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Rumi und die deutschen Panzer” — Ein Gastbeitrag von Ulrich Kasparick

15. Dezember 2009
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Ulrich Kasparick (SPD), Parlamentarischer Staatssekretär a.D., stellt „Rot steht uns gut” diesen Beitrag zur Afghanistan-Debatte zur Verfügung, „nachdem ein Verteidigungsminister zurückgetreten ist, ein Staatssekretär und der Generalinspekteur der Bundeswehr entlassen wurden und der neue Verteidigungsminister ebenfalls unter erheblichen Druck steht, nachdem bekannt wurde, dass Anfang September bei Kundus ein deutscher Offizier die Bombardierung von zwei Tanklastzügen angeordnet hat, die Tötung von Zivilisten hinnehmend”. Der Text ist ein Auszug (Vorabdruck) aus einem Kapitel für ein Buch, das im kommenden Jahr im Gütersloher Verlagshaus erscheinen wird:

Es ist wichtiger, die eigenen Beweggründe zu erkennen, als die Motive des anderen zu verstehen.„
(DAG Hammarskjöld, UN-Generalsekretär; 29.7.190517.09.1961)

Dieses Kapitel begann ich zu schreiben an dem Tag, als die Agenturen meldeten, die Deutschen hätten zum ersten Mal Panzer eingesetzt.
In Afghanistan. In der Region Kundus. Gegen „die Taliban“.
Ich war dort, noch bevor die Deutschen Soldaten dort stationiert wurden.
Damals im Juli 2003 gab es ein kleines britisches Team in Kundus. Ich war mit Dr. Rupert Neudeck auch bei diesen britischen Soldaten. Erst waren die Briten zögerlich. Aber dann ließ man uns ein, als sie erfuhren, dass da ein „Member of German Parliament“ vor der Tür stünde. Da saßen die Soldaten bei Cola und Zeichentrick-Film, der auf einer großen Leinwand lief. Alles war importiert, sogar das Wasser. Wie eingebunkert wirkten die Briten, hatten keinerlei Kontakt mit der Bevölkerung.
Wir waren dabei, Informationen zusammen zu tragen; waren auf der Suche nach möglichen neuen Projekten für die „Grünhelme“, wollten Schulen bauen, wollten dem geschundenen Land helfen.
Wir reisten als Privatpersonen. Waren in Begleitung von zwei jungen Afghanen. Lebten in deren Familie – eine besondere Auszeichnung für „Ungläubige“ wie uns. Wir erlebten die Große Gastfreundschaft.

Rupert Neudeck hat mit den „Grünhelmen“ mittlerweile etwa 30 Schulen im Lande gebaut. Finanziert mit Spenden aus Deutschland. Eine Schule für 600 Schülerinnen und Schüler kann für 40.000 Euro gebaut werden. Etwa 1,2 Millionen Euro sind eingeworben. 19.000 Schüler können nun, ermöglicht durch die Arbeit der „Grünhelme“, zum Unterricht gehen (Stand: 19. November 2009).
Kundus galt damals im Jahr 2003 als die friedlichste Provinz in ganz Afghanistan. Ich hab nach der Tour einen Reisebericht veröffentlicht unter dem Titel „Der Krieg ist vorüber“ („The war is over – der Krieg ist vorbei. Ein Afghanistan-Reisetagebuch vom Juli 2003“. U-Books Verlag Augsburg, ISBN 3935798733), weil uns fasziniert hat, mit welchem Aufbauwillen die Afghanen nun wieder ihr Land bebauen, ihren „Karren schieben“ wollten. Hoffnung war im Land und unglaublicher Fleiß. Unsere Gesprächspartner aus der politischen Verwaltung in Kundus, auch Journalisten berichteten von dem Aufbauwillen der Menschen. Sie luden uns ein, in der Region zu investieren. Waren sehr aufgeschlossen und freundlich.
Der Provinzgouverneur berichtete von der mühsamen Arbeit des Wiederaufbaus. Nach über 20 Jahren Krieg war alles zerstört. Die Wasserleitungen, die Schulen, die Straßen, die Krankenhäuser. Es gab kaum Arbeit. Aber es gab einen unglaublichen Willen, nun im Frieden von vorn anzufangen.
„Der Krieg ist vorüber“ hab ich deshalb das Tagebuch überschrieben. Denn es entsprach den, was wir dort erlebten.
Doch wir haben uns getäuscht.

