verbandes führen. Dazu brauchen wir einen deutlichen Ausbau von Freizeitangeboten auch in den Kampagnen des Bundesverbandes.

2) Das von den Bundesjusos oft theatralisch in die Öffentlichkeit getragene Gebaren, möglichst radikal und revolutionär links zu sein hat viele junge Menschen von einer Mitarbeit bei den Jusos und einer Wahl der SPD abgeschreckt. Die Strategie, sich konsequent am äußeren Rand des linkskonservativen politischen Spektrums gemeinsam mit der Linkspartei zu positionieren ist fehlgeschlagen. Wir Jusos sollten uns deshalb in Zukunft verstärkt darum bemühen, junge Menschen dort abzuholen wo sie stehen, nämlich in der Mitte der Gesellschaft, und sie dann mit Freizeitangeboten, Diskussionen und Schulungen für linke Politik zu gewinnen. Die große Mehrheit der jungen Menschen hat heute einfach keine Lust mehr auf MarxLesezirkel und Endlosdebatten über die Frage, ob man nun „Verkehrsteilnehmer“ oder „VerkehrsteilnehmerInnen“ sagen muss oder ob es eigentlich „okay“ ist, wenn man sich über ein Tor der deutschen Nationalmannschaft freut. Solange die Jusos sich durch ihr Auftreten und ihren Sprachgebrauch dem Lebensgefühl der jungen Generation weiterhin verschließen, wird eine notwendige Öffnung und Integration der unter 35 jährigen nicht gelingen.

3) Die Jusos vertreten linke Politik oftmals dogmatisch, mittelfixiert und opportunistisch. Es trägt nicht zum Vertrauensgewinn bei, wenn die Jusos innerhalb der SPD für Personen und Parteiprogramme stimmen, dann aber in den Verband ihrer Kritik und Skepsis freien Lauf lassen. Wir Jusos müssen stärker dem Eindruck entgegentreten, dass der Verband ein Sprungbrett karriereorientierter Jungfunktionäre ist, die an der einen Stelle links blinken um dann an anderer Stelle rechts abzubiegen. Wir Jusos müssen unseren Anspruch auf pragmatische, d.h. tatsächlich umsetzbare und ernstgemeinte Politik, neu bekräftigen. Hierfür müssen wir wieder stärker bereit sein, über eine sich verändernde Gesellschaft und Ökonomie zu diskutieren und geeignete Wege zur Verwirklichung von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität zu finden. Anstatt wie bisher auf Deutungsmuster und Instrumentarien der 80er Jahre zurückzufallen, sollten wir Jusos fortschrittliche linke Antworten auf die Probleme unserer Zeit finden. Wenn der JusoBundesvorstand wie kürzlich auf Facebook zu lesen „die nächsten Schritte zum Sozialismus“ plant, können bei jedem sachorientierten Juso jedenfalls nur die Alarmglocken läuten.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in SPD und getagged , , , , , . Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

9 Kommentare

  1. Harald Wellmann
    Erstellt am 3. Februar 2010 um 19:06 | Permanent-Link

    Es scheint sich tatsächlich nicht viel verändert zu haben seit meinen AStA-Tagen vor zirka 20 Jahren…

    Den drei Punkten stimme ich voll und ganz zu, ich frage mich allerdings, wie repräsentativ solche Positionen (also die kritisierten) für die Jusos wirklich sind, denn „die” Jusos gibt es natürlich genausowenig wie „die” SPD.

    Interessanterweise existiert hier in Hamburg in der „Mutterpartei” eher die gegenteilige Meinung, dass die Jusos als „rechte” Gruppierung versuchen, einen „linken” SPD-Landesverband zu erobern, was ich aus eigener Anschauung (noch?) nicht bestätigen oder widerlegen kann.

    Ich finde es allerdings problematisch, wenn sich einige Genossen fast nur noch in ihren „Spartengruppen” treffen (ganz egal ob Jusos, 60+, AsF, Schwusos oder was auch immer) und kaum am „normalen” Parteileben teilnehmen.

