„Rumi und die deutschen Panzer” — Ein Gastbeitrag von Ulrich Kasparick

Ulrich Kasparick (SPD), Parlamentarischer Staatssekretär a.D., stellt „Rot steht uns gut” diesen Beitrag zur Afghanistan-Debatte zur Verfügung, „nachdem ein Verteidigungsminister zurück­ge­tre­ten ist, ein Staatssekretär und der Generalinspekteur der Bundeswehr entlas­sen wurden und der neue Verteidigungsminister eben­falls unter erheb­li­chen Druck steht, nachdem bekannt wurde, dass Anfang September bei Kundus ein deut­scher Offizier die Bombardierung von zwei Tanklastzügen ange­ord­net hat, die Tötung von Zivilisten hinneh­mend”. Der Text ist ein Auszug (Vorabdruck) aus einem Kapitel für ein Buch, das im kommen­den Jahr im Gütersloher Verlagshaus erschei­nen wird:

„Es ist wich­ti­ger, die eigenen Beweggründe zu erken­nen, als die Motive des anderen zu verste­hen.”
(DAG Hammarskjöld, UN-Generalsekretär; 29.7.1905–17.09.1961)

Dieses Kapitel begann ich zu schrei­ben an dem Tag, als die Agenturen melde­ten, die Deutschen hätten zum ersten Mal Panzer einge­setzt.
In Afghanistan. In der Region Kundus. Gegen „die Taliban“.
Ich war dort, noch bevor die Deutschen Soldaten dort statio­niert wurden.
Damals im Juli 2003 gab es ein kleines briti­sches Team in Kundus. Ich war mit Dr. Rupert Neudeck auch bei diesen briti­schen Soldaten. Erst waren die Briten zöger­lich. Aber dann ließ man uns ein, als sie erfuh­ren, dass da ein „Member of German Parliament“ vor der Tür stünde. Da saßen die Soldaten bei Cola und Zeichentrick-Film, der auf einer großen Leinwand lief. Alles war impor­tiert, sogar das Wasser. Wie einge­bun­kert wirkten die Briten, hatten keiner­lei Kontakt mit der Bevölkerung.
Wir waren dabei, Informationen zusam­men zu tragen; waren auf der Suche nach mögli­chen neuen Projekten für die „Grünhelme“, wollten Schulen bauen, wollten dem geschun­de­nen Land helfen.
Wir reisten als Privatpersonen. Waren in Begleitung von zwei jungen Afghanen. Lebten in deren Familie – eine beson­dere Auszeichnung für „Ungläubige“ wie uns. Wir erleb­ten die Große Gastfreundschaft.

Rupert Neudeck hat mit den „Grünhelmen“ mitt­ler­weile etwa 30 Schulen im Lande gebaut. Finanziert mit Spenden aus Deutschland. Eine Schule für 600 Schülerinnen und Schüler kann für 40.000 Euro gebaut werden. Etwa 1,2 Millionen Euro sind einge­wor­ben. 19.000 Schüler können nun, ermög­licht durch die Arbeit der „Grünhelme“, zum Unterricht gehen (Stand: 19. November 2009).
Kundus galt damals im Jahr 2003 als die fried­lichste Provinz in ganz Afghanistan. Ich hab nach der Tour einen Reisebericht veröf­fent­licht unter dem Titel „Der Krieg ist vorüber“ („The war is over – der Krieg ist vorbei. Ein Afghanistan-Reisetagebuch vom Juli 2003“. U-Books Verlag Augsburg, ISBN 3−935798−73−3), weil uns faszi­niert hat, mit welchem Aufbauwillen die Afghanen nun wieder ihr Land bebauen, ihren „Karren schie­ben“ wollten. Hoffnung war im Land und unglaub­li­cher Fleiß. Unsere Gesprächspartner aus der poli­ti­schen Verwaltung in Kundus, auch Journalisten berich­te­ten von dem Aufbauwillen der Menschen. Sie luden uns ein, in der Region zu inves­tie­ren. Waren sehr aufge­schlos­sen und freund­lich.
Der Provinzgouverneur berich­tete von der mühsa­men Arbeit des Wiederaufbaus. Nach über 20 Jahren Krieg war alles zerstört. Die Wasserleitungen, die Schulen, die Straßen, die Krankenhäuser. Es gab kaum Arbeit. Aber es gab einen unglaub­li­chen Willen, nun im Frieden von vorn anzu­fan­gen.
„Der Krieg ist vorüber“ hab ich deshalb das Tagebuch über­schrie­ben. Denn es entsprach den, was wir dort erleb­ten.
Doch wir haben uns getäuscht.