Der Krieg ist zurückgekehrt in diese friedlichste Provinz des Landes.
Seit heute fahren dort auch deutsche Panzer und die Gewalt nimmt zu.
Die Strategie des Westens geht nicht auf, sie führt nicht zu mehr Frieden, sondern zu mehr Gewalt. Die Gefahr ist groß, dass wir keinen Aus-Weg mehr finden aus diesem Krieg, in den wir längst verwickelt sind. Die Russen waren viele Jahre im Land. Und mussten abziehen. Viele tote Soldaten später.
Wie lange werden wir dort sein?
Was ist mit unseren Soldaten im Krieg?
Egon Bahr hat vor der SPD-Bundestagsfraktion schon vor einiger Zeit offen darüber gesprochen.
Ich habe mir damals in mein Tagebuch notiert:

20. März 2007 zu Afghanistan:
Der alte, 85jährige Egon Bahr war da. Er bekam standing ovations von der Fraktion.
Sein trockener Kommentar:
„Eure freundliche Begrüßung freut mich sehr. Mal sehen, ob Ihr auch noch klatscht nach meinem Vortrag.“
Dann hat er über neue Sicherheitspolitik gesprochen, von der Notwendigkeit der Europäischen Selbständigkeit gegenüber Amerika, von der Notwendigkeit, eine Europäische Armee einzurichten. Als er auf die Gegenwart zu sprechen kam, fand der Vater der Friedensbewegung Worte wie:
„Wir waren lange nicht bereit, einzugestehen, dass wir uns in Afghanistan – im Krieg befinden …“
Betretenes Schweigen.
„Und die Bereitschaft Aufklärungsflugzeuge dort hin zu schicken, die die Ziele finden, die von den Amerikanern dann bombardiert werden – das wird nicht das Ende sein.“
Er redet offene Worte, der alte Bahr.

Aber wir haben nicht auf ihn gehört.
Heute wird immer noch vernebelnd von „Kampfeinsätzen“ gesprochen, Deutschland sei dort „nicht im Krieg“, wird vehement behauptet. Den Höhepunkt dieser sprachlichen Konfusion, hinter der sich Strategie verbirgt, kann man im Protokoll des Deutschen Bundestages vom 2. Juli 2009 nachlesen. Es war eine wirklich unsägliche Debatte. Wie hat man sich in dieser Debatte um das Wort „Krieg“ gewunden und die „Kampfeinsätze“ verteidigt. Es war fast nicht zu glauben.
Wortakrobatik.
Und längst weiß es jedes Kind auf der Straße:
Wir sind im Krieg.
Und wir Abgeordneten haben eine gehörige Portion Mitverantwortung an dem Tod der deutschen Soldaten und der getöteten Afghanen.
Man wird eines Tages Rechenschaft von uns verlangen.

