Es war eine tolle Zeit mit euch! Aber jetzt gehe ich zu den Roten, denn wenn die weiter so schwächeln, sieht bald alles ziemlich schwarz aus.
Seit ich Ende der ‚80er zum ersten Mal wählen durfte, habe ich euch die Treue gehalten. Natürlich nicht mit der Erststimme, das wäre ja Verschwendung gewesen — die ging immer an die SPD. Es hat ja leider noch ein paar Jahre gedauert, bis ich dann im Bund endlich mal das bekam, was ich immer gewählt hatte, nämlich Rot-Grün. Ihr wart zwar damals oft noch ziemlich chaotisch und in manchen Dingen etwas verbohrt (kennt jemand noch das Rotationsprinzip?), aber natürlich viel cooler als die irgendwie doch etwas spießige SPD, die nun wiederum erfahren genug war, euch einige spinnerte Ideen auszutreiben.
Viele Themen, die mir wichtig waren und sind, nämlich Gleichstellung von Schwulen und Lesben, Abkehr von der Devise „Deutschland ist kein Einwanderungsland”, Atomausstieg und neue Energiekonzepte, hätte es ohne euch nicht oder nicht in dieser Form gegeben. Und ohne euch hätte sich wohl selbst die CDU nicht so stark verändert, wie sie es seither getan hat.
Ich weiß nicht, wie andere Leute sich entscheiden, welche Partei sie wählen und welche Rolle die jeweiligen Kandidaten oder gar die Programme dabei spielen. Für mich war das immer mehr so eine Frage des Lebensgefühls. Bei euch gab es immer die meisten Leute, die ähnlich dachten, tickten und lebten wie ich. Ab und zu hab ich auch wirklich mal in eure Wahlprogramme reingeguckt, nur so zur Sicherheit. Aber das war eigentlich immer alles völlig ok, was ich da las, also habe ich nie lange überlegt und am Wahltag meine Kreuzchen bei Rot-Grün gemacht.
Seit 2003 lebe ich in Hamburg, das damals zum Gespött der ganzen Republik von dem unsäglichen Schwarz-Gelb-Schill-Senat regiert wurde. Faszinierend, wie sich Ole von Beust seither immer noch über Wasser gehalten hat, seit 2008 mit eurer Hilfe, obwohl es ja rechnerisch auch zu Rot-Rot-Grün gereicht hätte. Ich habe keinen Unions-Beißreflex (und bin nach 11 Jahren in Bayern natürlich gut abgehärtet), und habe euch das ja abgekauft, als ihr nach den Koalitionsverhandlungen sagtet, ihr könntet mit der CDU mehr grüne Inhalte umsetzen, als es mit der SPD jemals möglich gewesen wäre.
Seither dümpelt der Senat nun so vor sich hin. Die Umwelthauptstadt 2011 baut die Dreckschleuder Moorburg (was ich euch nicht ankreide, da hat Kohle von Beust schon alles wasserdicht eingetütet, bevor er euch ins Boot holen musste), ihr vermurkst gerade eure Schulreform, und dass ich in meiner Stammkneipe immer noch rauchen darf, habe ich nicht etwa euch, sondern ausgerechnet der CDU zu verdanken. Werdet ihr jetzt etwa auch spießig?
Und was macht die SPD, seit ich in Hamburg bin? Fällt in der Öffentlichkeit vor allem durch Personaldebatten und Demontage ihrer Oberhäupter auf. Der nicht so uneingeschränkt beliebte Landesvorsitzende Petersen stellt sich einer Mitgliederbefragung, Stimmzettel verschwinden unter ungeklärten Umständen, beide Kandidaten Petersen und Stapelfeldt sind beschädigt und treten nicht an. Michael Naumann wird als Retter in der Not geholt, deus ex machina. Er macht in dieser miesen Ausgangslage einen verdammt guten Wahlkampf mit überzeugenden Argumenten und verliert leider. Nimmt sein Bürgerschaftsmandat zwar noch an, aber verschwindet schnell wieder. SPD allein zu Haus.