Der Krieg ist zurück­ge­kehrt in diese fried­lichste Provinz des Landes.
Seit heute fahren dort auch deut­sche Panzer und die Gewalt nimmt zu.
Die Strategie des Westens geht nicht auf, sie führt nicht zu mehr Frieden, sondern zu mehr Gewalt. Die Gefahr ist groß, dass wir keinen Aus-Weg mehr finden aus diesem Krieg, in den wir längst verwi­ckelt sind. Die Russen waren viele Jahre im Land. Und mussten abzie­hen. Viele tote Soldaten später.
Wie lange werden wir dort sein?
Was ist mit unseren Soldaten im Krieg?
Egon Bahr hat vor der SPD-Bundestagsfraktion schon vor einiger Zeit offen darüber gespro­chen.
Ich habe mir damals in mein Tagebuch notiert:

20. März 2007 zu Afghanistan:
Der alte, 85jährige Egon Bahr war da. Er bekam stan­ding ovations von der Fraktion.
Sein trocke­ner Kommentar:
„Eure freund­li­che Begrüßung freut mich sehr. Mal sehen, ob Ihr auch noch klatscht nach meinem Vortrag.“
Dann hat er über neue Sicherheitspolitik gespro­chen, von der Notwendigkeit der Europäischen Selbständigkeit gegen­über Amerika, von der Notwendigkeit, eine Europäische Armee einzu­rich­ten. Als er auf die Gegenwart zu spre­chen kam, fand der Vater der Friedensbewegung Worte wie:
„Wir waren lange nicht bereit, einzu­ge­ste­hen, dass wir uns in Afghanistan – im Krieg befin­den …“
Betretenes Schweigen.
„Und die Bereitschaft Aufklärungsflugzeuge dort hin zu schi­cken, die die Ziele finden, die von den Amerikanern dann bombar­diert werden – das wird nicht das Ende sein.“
Er redet offene Worte, der alte Bahr.

Aber wir haben nicht auf ihn gehört.
Heute wird immer noch verne­belnd von „Kampfeinsätzen“ gespro­chen, Deutschland sei dort „nicht im Krieg“, wird vehe­ment behaup­tet. Den Höhepunkt dieser sprach­li­chen Konfusion, hinter der sich Strategie verbirgt, kann man im Protokoll des Deutschen Bundestages vom 2. Juli 2009 nach­le­sen. Es war eine wirk­lich unsäg­li­che Debatte. Wie hat man sich in dieser Debatte um das Wort „Krieg“ gewun­den und die „Kampfeinsätze“ vertei­digt. Es war fast nicht zu glauben.
Wortakrobatik.
Und längst weiß es jedes Kind auf der Straße:
Wir sind im Krieg.
Und wir Abgeordneten haben eine gehö­rige Portion Mitverantwortung an dem Tod der deut­schen Soldaten und der getö­te­ten Afghanen.
Man wird eines Tages Rechenschaft von uns verlan­gen.