Als ich mit Rupert Neudeck dort war im Jahre 2003, sind wir die zerbombte Straße von Kundus nach Mazar i Sharif gefahren. Wir waren mit drei Jeeps unterwegs, von Duschanbe in Tadschikistan aus waren wir eingereist. Niemals werde ich die Überquerung des Amur Darja bei Kakul vergessen. Auf einer „Fähre“ fuhren wir: drei zusammengeseilte Militärpontons; angetrieben von einem alten „ZK 300 – Traktor aus Schönebeck“. Man hatte den Reifen von der Felge des Hinterrades entfernt, das Drahtseil darüber gezogen. Wenn der Fahrer dieses Traktors nun Gas gab, zog sich die Fähre über den Fluss. Auf der anderen Seite bei Oikanom soll Alexander der Große ein Heerlager gehabt haben, als er den Fluss übertrat. Die Russen selbst sicherten diese Grenze, sie trauten den Tadshiken nicht. Unser afghanischer Begleiter hatte sie mit Schnaps bestochen. Die Überquerung der Grenze nach Afghanistan wurde gestattet.
Dann fuhren wir „die Straße“: von Kundus nach Mazar i Sharif. Diese legendäre Straße hatte damals dreißig Jahre Krieg hinter sich, nichts war mehr von ihr da, man konnte sie an manchen Stellen nur noch ahnen. Es war unglaublich, wie wir da von Krater zu Krater fuhren, im Schritttempo selbst mit den Jeeps.
Von Mazar aus sind wir aufgebrochen und haben die alte Festung Balkh besucht. Ich hatte es mir gewünscht.

Balkh ist ein uraltes spirituelles Zentrum des Islam, wahrscheinlicher älter als Jericho, neben Mekka und Medina das dritte große spirituelle Zentrum der islamischen Welt.
Dshellaludin Rumi (12071273) soll hier zur Schule gegangen sein, bevor er mit seinen Eltern auf die Flucht musste. In Konya in der heutigen Türkei ist er gestorben. Die „Tanzenden Derwische“ haben eine Spur gelegt, die zu ihm zurück führt.
Dieser muslimische Mystiker aus dem 13. Jahrhundert hat mein Leben verändert.
Die Begegnung mit der Spiritualität in der Region Balkh hat mein Leben verändert.
Ich habe viel gelesen über Rumi seither, über den Islam, über die muslimische Mystik. Professor Annemarie Schimmel ist es zu verdanken, dass sich dieses Tor öffnete in eine Kultur, von der wir so wenig wissen und so viel lernen können. Ich bin durch Rumi, den Muslim, zu den eigenen christlichen Wurzeln zurückgeführt worden, habe Meister Eckhart entdeckt und Johannes vom Kreuz, Teresa von Avila und Thomas Merton, schließlich auch Dag Hammarskjöld, diesen besonderen UN-Generalsekretär, der Rumi ebenfalls gekannt und geschätzt hat. Hammarskjöld hatte in seinem Zimmer ein Bild von den „tanzenden Derwischen“.
Rumi, der Hörende.
Rumi der Liebende, der große Poet und Seelenführer.
Sein „Mathnawi“ nennt der persische Dichter Dschami den „Koran in persischer Zunge.“
Ich habe der Begegnung mit ihm viel zu verdanken. Ich habe Zugang zu meinen eigenen Wurzeln wieder gefunden, ähnlich, wie es mir später mit dem ZEN ergangen ist.
Wenn ich sehe, wie wir „Christen“ aus dem Abendland mit den von uns Abgeordneten geschickten Soldaten in diesem tief spirituellen Lande vorgehen, dann kann ich fühlen, dass die militärische Strategie des Westens niemals aufgehen wird.
Solange wir mit Panzern in einem ländlich geprägten uralten Kulturland mit einer sehr tiefen Spiritualität herum geistern und die Demokratie sozusagen herbei schießen wollen (der Einsatz der Panzer wird ja mit der Vorbereitung der Wahlen im August 2009 begründet!) – solange wird es keinen vernünftigen Dialog mit dieser großartigen muslimischen Kultur geben.