    Andererseits kann ich gut nachvollziehen, das das „normale” Parteileben für Leute unter 25 nicht unbedingt attraktiv ist, auch ich als 40+ fühle mich bei manchen Veranstaltungen wie im falschen Film.

    Mir fiel in diesem Zusammenhang wieder der Artikel Das Prinzip Partei aufweichen” von Lukas Neuß ein, in dem er u.a. über die „Jugendorganisation als politisches Abstellgleis” schreibt.

    Die Lösung der Probleme, die Lukas beschreibt, finde ich jedenfalls wesentlich wichtiger als die Kölner Kritik, denn was nützt es, wenn zwar die Jusos attraktiver für den Mainstream-Jugendlichen werden, innerhalb der SPD aber weiterhin entweder als politische Krabbelgruppe fungieren oder aber sich ins selbstgewählte Paralleluniversum begeben.

  2. Oliver Schmolinski
    Erstellt am 4. Februar 2010 um 11:04 | Permanent-Link

    Aus meiner Sicht haben die GenossInnen in Köln aus dem Wahlergebniss nichts gelernt. Wir haben die 23% auf Bundesebene nicht bekommen, weil die SPD zu links und revolutionär war. Im Gegenteil, wir haben durch unsere Mitt-Fixierung das Feld freigegeben.
    Ich finde es wichtig, das wir Jusos dann STOP rufen. Wir müssen wieder so werden wie wir waren, sozialdemokratisch. Nur so können wir verlorenes Vertrauen wiedergewinnen. Bei dem Wisch-Waschi-Kurs der letzten Jahre hat die Linke und die Grünen und tlw. auch sozialdemokratisierte CDU-Teil uns viele Wähler genommen.
    Was wir brauchen sind sozialdemokratische Visionen (zu der eine bessere Gesellschaft –> Sozialismus gehört) und eine daran ausgerichtet Real-Politik. Reiner Pragmatismus lässt uns zu einer Verwaltungspartei werden. Was wir aber sein sollten ist eine Gestaltungspartei, dann kommen auch wieder Mitglieder und WählerInnen.

  3. Erstellt am 4. Februar 2010 um 11:49 | Permanent-Link

    Bis auf den dritten Punkt sehe ich das eigentlich nicht anders. Ich bin doch, als Arbeitnehmer, immer wieder einer kleinen Portion Fremdscham ausgesetzt und fast ein bischen verwirrt, wenn 40 Jusos Arbeiterlieder singen, aber 90% davon studieren, und vom Arbeitsleben weiter weg sind als die Sonne von der Erde. Glaubwürdig ist das dann irgendwie nicht.

    Es ist ja nun auch nicht so, als ob diese Zustände erst seit gestern bei den Jusos vorherrschen. Auch im Zusammenspiel mit den Gewerkschaftsjugenden hat man da gepennt. Ich befürchte, dass da mittlerweile mehr Azubis bei der solid gelandent sind als bei uns. Unsere Diskussionskultur und Sprache tut dann noch ihr übriges. Entkräftend will ich an dieser Stelle behaupten, dass mein Kreisverband diese Thematik allerdings auch schon erkannt hat, und das auch auf unser Arbeitsprogramm 2010 einen nicht geringen Einfluss hatte.

    Zum dritten Punkt. Der Text selber ist pure Hetze gegen den Bundesverband. Könnte man auch freundlicher verpacken. Ich denke schon dass die Inhalte im großen Ganzen okay sind. Aber die Verpackung und übermittlung der Botschaft hinkt. Auch hier wäre eine einfachere Sprache angebracht.

    Und manchmal, ja manchmal dürfte sich auch der ein oder andere Juso mal den Stock aus dem Arsch ziehen. Das hilft ungemein.