Als ich mit Rupert Neudeck dort war im Jahre 2003, sind wir die zerbombte Straße von Kundus nach Mazar i Sharif gefah­ren. Wir waren mit drei Jeeps unter­wegs, von Duschanbe in Tadschikistan aus waren wir einge­reist. Niemals werde ich die Überquerung des Amur Darja bei Kakul verges­sen. Auf einer „Fähre“ fuhren wir: drei zusam­men­ge­seilte Militärpontons; ange­trie­ben von einem alten „ZK 300 – Traktor aus Schönebeck“. Man hatte den Reifen von der Felge des Hinterrades entfernt, das Drahtseil darüber gezogen. Wenn der Fahrer dieses Traktors nun Gas gab, zog sich die Fähre über den Fluss. Auf der anderen Seite bei Oikanom soll Alexander der Große ein Heerlager gehabt haben, als er den Fluss über­trat. Die Russen selbst sicher­ten diese Grenze, sie trauten den Tadshiken nicht. Unser afgha­ni­scher Begleiter hatte sie mit Schnaps besto­chen. Die Überquerung der Grenze nach Afghanistan wurde gestat­tet.
Dann fuhren wir „die Straße“: von Kundus nach Mazar i Sharif. Diese legen­däre Straße hatte damals dreißig Jahre Krieg hinter sich, nichts war mehr von ihr da, man konnte sie an manchen Stellen nur noch ahnen. Es war unglaub­lich, wie wir da von Krater zu Krater fuhren, im Schritttempo selbst mit den Jeeps.
Von Mazar aus sind wir aufge­bro­chen und haben die alte Festung Balkh besucht. Ich hatte es mir gewünscht.

Balkh ist ein uraltes spiri­tu­el­les Zentrum des Islam, wahr­schein­li­cher älter als Jericho, neben Mekka und Medina das dritte große spiri­tu­elle Zentrum der isla­mi­schen Welt.
Dshellaludin Rumi (1207−1273) soll hier zur Schule gegan­gen sein, bevor er mit seinen Eltern auf die Flucht musste. In Konya in der heuti­gen Türkei ist er gestor­ben. Die „Tanzenden Derwische“ haben eine Spur gelegt, die zu ihm zurück führt.
Dieser musli­mi­sche Mystiker aus dem 13. Jahrhundert hat mein Leben verän­dert.
Die Begegnung mit der Spiritualität in der Region Balkh hat mein Leben verän­dert.
Ich habe viel gelesen über Rumi seither, über den Islam, über die musli­mi­sche Mystik. Professor Annemarie Schimmel ist es zu verdan­ken, dass sich dieses Tor öffnete in eine Kultur, von der wir so wenig wissen und so viel lernen können. Ich bin durch Rumi, den Muslim, zu den eigenen christ­li­chen Wurzeln zurück­ge­führt worden, habe Meister Eckhart entdeckt und Johannes vom Kreuz, Teresa von Avila und Thomas Merton, schließ­lich auch Dag Hammarskjöld, diesen beson­de­ren UN-Generalsekretär, der Rumi eben­falls gekannt und geschätzt hat. Hammarskjöld hatte in seinem Zimmer ein Bild von den „tanzen­den Derwischen“.
Rumi, der Hörende.
Rumi der Liebende, der große Poet und Seelenführer.
Sein „Mathnawi“ nennt der persi­sche Dichter Dschami den „Koran in persi­scher Zunge.“
Ich habe der Begegnung mit ihm viel zu verdan­ken. Ich habe Zugang zu meinen eigenen Wurzeln wieder gefun­den, ähnlich, wie es mir später mit dem ZEN ergan­gen ist.
Wenn ich sehe, wie wir „Christen“ aus dem Abendland mit den von uns Abgeordneten geschick­ten Soldaten in diesem tief spiri­tu­el­len Lande vorge­hen, dann kann ich fühlen, dass die mili­tä­ri­sche Strategie des Westens niemals aufge­hen wird.
Solange wir mit Panzern in einem länd­lich gepräg­ten uralten Kulturland mit einer sehr tiefen Spiritualität herum geis­tern und die Demokratie sozu­sa­gen herbei schie­ßen wollen (der Einsatz der Panzer wird ja mit der Vorbereitung der Wahlen im August 2009 begrün­det!) – solange wird es keinen vernünf­ti­gen Dialog mit dieser groß­ar­ti­gen musli­mi­schen Kultur geben.