Damals habe ich in mein Reisetagebuch notiert:

Fünfter Tag: Mittwoch, 23. Juli 2003. Mazar. Balkh University, ISAF, Redaktion. Balkh
Irgendwann früh gegen vier ruft der Muezzin und erinnert uns an die Grenze, die uns gesetzt ist: „Gott ist größer – allahu akbar“. (Gewöhnlich wird das Wort mit „Gott ist groß“ übersetzt. Prof. Annemarie Schimmel hat aber überzeugend aufgezeigt, daß es der Intention des Islam sehr viel besser entspricht, das Wort mit „Gott ist größer“ – als alles Menschengemachte nämlich – zu übersetzen.) Das ganze Land beginnt mit einer „Morgenandacht“. Man stelle sich das für unser Land vor! Früher hatten im christlichen Abendland die Glocken eine solche Bedeutung. In manchen Dörfern gibt es wenigstens noch das „Abendläuten“ um 18 Uhr. Wie weit wir doch weg sind von praktizierter Religiosität im sogenannten „christlichen Abendland“!
Dieses Land hier „atmet“ den Islam. Man darf das nie vergessen bei allem, was man hier sieht. Dieses Land ist ein religiöses Land. Dieses Land ist ein spirituelles Land.
Wie soll ein Dialog mit dem Islam gelingen, wenn das „christliche Abendland“ gar nicht mehr um seine eigenen Wurzeln weiß? Wie soll man den „interreligiösen Dialog“ führen, wenn die eine Seite gar nicht mehr weiß, welche Religion sie eigentlich hat?
Es gibt im Westen arrogante ungebildete Menschen, die glauben, der Islam müsse erst mal die Aufklärung durchmachen, die auch das Christentum durchgemacht habe.
Diese Menschen verstehen nichts. Sie wissen nichts von Spiritualität. Sie wissen nichts von den Sufis, nichts von den Naqsbandhias, nichts von Rumi und den „tanzenden Derwischen“, die in ihrem wild kreisenden Tanz Gott ehren, der größer ist als alles, was Menschen so zustande bringen.
Heutzutage kann man in der Türkei die tanzenden Derwische als Touristenattraktion besichtigen, da ist allerdings auch nicht mehr viel von den ursprünglichen Wurzeln dieses Gebetstanzes zu erkennen.
Wie kann ein Dialog gelingen zwischen einem weitgehend atheistischen Westen und einem religiösen Osten nach dem 11. September?
Wie soll sich ein religiöser Afghane verständigen mit einem Amerikaner oder Deutschen oder Engländer oder Franzosen, der im Grunde nur am Erdöl zur Sicherung seiner Energieversorgung interessiert ist oder an dem, was er die eigene „Sicherheit“ nennt?
Was soll man reden mit jemandem, der unter „Fortschritt“ lediglich das Wachstum seiner eigenen Volkswirtschaft versteht und die „Sicherheit“ seines eigenen politischen Systems?
Es wird schwer werden mit dem Gespräch. Es ist eine große Aufgabe. Aber der 11. September hat eben auch dies gezeigt: wir werden reden müssen! Wir werden uns verständigen müssen über die Ziele, zu denen wir unterwegs sind. Wir werden uns verständigen müssen über die „basics“, von denen aus das Leben zu begreifen ist.
Und eins scheint mir sicher: Der Westen wird zu seiner eigenen Spiritualität zurückkehren müssen, billiger ist der Dialog nicht zu haben.