2005 war Bundestagswahl, das hieß für mich wie immer Rot-Grün. Meine Erststimme bekam im Wahlkreis Hamburg-Eimsbüttel also Niels Annen — jeder andere SPD-Kandidat hätte sie damals sicher auch bekommen.
2009 war wieder Bundestagswahl. Ende 2008 gab es bei der Kandidatenkür in meinem Wahlkreis einen Eklat, der bundesweit Wellen schlug. Kurz vor der Abstimmung erklärte Danial Ilkhanipour seine Gegenkandidatur und schlug Niels Annen knapp.
Als ich davon las, war ich entrüstet. Auch wenn das alles formal korrekt abgelaufen sein mochte, eine faire politische Auseinandersetzung sieht für mich anders aus. Ich machte mir damals die Mühe, die Emailadressen der beiden Kontrahenten und des Kreisvorstands herauszufinden, und schrieb ihnen, dass ich nicht bereit wäre, einem Kandidaten, der offenbar zuvörderst seine eigenen Interessen vertritt, meine Stimme zu geben, auch wenn das dann zur Folge haben mochte, dass das Eimsbüttler Direktmandat an die CDU fiele.
Ihr, liebe Grüne, wart kurze Zeit später so geschickt, Krista Sager als Direktkandidatin in Eimsbüttel aufzustellen. Das fand ich ziemlich genial, sie hatte unter diesen Umständen eine reelle Chance, das erste grüne Direktmandat aus Hamburg zu gewinnen. Natürlich gab ich ihr meine Erststimme.
Tja, leider hat dann doch Rüdiger Kruse von der CDU das Rennen gemacht. Aber Krista Sager lag deutlich auf dem 2. Platz vor Danial Ilkhanipour. Die SPD fiel bei den Erststimmen von 45 % auf 24 %. Das sah ich nicht ohne Genugtuung, aber Schadenfreude ist hier eigentlich fehl am Platze.
Über das Wahlergebnis insgesamt will ich hier gar nicht reden. Es kam mindestens so schlimm wie befürchtet, nur dass die SPD überhaupt keinen Boden gutmachen konnte, hat mich schon überrascht.
Tja, wie geht’s nun weiter?
Wenn ich in Hamburg in 2 Jahren wieder Grün wähle, muss ich damit rechnen, wieder Schwarz-Grün zu bekommen und keinen Politikwechsel in Hamburg. Wenn ich bei der nächsten Bundestagswahl Grün wähle, bekomme ich entweder wieder Schwarz-Gelb, oder Jamaika, oder vielleicht Rot-Rot-Grün und mit gaaanz viel Glück Rot-Grün ohne die Linke.
Was folgt daraus? Eine linke Mehrheit, egal ob mit oder ohne Linkspartei und mit oder ohne Grünen, wird es nur geben, wenn die SPD nicht mehr am Boden liegt.
Und deswegen, liebe Grüne, seid mir nicht böse, ich glaube, die gute alte Tante SPD braucht meine Stimme in den nächsten Jahren nötiger als Ihr.
Aber kann ich wirklich guten Gewissens eine Partei wählen, die gerade hier in Hamburg das Klischee Feind-Todfeind-Parteifreund immer wieder bestätigt und auch im Bund einen Parteivorsitzenden nach dem anderen verschleißt? Die Partei, die von ihrem Verliererimage kaum runterkommt? Die aber andererseits ein Programm hat, mit dem ich mich durchaus identifizieren kann?
Nicht wählen ist natürlich die schlechteste aller Lösungen. Aber soll ich mir noch einmal einen ungeliebten Kandidaten vor die Nase setzen lassen? Die SPD will sich öffnen, sagt sie. Und Schluss mit Basta. Und personelle Erneuerung heißt das Zauberwort.