Damals habe ich in mein Reisetagebuch notiert:

Fünfter Tag: Mittwoch, 23. Juli 2003. Mazar. Balkh University, ISAF, Redaktion. Balkh
Irgendwann früh gegen vier ruft der Muezzin und erin­nert uns an die Grenze, die uns gesetzt ist: „Gott ist größer – allahu akbar“. (Gewöhnlich wird das Wort mit „Gott ist groß“ über­setzt. Prof. Annemarie Schimmel hat aber über­zeu­gend aufge­zeigt, daß es der Intention des Islam sehr viel besser entspricht, das Wort mit „Gott ist größer“ – als alles Menschengemachte nämlich – zu über­set­zen.) Das ganze Land beginnt mit einer „Morgenandacht“. Man stelle sich das für unser Land vor! Früher hatten im christ­li­chen Abendland die Glocken eine solche Bedeutung. In manchen Dörfern gibt es wenigs­tens noch das „Abendläuten“ um 18 Uhr. Wie weit wir doch weg sind von prak­ti­zier­ter Religiosität im soge­nann­ten „christ­li­chen Abendland“!
Dieses Land hier „atmet“ den Islam. Man darf das nie verges­sen bei allem, was man hier sieht. Dieses Land ist ein reli­giö­ses Land. Dieses Land ist ein spiri­tu­el­les Land.
Wie soll ein Dialog mit dem Islam gelin­gen, wenn das „christ­li­che Abendland“ gar nicht mehr um seine eigenen Wurzeln weiß? Wie soll man den „inter­re­li­giö­sen Dialog“ führen, wenn die eine Seite gar nicht mehr weiß, welche Religion sie eigent­lich hat?
Es gibt im Westen arro­gante unge­bil­dete Menschen, die glauben, der Islam müsse erst mal die Aufklärung durch­ma­chen, die auch das Christentum durch­ge­macht habe.
Diese Menschen verste­hen nichts. Sie wissen nichts von Spiritualität. Sie wissen nichts von den Sufis, nichts von den Naqsbandhias, nichts von Rumi und den „tanzen­den Derwischen“, die in ihrem wild krei­sen­den Tanz Gott ehren, der größer ist als alles, was Menschen so zustande bringen.
Heutzutage kann man in der Türkei die tanzen­den Derwische als Touristenattraktion besich­ti­gen, da ist aller­dings auch nicht mehr viel von den ursprüng­li­chen Wurzeln dieses Gebetstanzes zu erken­nen.
Wie kann ein Dialog gelin­gen zwischen einem weit­ge­hend athe­is­ti­schen Westen und einem reli­giö­sen Osten nach dem 11. September?
Wie soll sich ein reli­giö­ser Afghane verstän­di­gen mit einem Amerikaner oder Deutschen oder Engländer oder Franzosen, der im Grunde nur am Erdöl zur Sicherung seiner Energieversorgung inter­es­siert ist oder an dem, was er die eigene „Sicherheit“ nennt?
Was soll man reden mit jeman­dem, der unter „Fortschritt“ ledig­lich das Wachstum seiner eigenen Volkswirtschaft versteht und die „Sicherheit“ seines eigenen poli­ti­schen Systems?
Es wird schwer werden mit dem Gespräch. Es ist eine große Aufgabe. Aber der 11. September hat eben auch dies gezeigt: wir werden reden müssen! Wir werden uns verstän­di­gen müssen über die Ziele, zu denen wir unter­wegs sind. Wir werden uns verstän­di­gen müssen über die „basics“, von denen aus das Leben zu begrei­fen ist.
Und eins scheint mir sicher: Der Westen wird zu seiner eigenen Spiritualität zurück­keh­ren müssen, billi­ger ist der Dialog nicht zu haben.