So habe ich es damals gesehen und aufgeschrieben. Und ich sehe die Dinge heute ebenso.
Damals, nach dem 11. September, stand die Frage: „Was macht der Westen falsch, dass wir den religiösen Fundamentalisten mit ihrem Hass auf die westliche Welt so viel Raum geben? Was ist der Grund für diesen Hass?“ Es ist die Frage nach unseren eigenen Wurzeln.
Damals wurden die „Grünhelme“ gegründet als ein Antwortversuch, der zu mehr Dialog führen soll. Christen und Muslime, Menschen „guten Willens“ sollen in ganz konkreten Projekten des zivilen Wiederaufbaus gemeinsam arbeiten und so miteinander ins Gespräch kommen. Es geht um Schulen und Krankenhäuser. Um Schulen vor allem. Etwa 30 Schulen haben wir mit den „Grünhelmen“ mittlerweile gebaut. Auf einer steht die erste Solaranlage überhaupt, die in Afghanistan installiert wurde. Die Berliner Firma SOLON hat uns dabei geholfen.
Allerdings nehme ich auch wahr, dass die Staaten des Westens vor allem mit Militär (die Ausgaben für den Militäreinsatz sind um ein Vielfaches höher als die Mittel für den zivilen Wiederaufbau!) versuchen „das Problem“ Afghanistan zu lösen.
Auf diesem Wege der Priorität des Militärischen aber rutschen wir immer tiefer in den Krieg hinein, in dem wir längst stecken. Der Beschluss des Deutschen Bundestages vom 3. Juli 2009, nun auch AWACS Aufklärungsflugzeuge zu schicken, beschleunigt das nur. Mit Hilfe der AWACS kann man nun noch genauer zielen …
Egon Bahr hatte das schon im März 2007 klar gesehen. Wir haben nicht auf ihn gehört, wie die dpa-Meldung vom 22. Juli 2009 deutlich macht:

Berlin (dpa) — Die Bundeswehr ist derzeit mit mehreren hundert Soldaten und erstmals mit Panzern an einer der bisher größten Militäroffensiven gegen Taliban in Nord-Afghanistan beteiligt. Das Verteidigungsministerium in Berlin bestätigte die Operation und den Einsatz von Mörsern und «Marder»-Panzern, nannte aber keine Details.

Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) kam am Vormittag in Berlin zu einer in der vorigen Woche angesetzten Pressekonferenz.

Bereits am Montag hatte das Ministerium mitgeteilt, dass es im Raum Kundus bei einer Operation der afghanischen Sicherheitskräfte mit deutscher Unterstützung «mehrfach zu Feuergefechten mit gegnerischen Gruppen» gekommen sei. Dabei habe es auch sogenannte Luftnahunterstützung gegeben. Dieser in der Militärsprache genannte «close air support» bedeutet, dass die Luftwaffe den Bodentruppen zu Hilfe kommt. Diesmal soll erstmals aus der Luft scharf geschossen worden sein. Die Offensive werde noch Tage dauern, hieß es.

Die «Rheinische Post» (Mittwoch) berichtete, rund 300 Soldaten aus der Schnellen Eingreiftruppe QRF (Quick Reaction Force) gingen «mit dem vollen QRF-Spektrum» vor. Derzeit stellt Deutschland die QRF.

Den Hauptanteil der Einsatzkräfte leistet nach Angaben aus Berlin Afghanistan mit 1000 Soldaten und Polizisten. Ziel sei, aus Pakistan gesteuerte und finanzierte radikal-islamische Taliban aus der Region zu vertreiben und ihre Führung zu zerstören.

Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» hatte bereits am Montag berichtet, dass die Bundeswehr im Zuge dieser großangelegten Offensive erstmals ihre 1979 eingeführten Schützenpanzer «Marder» in einem Gefecht einsetze. Dabei würden auch die Bordwaffen genutzt. Die «Marder» seien wegen der zunehmenden Kämpfe mit Aufständischen vor rund zwei Wochen von Masar-i-Scharif nach Kundus verlegt worden.

Für die amerikanischen Truppen in Afghanistan war der Juli bereits jetzt der bisher tödlichste Monat. Seit Beginn dieses Monats seien 31 Soldaten getötet worden, berichtete die «Washington Post» am Mittwoch. Damit liege die Opferzahl über der bisherige Höchstzahl im Juni 2008, als insgesamt 28 US-Soldaten starben. Auch die anderen ausländischen Truppen mussten im Juli schwere Verluste hinnehmen.