    • Erstellt am 4. Februar 2010 um 11:54 | Permanent-Link

      Nur wenn man weiß, woher man kommt, weiß man auch, wohin die Reise gehen soll. Deshalb halte ich es für notwendig, traditionelles Liedgut zu pflegen. Außerdem macht es Spaß — mir zumindest. :)

  4. Kalle Kappner
    Erstellt am 4. Februar 2010 um 12:24 | Permanent-Link

    Ich sehe das ähnlich wie Julian — Da steht viel richtiges drinne, aber andererseits ist der Text auch zu einseitig und in einer inakzeptablen Sprache verfasst.
    Umso überraschter war ich, als ich im dritten Teil tatsächlich von angepassten Karrierejusos gelesen habe — einen Typ Juso den man, nach meiner Erfahrung, eher im rechten Flügel findet.

    Man kann es so auf den Punkt bringen: Was wir brauchen sind weder mehr Marx-Lesezirkel noch mehr Karrierejusos sondern mehr Respekt voreinander ohne diesen scharfen Ton. Ganz egal ob Clement, Münte, Schröder, Oskar Lafontaine oder jetzt die Kölner Jusos — spalterische und aufhetzerische Reden haben uns noch nie zur Volkspartei gemacht.

    PS: Dass man nur Arbeiterlieder singen kann/darf, wenn man kein Student ist, halte ich für Unsinn. „Arbeiterlieder” handeln von sehr viel mehr als von „Arbeit”.

  5. Erstellt am 4. Februar 2010 um 13:24 | Permanent-Link

    Nicht, dass mich hier jemand falsch versteht. Ich will das hier ja wirklich niemandem verbieten, soweit käme es gerade noch! Einzig auf die Relationen wollte ich hinweisen. Mehr Azubis und Berufseinsteiger täten da einfach gut. Die Mischung machts ;)

    • Erstellt am 4. Februar 2010 um 13:42 | Permanent-Link

      Stimmt. Mehr Azubis und Arbeitnehmer wären wünschenswert. Sogar sehr.

      • Kalle Kappner
        Erstellt am 5. Februar 2010 um 01:00 | Permanent-Link

        Ein Problem allerdings, dass die anderen Jugendorganisationen ebenso haben, jedenfalls nach meiner Erfahrung hier in meinem Heimatort ;).

  6. Erstellt am 5. Mai 2010 um 11:37 | Permanent-Link

    ARGHLl ich hasse diese „Öffnungsslogans” verdammt noch mal dieser inhaltsleere Mist lässt uns doch Wahlen verlieren! Für thematische Kohäsion braucht man bestimmte Dogmen, wie die Grundwertetrias der SPD. Und wer zweifelt dieses Dogma in der Partei schon an!? Deshalb ist der „Partei öffnen” Slogan aber völlig schwachsinnig. Ich darf noch einmal das Organisationsstatut zitieren, das uns für folgende Gruppierungen nicht öffnet:

    § 6 Unvereinbarkeit
    (1) Unvereinbar mit der Mitgliedschaft in der SPD ist die
    a) gleichzeitige Mitgliedschaft in einer anderen konkurrierenden politischen Partei oder Wählervereinigung,
    b) die Tätigkeit, Kandidatur oder Unterschriftsleistung für eine andere konkurrierende politische Partei oder Wählervereinigung,
    c) Kandidatur gegen die von der zuständigen Parteigliederung bereits beschlossene Nominierung für ein öffentliches Amt oder Mandat.
    (2) Entsprechendes gilt für Vereinigungen, die gegen die SPD wirken. Die Feststellung der Unvereinbarkeit trifft der Parteivorstand im Benehmen mit dem Parteirat. Er kann die Feststellung wieder aufheben. Diese Feststellung bindet auch die Schiedskommis– sionen.
    (3) Das Verfahren richtet sich nach § 20 SchO.

    Nach § 6 (2) bestehen diese Beschlüsse gegen: den VVN (1948), Demokratischer Kulturbund Deutschlands (1960), den SDS (1961), den Bund freies Deutschland (1974), Scientology (1995), die Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit e.V. (2005) und die Burschenschaftliche Gemeinschaft (2006). Ansonsten kann doch so ziemlich jedeR VollidiotIn eintreten. Und das wollen die jetzt ändern, oder wie? Sollen die schlimmsten rechtsradikalen Burschis, die selbst von Burschies nicht gemocht werden, wieder zugelassen werden?