So habe ich es damals gesehen und aufge­schrie­ben. Und ich sehe die Dinge heute ebenso.
Damals, nach dem 11. September, stand die Frage: „Was macht der Westen falsch, dass wir den reli­giö­sen Fundamentalisten mit ihrem Hass auf die west­li­che Welt so viel Raum geben? Was ist der Grund für diesen Hass?“ Es ist die Frage nach unseren eigenen Wurzeln.
Damals wurden die „Grünhelme“ gegrün­det als ein Antwortversuch, der zu mehr Dialog führen soll. Christen und Muslime, Menschen „guten Willens“ sollen in ganz konkre­ten Projekten des zivilen Wiederaufbaus gemein­sam arbei­ten und so mitein­an­der ins Gespräch kommen. Es geht um Schulen und Krankenhäuser. Um Schulen vor allem. Etwa 30 Schulen haben wir mit den „Grünhelmen“ mitt­ler­weile gebaut. Auf einer steht die erste Solaranlage über­haupt, die in Afghanistan instal­liert wurde. Die Berliner Firma SOLON hat uns dabei gehol­fen.
Allerdings nehme ich auch wahr, dass die Staaten des Westens vor allem mit Militär (die Ausgaben für den Militäreinsatz sind um ein Vielfaches höher als die Mittel für den zivilen Wiederaufbau!) versu­chen „das Problem“ Afghanistan zu lösen.
Auf diesem Wege der Priorität des Militärischen aber rutschen wir immer tiefer in den Krieg hinein, in dem wir längst stecken. Der Beschluss des Deutschen Bundestages vom 3. Juli 2009, nun auch AWACS Aufklärungsflugzeuge zu schi­cken, beschleu­nigt das nur. Mit Hilfe der AWACS kann man nun noch genauer zielen …
Egon Bahr hatte das schon im März 2007 klar gesehen. Wir haben nicht auf ihn gehört, wie die dpa-Meldung vom 22. Juli 2009 deut­lich macht:

Berlin (dpa) — Die Bundeswehr ist derzeit mit mehre­ren hundert Soldaten und erst­mals mit Panzern an einer der bisher größten Militäroffensiven gegen Taliban in Nord-Afghanistan betei­ligt. Das Verteidigungsministerium in Berlin bestä­tigte die Operation und den Einsatz von Mörsern und «Marder»-Panzern, nannte aber keine Details.

Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) kam am Vormittag in Berlin zu einer in der vorigen Woche ange­setz­ten Pressekonferenz.

Bereits am Montag hatte das Ministerium mitge­teilt, dass es im Raum Kundus bei einer Operation der afgha­ni­schen Sicherheitskräfte mit deut­scher Unterstützung «mehr­fach zu Feuergefechten mit gegne­ri­schen Gruppen» gekom­men sei. Dabei habe es auch soge­nannte Luftnahunterstützung gegeben. Dieser in der Militärsprache genannte «close air support» bedeu­tet, dass die Luftwaffe den Bodentruppen zu Hilfe kommt. Diesmal soll erst­mals aus der Luft scharf geschos­sen worden sein. Die Offensive werde noch Tage dauern, hieß es.

Die «Rheinische Post» (Mittwoch) berich­tete, rund 300 Soldaten aus der Schnellen Eingreiftruppe QRF (Quick Reaction Force) gingen «mit dem vollen QRF-Spektrum» vor. Derzeit stellt Deutschland die QRF.

Den Hauptanteil der Einsatzkräfte leistet nach Angaben aus Berlin Afghanistan mit 1000 Soldaten und Polizisten. Ziel sei, aus Pakistan gesteu­erte und finan­zierte radikal-isla­mi­sche Taliban aus der Region zu vertrei­ben und ihre Führung zu zerstö­ren.

Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» hatte bereits am Montag berich­tet, dass die Bundeswehr im Zuge dieser groß­an­ge­leg­ten Offensive erst­mals ihre 1979 einge­führ­ten Schützenpanzer «Marder» in einem Gefecht einsetze. Dabei würden auch die Bordwaffen genutzt. Die «Marder» seien wegen der zuneh­men­den Kämpfe mit Aufständischen vor rund zwei Wochen von Masar-i-Scharif nach Kundus verlegt worden.

Für die ameri­ka­ni­schen Truppen in Afghanistan war der Juli bereits jetzt der bisher tödlichste Monat. Seit Beginn dieses Monats seien 31 Soldaten getötet worden, berich­tete die «Washington Post» am Mittwoch. Damit liege die Opferzahl über der bishe­rige Höchstzahl im Juni 2008, als insge­samt 28 US-Soldaten starben. Auch die anderen auslän­di­schen Truppen mussten im Juli schwere Verluste hinneh­men.