Am 3. Juli hatte der Bundestag den Einsatz von AWACS Aufklärungsflugzeugen beschlossen:

Berlin (ddp). Kurz nach dem Bundestags-Beschluss über eine Beteiligung deutscher Soldaten am Einsatz von NATO-AWACS-Maschinen in Afghanistan sind die Vorbereitungen angelaufen. Die ersten Soldaten seien bereits bei den im türkischen Konya (Anmerkung Ulrich Kasparick: Mich berührt es sehr, dass die Flugzeuge ausgerechnet in Konya, dem Sterbeort von Dshellaludin Rumi, Richtung Afghanistan starten. Sie fliegen sozusagen den Weg in umgekehrter Richtung, den er damals als Flüchtling gekommen war. Sie fliegen von Konya Richtung Balkh und Kundus.) stationierten AWACS-Maschinen, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums am Freitag in Berlin. Der Bundestag hatte am Donnerstagabend mit großer Mehrheit grünes Licht für die AWACS-Mission gegeben.

Die NATO-Maschinen sollen den zivilen und militärischen Flugverkehr in Afghanistan koordinieren sowie Aufgaben zur Unterstützung von Luftoperationen der internationalen Schutztruppe ISAF übernehmen. Die Zustimmung des Bundestages war notwendig, da die Bundeswehr etwa 40 Prozent der multinationalen AWACS-Besatzungen stellt und bewaffnete Auslandseinsätze unter Parlamentsvorbehalt stehen.

Das AWACS-Mandat, das die Entsendung von bis zu 300 Soldaten vorsieht, ist zunächst bis zum 13. Dezember befristet. Mit der zum Jahresende anstehenden Neufassung des ISAF-Mandats soll der AWACS-Einsatz dort aufgenommen werden. Die Kosten der halbjährigen Mission werden auf 4,2 Millionen Euro geschätzt.

Wie konnte uns das passieren? Wie konnten wir so tief hinein geraten in eine militärische Auseinandersetzung, die auf Dauer den guten Ruf, den die Deutschen in Afghanistan haben, schwer beschädigen wird? Wie konnten wir so das Vertrauen der ländlichen Bevölkerung verspielen?

Statt Panzer oder AWACS-Flugzeuge in das schöne Land Afghanistan zu schicken, will ich hier Rumi zu Wort kommen lassen, am Ende dieser kurzen Begegnung zwischen dem Westen und dem Osten, zwischen Materialismus und Spiritualität, zwischen Äußerlichkeit und Innerlichkeit. In der freien Nachdichtung von Friedrich Rückert (16. Mai 1788 in Schweinfurt geboren; 31. Januar 1866 in Coburg gestorben), der Rumi übersetzt hat:

Schall, o Trommel! Hall, o Flöte – Allah hu!
Wall im Tanze, Morgenröte – Allah hu!
Lichtseel‘ im Planetenwirbel, Sonne, vom
Herrn im Mittelpunkt erhöhte – Allah hu!
Herzen! Welten! Eure Tänze stockten, wenn
Lieb‘ im Zentrum nicht geböte: Allah hu!

Seele, willst, ein Stern, dich schwingen, um dich selbst,
Wirf von dir des Lebens Nöte – Allah hu!
Wer die Kraft des Reigens kennet, lebt in Gott,
Denn er weiß, wie Liebe töte. – Allah hu!

(Zitiert nach: Annemarie Schimmel. Rumi. Ich bin Wind und Du bist Feuer. Leben und Werk eines großen Mystikers. Diederichs Gelbe Reihe; Heinrich Hugendubel Verlag 2003; S. 210.)

Dieses „Herzen! Welten! Eure Tänze stockten, wenn Lieb‘ im Zentrum nicht geböte: Allah hu!“ klingt in unserer Tradition so:

Selbst wenn ich mit Menschen– und mit Engelszungen redete
Und hätte die Liebe (zu Gott) nicht,
so wäre ich nur ein tönendes Erz
oder eine klingende Schelle.

(Paulus, 1. Brief an die Gemeinde der Christen im griechischen Korinth aus dem Jahr 54 oder 55 nach Christus, Kapitel 13, Vers 1.)