Na denn, dann packe ich doch mal den Stier bei den Hörnen. Vielleicht braucht die SPD ja gerade jetzt solche Leute wie mich. Die Inhalte stimmen, aber die Verpackung nicht. Und das Marketing überhaupt nicht. Wenn die SPD mich auf den ersten Blick nicht so richtig anspricht, dann liegt das vielleicht auch daran, dass es in dem Laden zu wenig Leute gibt, die ähnlich ticken wie ich. Oder vielleicht gibt es sie, sie treten bloß nicht in Erscheinung. Von außen kann ich das nicht herausfinden.
Deswegen mache ich ein Experiment unter dem Motto „Wandel durch Annäherung”: Ich werde Mitglied bei der SPD. Der Antrag ist unterwegs.
Mal gucken, ob ich da etwas bewegen kann. Oder ob ich nach ein paar Monaten Parteigeklüngel aus erster Hand entnervt das Handtuch werfe.
Also liebe Grüne, ich mag euch immer noch, aber ich hoffe, ihr versteht mich ein bisschen. Wir sehen uns wieder in der Koalition!
Euer
Harald

[…] Rot steht uns gut Zum Inhalt springen Über unsAnderswoArchivKontaktImpressum « Liebe Grüne! […]
Wunderbar !! :)
[…] hast uns auf dem Blog “Rot steht uns gut” einen Brief geschrieben und ich möchte Dir gerne auf diesem Wege […]
@Harald– welche Inhalte stimmen?
Alles nur ein Wahrnehmungs– ein Verpackungs– ein Transmissionsriemen-Problem?
Sogar die Ex-SED ist da weiter als Du– schlechte Politik und falsche Programmatik läßt sich auf der linken Seite des politischen Spektrums nicht auf Dauer gut „verkaufen”.
Deine Entscheidung– ok. Ich würde es allein deswegen schon nicht empfehlen, weil die SPD vor Ort zumeist nicht reformierbar ist– das mag in HH anders sein– Du wirst es erleben. Viel Glück.
Grundsatzprogramm, Regierungsprogramm und Deutschland-Plan der SPD sind die für mich besten programmatischen Dokumente, die derzeit von den Parteien in Deutschland angeboten werden.
Ich gestehe, die ersten beiden habe ich noch nicht angeschaut.
Aber den Deutschland-Plan finde ich wirklich gut und werde mir die 67 Seiten noch mal ausführlich zu Gemüte führen.
Er gruppiert die wichtigen Themen in 8 Kapiteln, ist klar und verständlich geschrieben, und er bleibt nicht etwa bei plakativen aber inhaltsleeren Forderungen stehen, sondern definiert zu jedem Bereich Standort, Ziele und konkrete Schritte zur Erreichung der Ziele.
Dieses Dokument hat mich in seiner Qualität extrem positiv überrascht und überzeugt.
Eine Geschichte wie aus dem Märchenbuch… mit (vorläufigem) Happy End ;).
Willkommen an Bord des einflußreichsten und ältesten Tankers Deutschlands!
Es gibt hier zum Glück noch etwas anderes als Glaubenssätze im SED-Stil @Christian, auch von Dir.
*Das* läßt hoffen, Dein obiges Statement nicht.
Welches programmatische Dokument der Linkspartei kannst Du mir denn empfehlen? Achso, da gibt’s noch keins? Sowas. :)
@Christian:
zum Beispiel die Wahlprogramme 2005 und 2009.
Kannst auch gerne unsere Braunschweiger Kommunalwahlprogramme von 2001 und 2006 lesen– an dem für 2011 sitzen wir grade.
Auf Landesebene gibt es die von 2003 und 2008 (für Niedersachsen).
Und wenn Dir das alles nicht reicht– dann kannst Du gerne mich fragen :-)
„zum Beispiel die Wahlprogramme 2005 und 2009.”
Ich sprach von programmatischen Dokumenten, nicht von Wunschzetteln. :)
Erkläre doch mal einem „Polit-Newbie” von 38 Jahren Polit-Erfahrung, was außer Umfang und Konkretheit ein Wahl– von einem anderen Programm unterscheidet. Da bin ich gespannt.
Sind Parteiprogramme etwa keine „Wunschzettel”?
Christian, Du verzettelst Dich, es wirkt leider mittlerweile etwas abstrus.
qed?