Am 3. Juli hatte der Bundestag den Einsatz von AWACS Aufklärungsflugzeugen beschlos­sen:

Berlin (ddp). Kurz nach dem Bundestags-Beschluss über eine Beteiligung deut­scher Soldaten am Einsatz von NATO-AWACS-Maschinen in Afghanistan sind die Vorbereitungen ange­lau­fen. Die ersten Soldaten seien bereits bei den im türki­schen Konya (Anmerkung Ulrich Kasparick: Mich berührt es sehr, dass die Flugzeuge ausge­rech­net in Konya, dem Sterbeort von Dshellaludin Rumi, Richtung Afghanistan starten. Sie fliegen sozu­sa­gen den Weg in umge­kehr­ter Richtung, den er damals als Flüchtling gekom­men war. Sie fliegen von Konya Richtung Balkh und Kundus.) statio­nier­ten AWACS-Maschinen, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums am Freitag in Berlin. Der Bundestag hatte am Donnerstagabend mit großer Mehrheit grünes Licht für die AWACS-Mission gegeben.

Die NATO-Maschinen sollen den zivilen und mili­tä­ri­schen Flugverkehr in Afghanistan koor­di­nie­ren sowie Aufgaben zur Unterstützung von Luftoperationen der inter­na­tio­na­len Schutztruppe ISAF über­neh­men. Die Zustimmung des Bundestages war notwen­dig, da die Bundeswehr etwa 40 Prozent der multi­na­tio­na­len AWACS-Besatzungen stellt und bewaff­nete Auslandseinsätze unter Parlamentsvorbehalt stehen.

Das AWACS-Mandat, das die Entsendung von bis zu 300 Soldaten vorsieht, ist zunächst bis zum 13. Dezember befris­tet. Mit der zum Jahresende anste­hen­den Neufassung des ISAF-Mandats soll der AWACS-Einsatz dort aufge­nom­men werden. Die Kosten der halb­jäh­ri­gen Mission werden auf 4,2 Millionen Euro geschätzt.

Wie konnte uns das passie­ren? Wie konnten wir so tief hinein geraten in eine mili­tä­ri­sche Auseinandersetzung, die auf Dauer den guten Ruf, den die Deutschen in Afghanistan haben, schwer beschä­di­gen wird? Wie konnten wir so das Vertrauen der länd­li­chen Bevölkerung verspie­len?

Statt Panzer oder AWACS-Flugzeuge in das schöne Land Afghanistan zu schi­cken, will ich hier Rumi zu Wort kommen lassen, am Ende dieser kurzen Begegnung zwischen dem Westen und dem Osten, zwischen Materialismus und Spiritualität, zwischen Äußerlichkeit und Innerlichkeit. In der freien Nachdichtung von Friedrich Rückert (16. Mai 1788 in Schweinfurt geboren; 31. Januar 1866 in Coburg gestor­ben), der Rumi über­setzt hat:

Schall, o Trommel! Hall, o Flöte – Allah hu!
Wall im Tanze, Morgenröte – Allah hu!
Lichtseel‘ im Planetenwirbel, Sonne, vom
Herrn im Mittelpunkt erhöhte – Allah hu!
Herzen! Welten! Eure Tänze stock­ten, wenn
Lieb‘ im Zentrum nicht geböte: Allah hu!

Seele, willst, ein Stern, dich schwin­gen, um dich selbst,
Wirf von dir des Lebens Nöte – Allah hu!
Wer die Kraft des Reigens kennet, lebt in Gott,
Denn er weiß, wie Liebe töte. – Allah hu!

(Zitiert nach: Annemarie Schimmel. Rumi. Ich bin Wind und Du bist Feuer. Leben und Werk eines großen Mystikers. Diederichs Gelbe Reihe; Heinrich Hugendubel Verlag 2003; S. 210.)

Dieses „Herzen! Welten! Eure Tänze stock­ten, wenn Lieb‘ im Zentrum nicht geböte: Allah hu!“ klingt in unserer Tradition so:

Selbst wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete
Und hätte die Liebe (zu Gott) nicht,
so wäre ich nur ein tönen­des Erz
oder eine klin­gende Schelle.