Das wäre vielleicht ein Anfang der Begegnung der Kulturen.
Hier könnte der Gesprächsfaden aufgenommen werden.
So könnte es gehen: die gemeinsamen Erfahrungen und Einsichten der Religionen miteinander ins Gespräch zu bringen.
Panzer und AWACS werden das nicht können …

Als ich mit Rupert Neudeck in Balkh in der alten Moschee war, habe ich in mein Reisetagebuch notiert:

Wir stehen vor der Moschee. Ziehen die Schuhe aus. Betreten den halbdunklen Raum. Einige Männer knien im Gebet. Wir setzen uns hinter der Schwelle im Eingangsbereich der uralten Muhammad Parsa Moschee in Balkh zu den beiden Alten, die hier Frühstück machen und hören, was sie uns zu berichten wissen.
Der eine Alte sitzt seit 15 Jahren hier. Er lebt in der Moschee. Von früh vier Uhr vom ersten Gebet bis abends neun Uhr zum letzten Gebet des Tages. Dann kommt die Nachtwache. Hodshar Boswhar Delee heißt der alte Mann, so jedenfalls verstehe ich seinen Namen. Rupert hat sein Tonband herausgenommen, freut sich mit mir über diese Begegnung der ganz besonderen Art.
Der Alte erzählt, das Gebäude sei über 1000 Jahre alt.
„Die Menschen in der Region glauben, dass hier das Fundament der Welt zu finden ist“, übersetzt uns Tadsh.
„Ich habe nicht genug Kenntnis, um Ihnen all die Daten und Zeiten zu erklären“ sagt der Alte.
„Aber hierher kommen viele Leute, die haben Fragen zum Gebet. Da kann ich ihnen antworten.“

Man kann solche Rede für „rückschrittlich“ halten. Man kann darüber den Kopf schütteln –und zeigt doch dabei nur die eigene Hilflosigkeit.
Man kann die Meinung vertreten, das Land brauche „Aufklärung“ und Entwicklungshilfe, brauche freie demokratische Wahlen nach westlichem Vorbild. Das mag alles sein.
Vielleicht jedoch verbirgt sich hinter diesem kopfschüttelnden Reflex des „christlichen“ Abendländers, der von seinen Abgeordneten möglicherweise als Soldat im Kampfanzug in dieses Gebiet geschickt wird, um die eigene Sicherheit zu verteidigen, nur die Abwehr des eigenen Schattens?
Vielleicht verbirgt sich hinter einem solchen scheinbar „aufgeklärten“ Reflex nur die Sehnsucht der eigenen Erkenntnis des Großen Zusammenhangs?
Vielleicht könnten wir genau das von den Afghanen wieder lernen — nach dem Großen Zusammenhang zu fragen und nicht nur nach der eigenen Sicherheit?
Dann aber werden wir zunächst zuhören müssen und nicht mit Soldatenstiefeln die einzige Tür des sonst nach außen, zum Ort hin, durch eine Mauer vor fremden Blicken geschützten Bauernhofes eintreten auf der Suche nach „Terroristen“, so, wie es amerikanische Soldaten vor laufenden Kameras tun ohne Rücksicht auf kulturelle und spirituelle Traditionen des Landes, in dem sie gerade zu Gast sind … Mein Gott, ich stelle mir immer vor, so etwas würde in unseren Dörfern passieren: dass da Soldaten aus einem fremden Land den Bauern so die Hoftore eintreten, hochbewaffnet – auf der Suche nach „Terroristen“! Wie würde die Bevölkerung unserer Dörfer auf so etwas reagieren?

So macht man sich Feinde, nicht Freunde!

Vielleicht werden wir uns bei einer wirklichen Begegnung mit der afghanischen und muslimischen Kultur auch eingestehen müssen, dass wir den Zugang zu den eigenen spirituellen Wurzeln verloren haben.
Vielleicht werden wir eingestehen müssen, dass wir spirituell Heimatlose geworden sind.
Vielleicht müsste der Bogen zerbrechen, den wir gespannt haben, um auf „die Taliban“ zu zielen.
Das könnte ein Anfang sein.