Das Wahlprogramm der Linkspartei 2009 ist eine Ansammlung von Wünschen, ohne Muster, ohne Ziel, ohne Ideen, ohne klare Linie. Was gerade en vogue erscheint, wurde reingeschrieben. Wie die Ziele erreicht werden sollten, wurde nicht erläutert.
Du kannst zehnmal soviel Erfahrung haben wie ich, das macht das Wahlprogramm der Linkspartei nicht besser.
Hast du es denn gelesen? Ich habe vor der Wahl die Wahlprogramme aller sechs großen Parteien gelesen und konnte bei jeder in etwa herausdestilieren, was Sache ist. Ab schwersten fiel es mir bei der CDU.
Wer ist jetzt „Du”?
Und welches Programm?
Alle gelesen?
Wow.
„Ansammlung von Wünschen,„
Ja, gerne. Träumen steht vor Machen– „fordern wir das Unmögliche” (CG)
„ohne Muster,„
Wenn „man” demokratischen Sozialismus mit menschlichem Antlitz in Einklang von Mensch und Natur
als
„ohne Ziel, ohne Ideen, ohne klare Linie.„
bezeichnet, ja.
„Was gerade en vogue erscheint, wurde reingeschrieben.„
Nein. Dafür gab (und gibt) es bei allen Wahlprogrammen (und bei den kommunalen und dem Landeswahlprogramm 2003 habe ich direkt mitgearbeitet) zuviel Streit und– teilweise– elendige Debatten.
„Wie die Ziele erreicht werden sollten, wurde nicht erläutert.„
Doch. Linke (in der Linkspartei) treten ein für Rekommunalisierung bzw. Wiederverstaatlichung von Schlüsselbereichen ( u. a. Daseinsvorsorge– lies mal Art 14 / 15 GG ohne Scheuklappen– Private müssen Gewinn machen– wer bezahlt das? Zahlen Unternehmen wie „ALBA” Steuern?) durch eine andere Steuerpolitik finanziert (wer muß dann bluten? Reiche und Mega-Reiche– prima), für soziale Verteidigung (eine Angriffsarmee ist viel teurer als eine Verteidigungsarmee– mal beim SIPRI nachlesen: sipri.org oder g**geln= http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/themen/export/baf2.html oder friedenspaedagogik.de/blog/wp-content/uploads/2009/09/yb09minide.pdf– ein Beispiel– ein moderner Kampfpanzer kostet mehrere Millionen EUR– von den Ausbildungs– und Instandshaltungskosten gar nicht zu reden, dagegen ein PAK oder eine Rakete, die ihn mühelos „abschießt” einen Bruchteil dessen), für einen ökologischen und sozialen Umbau der Wissenschaftsgesellschaft (schafft Arbeitsplätze an/in Schulen, Unis usw.), für Integration sog. Ausländer (vermeidet gesellschaftliche Konflikte– Polizei und Justiz werden entlastet, um ihren eigentlichen Aufgaben nachkommen zu können– schon mal geklagt in den letzten Jahren?)
… lies einfach mal nach, anstatt alles aus dem „Dickschiff” (WBH) anstandslos zu glauben, hat schon ganz andere überzeugt– unter anderem Oskar Lafontaine ;-)
(ja, *der* mußte jetzt kommen :-)
Ich finde es beeindruckend, wie Du es jedes Mal aufs Neue schaffst, Deine Beiträge durch schlechte Formatierung absolut unlesbar zu machen. Und das, obwohl WordPress.com dem Nutzer überaus entgegen kommt und etliche Zeichen sinnvoll umwandelt…
Naja, wenn’s inhatlich geht, dann wird
eben am Äußerlichen rumgekrittelt–
Du, ich bin auch noch verdammt häßlich
:-)
[…] eingetreten. Über die Tücken der Anmeldung habe ich hier ja schon geschrieben, ebenso über meine Beweggründe. Nach Ablauf der ersten Monats versuche ich mal, meine bisherigen Eindrücke zu ordnen und […]