(Paulus, 1. Brief an die Gemeinde der Christen im grie­chi­schen Korinth aus dem Jahr 54 oder 55 nach Christus, Kapitel 13, Vers 1.)

Das wäre viel­leicht ein Anfang der Begegnung der Kulturen.
Hier könnte der Gesprächsfaden aufge­nom­men werden.
So könnte es gehen: die gemein­sa­men Erfahrungen und Einsichten der Religionen mitein­an­der ins Gespräch zu bringen.
Panzer und AWACS werden das nicht können …

Als ich mit Rupert Neudeck in Balkh in der alten Moschee war, habe ich in mein Reisetagebuch notiert:

Wir stehen vor der Moschee. Ziehen die Schuhe aus. Betreten den halb­dunk­len Raum. Einige Männer knien im Gebet. Wir setzen uns hinter der Schwelle im Eingangsbereich der uralten Muhammad Parsa Moschee in Balkh zu den beiden Alten, die hier Frühstück machen und hören, was sie uns zu berich­ten wissen.
Der eine Alte sitzt seit 15 Jahren hier. Er lebt in der Moschee. Von früh vier Uhr vom ersten Gebet bis abends neun Uhr zum letzten Gebet des Tages. Dann kommt die Nachtwache. Hodshar Boswhar Delee heißt der alte Mann, so jeden­falls verstehe ich seinen Namen. Rupert hat sein Tonband heraus­ge­nom­men, freut sich mit mir über diese Begegnung der ganz beson­de­ren Art.
Der Alte erzählt, das Gebäude sei über 1000 Jahre alt.
„Die Menschen in der Region glauben, dass hier das Fundament der Welt zu finden ist“, über­setzt uns Tadsh.
„Ich habe nicht genug Kenntnis, um Ihnen all die Daten und Zeiten zu erklä­ren“ sagt der Alte.
„Aber hierher kommen viele Leute, die haben Fragen zum Gebet. Da kann ich ihnen antwor­ten.“

Man kann solche Rede für „rück­schritt­lich“ halten. Man kann darüber den Kopf schüt­teln –und zeigt doch dabei nur die eigene Hilflosigkeit.
Man kann die Meinung vertre­ten, das Land brauche „Aufklärung“ und Entwicklungshilfe, brauche freie demo­kra­ti­sche Wahlen nach west­li­chem Vorbild. Das mag alles sein.
Vielleicht jedoch verbirgt sich hinter diesem kopf­schüt­teln­den Reflex des „christ­li­chen“ Abendländers, der von seinen Abgeordneten mögli­cher­weise als Soldat im Kampfanzug in dieses Gebiet geschickt wird, um die eigene Sicherheit zu vertei­di­gen, nur die Abwehr des eigenen Schattens?
Vielleicht verbirgt sich hinter einem solchen schein­bar „aufge­klär­ten“ Reflex nur die Sehnsucht der eigenen Erkenntnis des Großen Zusammenhangs?
Vielleicht könnten wir genau das von den Afghanen wieder lernen — nach dem Großen Zusammenhang zu fragen und nicht nur nach der eigenen Sicherheit?
Dann aber werden wir zunächst zuhören müssen und nicht mit Soldatenstiefeln die einzige Tür des sonst nach außen, zum Ort hin, durch eine Mauer vor fremden Blicken geschütz­ten Bauernhofes eintre­ten auf der Suche nach „Terroristen“, so, wie es ameri­ka­ni­sche Soldaten vor laufen­den Kameras tun ohne Rücksicht auf kultu­relle und spiri­tu­elle Traditionen des Landes, in dem sie gerade zu Gast sind … Mein Gott, ich stelle mir immer vor, so etwas würde in unseren Dörfern passie­ren: dass da Soldaten aus einem fremden Land den Bauern so die Hoftore eintre­ten, hoch­be­waff­net – auf der Suche nach „Terroristen“! Wie würde die Bevölkerung unserer Dörfer auf so etwas reagie­ren?

So macht man sich Feinde, nicht Freunde!