Wenn wir das sehen können, dann sollten wir die Soldatenstiefel zügig an der Schwelle der Moschee ausziehen, wie es sich gehört, und den beiden Alten da zuhören, was sie von den Fundamenten der Welt zu sagen wissen.
Stille täte gut.
Das könnte ein Anfang sein.


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3 Responses to Rumi und die deutschen Panzer” — Ein Gastbeitrag von Ulrich Kasparick

  1. Christian Soeder on 16. Dezember 2009 at 11:14

    Zwei Kommentare gelöscht. Ich werde es nicht dulden, dass meine Gastautoren beschimpft werden.

  2. nordstadt on 16. Dezember 2009 at 20:07

    Interessanter Artikel, danke.

  3. Gündogdu Ahmet on 13. April 2010 at 03:13

    Sehr geehrter Herr Soeder,
    ich verstehe Sie sehr gut wenn ich dies „Ich bin durch Rumi, den Muslim, zu den eigenen christlichen Wurzeln zurückgeführt worden, habe Meister Eckhart entdeckt…„von Ihnen lese. Ich bin in Mannheim geboren und aufgewachsen. Meine Eltern stammen aus Konya. Auch ich wurde durch einen Christen zu meinen muslimischen Wurzeln zurückgeführt und habe Rumi entdeckt. Wenn man diese Erkenntnisse weiterspinnen wollte würden man wohl zu dem Schein kommen ‚dass eine bestimmte Religion sei es das Christentum,Islam,Judentum oder Hinduismus keine Rolle spielt für ein erfülltes Leben. Nur der Glaube würde zählen ist aber leider ein wunschdenken. Wir Menschen brauchen das Ritual des Gebetes und da die verschiedene Religionen verschiedene Gebetsritualle habe, hat es seine Berechtigung das Gebet so auszuführen wie die Eltern dies ausüben oder ausübten. Alle Religionen haben damit Ihre Berechtigung.
    Die Frage stellt sich mir so dar. Versteht die Europaische Union selber den Zweck einer militärische Einsatz in Afganistan?
    Die Europäische Union setzt sich aus Ländern zusammen die allesamt das Christentum als Staatsreligion angeben. Wie christlich sind diese Länder der EU wirklich?
    Mahatma Gandhi sagte „Ich bin davon überzeugt, dass Europa von heute nicht den Geist Gottes oder des Christentums verwirklicht, sondern den Geist Satans. Und der Satan hat den größten Erfolg, wo er mit dem Namen Gottes auf den Lippen auftritt. Europa ist heute nur noch dem Namen nach christlich. In Wirklichkeit betet es den Mammon an.>Leichter kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in das Reich Gottes.<Das sind Worte Christi.Seine Anhänger messen ihren moralischen Fortschritt an ihrem materiellen Besitz„aus dem Young India,8.9.1920.
    Obwohl die Menschen in Afganistan nach dem Krieg mit der Sowjetunion ausgebeutet waren herrschte eine soziale Ordnung. Nur diese Ordnung wärte nicht lange da es dank USA Waffen in überfluss gab und sich junge Menschen sich dran machten sich zusammen zu schließen und in Afganistan die Macht für sich zu beanspruchen.
    Statt bei den älteren Gelehrten in Afganistan nachzufragen welche Hilfe die EU beitragen kann um die gewalttätigen jungen Menschen auf den rechten Pfad zubringen schicken diese Soldaten hin. Als ob man Feuer mit Öl löschen wollte.
    Es kommt mir so vor als wolle das Kind EU mit dem Kind Afganistan Krieg spielen und die älteren hier wie drüben weinen um das in strömen vergossene Blut von unschuldigen.

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