    Denn das ist ja gerade die Frage: Wie sollte man was ändern? Jede Partei steht auf den Säulen einer Philosophie oder Weltanschauung. Sollten wir nun an Stelle der sozialistischen Dogmen, die auf auf Marx und den FrühsozialistInnen beruhen, Milton Friedman und seinen Markt setzen, wie bei der FDP? Oder doch lieber die christliche auslegung der Bibel, wie bei der CDU? Oh, die Zeugen waren gerade bei mir und haben mir einen Wachturm gebracht. Den können wir auch an dessen Stelle setzen.

    Da untestelle ich lieber, dass die AntragstellerInnen Milton Friedman an die Stelle von Marx setzen, was genauso Mist ist. Aber der ist zumindest nach den AntragstellerInnen durchsetzungsfähiger, als ein utopistisches Streben nach der sozialistischen Gesellschaft. Mal abgesehen, dass der „Pragmatismus” der Strömung, die keine Strömung sein will, genauso ein Dogma ist, wie der „Utopismus” von denjenigen, die sie kritisieren. Aber einen Moment, ich will niemanden diffamieren. Man sollte nur wissen, dass die weltanschauliche Basis einer Partei eine Wertentscheidung ist. Und die Werte unseres Grundsatzprogramms stammen aus der sozialistischen Bewegung dementsprechend werden sie eben von den Bundesjusos ausgelegt.

    Ich würde bestimmten Leuten im Bundesverband höchstens vorwerfen, dass sie durch ihr dogmatisches Festhalten am klassischen Marxismus des Kapitals den grundlegenden marxistischen Humansimsus aus (beispielsweise) der entfremdeten Arbeit vergessen und eher neomarxistische AutorInnen, wie Bourdieu oder Gramsci völlig übersehen. Die klassischen FrühsozialistInnen, wie die Ideen von Proudhon, Babeuf, Hess (Moses, nicht Arthur) oder auch Blanqui vergessen sie aber genauso. Damit bleiben sie hinter der Zeit, verlieren den Anschluss und töten die linke Strömung und die utopistische Zuversicht, die „unsere Jugend” doch bittesehr haben sollte. Seid doch mal realistisch und verlangt das unmögliche! Warum ist es verdammt noch mal schlimm nicht pragmatisch zu sein und eine sozial gerechte Gesellschaft zu fordern? Woher stammt diese Angst vor Idealen? Und wie soll man uns vertrauen und wählen, wenn hinter unserem Tun keine Ideale mehr stehen, für die wir arbeiten?

    Mal ehrlich, wenn wir uns jetzt schon wie Rentner benehmen und erst noch überlegen „oh nein, ist das überhaupt machbar!?” Wie werden die Leute erst im Alter? Politikverdrossenheit in der eigenen Partei nenne ich das. Und es kotzt mich noch mehr an, dass die Ablehnung dieses Antrag genau den pseudo-linken Karrieristen, die das Linkssein hol und schwach machen, zur Bestätigung ihres Tuns gereichen wird.

    Was ich sage, ist: Wir brauchen mehr sozialistische Lesezirkel, nicht weniger und auch keine exklusiv marxistischen! Wir brauchen mehr Ideale und mehr Tun, das an unseren Idealen orientiert ist. Wie will man denn progressiv sein ohne ein Ideal, das man anstrebt?

4 Trackbacks

  1. Von Christian Soeder am 2. Februar 2010 um 23:27

    „Die Jusos öffnen – kulturelle Anschlussfähigkeit zurückgewinnen“: http://wp.me/pti5k-Kt

  2. Von Christian Soeder am 2. Februar 2010 um 23:43

    [rotstehtunsgut] „Die Jusos öffnen – kulturelle Anschlussfähigkeit zurückgewinnen“: Die Jusos Köln haben auf ihrer… http://bit.ly/96UyDF

  3. Von Christian Soeder am 3. Februar 2010 um 00:29
  4. […] weitere Standpunkte dort: rot steht uns gut […]

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt. Benötigte Felder sind mit * markiert

*
*

Du kannst diese HTML Tags und Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>