Vielleicht werden wir uns bei einer wirk­li­chen Begegnung mit der afgha­ni­schen und musli­mi­schen Kultur auch einge­ste­hen müssen, dass wir den Zugang zu den eigenen spiri­tu­el­len Wurzeln verlo­ren haben.
Vielleicht werden wir einge­ste­hen müssen, dass wir spiri­tu­ell Heimatlose gewor­den sind.
Vielleicht müsste der Bogen zerbre­chen, den wir gespannt haben, um auf „die Taliban“ zu zielen.
Das könnte ein Anfang sein.

Wenn wir das sehen können, dann sollten wir die Soldatenstiefel zügig an der Schwelle der Moschee auszie­hen, wie es sich gehört, und den beiden Alten da zuhören, was sie von den Fundamenten der Welt zu sagen wissen.
Stille täte gut.
Das könnte ein Anfang sein.

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

3 Gedanken zu „„Rumi und die deutschen Panzer” — Ein Gastbeitrag von Ulrich Kasparick“

  1. Sehr geehr­ter Herr Soeder,
    ich verstehe Sie sehr gut wenn ich dies „Ich bin durch Rumi, den Muslim, zu den eigenen christ­li­chen Wurzeln zurück­ge­führt worden, habe Meister Eckhart entdeckt…„von Ihnen lese. Ich bin in Mannheim geboren und aufge­wach­sen. Meine Eltern stammen aus Konya. Auch ich wurde durch einen Christen zu meinen musli­mi­schen Wurzeln zurück­ge­führt und habe Rumi entdeckt. Wenn man diese Erkenntnisse weiter­spin­nen wollte würden man wohl zu dem Schein kommen ‚dass eine bestimmte Religion sei es das Christentum,Islam,Judentum oder Hinduismus keine Rolle spielt für ein erfüll­tes Leben. Nur der Glaube würde zählen ist aber leider ein wunsch­den­ken. Wir Menschen brau­chen das Ritual des Gebetes und da die verschie­dene Religionen verschie­dene Gebetsritualle habe, hat es seine Berechtigung das Gebet so auszu­füh­ren wie die Eltern dies ausüben oder ausüb­ten. Alle Religionen haben damit Ihre Berechtigung.
    Die Frage stellt sich mir so dar. Versteht die Europaische Union selber den Zweck einer mili­tä­ri­sche Einsatz in Afganistan?
    Die Europäische Union setzt sich aus Ländern zusam­men die alle­samt das Christentum als Staatsreligion angeben. Wie christ­lich sind diese Länder der EU wirk­lich?
    Mahatma Gandhi sagte „Ich bin davon über­zeugt, dass Europa von heute nicht den Geist Gottes oder des Christentums verwirk­licht, sondern den Geist Satans. Und der Satan hat den größten Erfolg, wo er mit dem Namen Gottes auf den Lippen auftritt. Europa ist heute nur noch dem Namen nach christ­lich. In Wirklichkeit betet es den Mammon an.>Leichter kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in das Reich Gottes.<Das sind Worte Christi.Seine Anhänger messen ihren mora­li­schen Fortschritt an ihrem mate­ri­el­len Besitz„aus dem Young India,8.9.1920.
    Obwohl die Menschen in Afganistan nach dem Krieg mit der Sowjetunion ausge­beu­tet waren herrschte eine soziale Ordnung. Nur diese Ordnung wärte nicht lange da es dank USA Waffen in über­fluss gab und sich junge Menschen sich dran machten sich zusam­men zu schlie­ßen und in Afganistan die Macht für sich zu bean­spru­chen.
    Statt bei den älteren Gelehrten in Afganistan nach­zu­fra­gen welche Hilfe die EU beitra­gen kann um die gewalt­tä­ti­gen jungen Menschen auf den rechten Pfad zubrin­gen schi­cken diese Soldaten hin. Als ob man Feuer mit Öl löschen wollte.
    Es kommt mir so vor als wolle das Kind EU mit dem Kind Afganistan Krieg spielen und die älteren hier wie drüben weinen um das in strömen vergos­sene Blut von unschul­di­gen.

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