Andrea Nahles, die ich als kluge Strategin und Analystin sehr schätze, schreibt in ihrem Buch „Frau, gläubig, links – Was mir wichtig ist” u.a. über den Kontrollwahn von Teilen der Gesellschaft und der Politik, alles das, was vermeintlich ungesund ist, zu verbieten.
Das ist das richtige Statement zur richtigen Zeit. In Bayern setzen die Nichtraucher gerade unter Mitwirkung der BayernSPD dazu an, Raucher zu Parias zu machen; wenn dieser unheilvolle Trend nicht gestoppt und teilweise umgekehrt wird, dann bewegen wir uns in eine genuss– und spaßfeindliche Gesellschaft, dann verändert sich unser Staat zu einem Nanny-Staat, der allmächtig und allein entscheidet, was gut und richtig und gesund ist und was nicht.
Zur Hatz auf Raucher wird heute aufgerufen, gegen Dicke wird mitunter ebenfalls schon agitiert. Bier-, Wein– oder gar Schnapstrinker müssen sich bereits entschuldigen, und Fleischesser werden von der Grünen Partei mehr oder weniger offen angegriffen. Grundlegender Tenor all dieser Anfeindungen: „wir” wissen, was gut und richtig ist.
Ich für meinen Teil genieße mein Leben. Dazu gehört für mich eine Pfeife bei Gelegenheit, gerne auch eine Wasserpfeife, dazu gehört ein saftiges Steak, dazu gehört ein guter Whisky — alles furchtbar ungesunde Dinge, und alle sind sie furchtbar lecker. Ich nehme in Kauf, dass ich damit meinen Körper „beschädige”. Nach dem Willen der Nannys soll mir diese Entscheidung abgenommen werden.
Eine Gesellschaft aber, die ihren Mitgliedern nicht die Entscheidung zugesteht, selbst zu entscheiden, was sie mit ihrem Körper und ihrem Leben anfangen, ist keine freie, sondern eine unfreie Gesellschaft.
Denn es ist richtig: Demokratie und Freiheit fallen nicht vom Himmel, sondern müssen tagtäglich neu erkämpft werden. Das mag pathetisch klingen, ist aber dennoch wahr.
9 Kommentare
Oder wie Edgar Friendly in Demolition Man sagte:
Es wäre ausgesprochen wünschenswert — und die erste mir bekannte gute Tat von Andrea Nahles — wenn damit in der SPD endlich eine Debatte erzeugt werden würde, an deren Ende eine Abkehr von der Verbots– und Bevormundungspolitik der letzten Jahre stehen muss.
Würde der SPD das gelingen, stünde ihr das sicher gut zu Gesicht. Besonders zuversichtlich bin ich da allerdings im Augenblick noch nicht.
Volle Zustimmung ! Ausnahmsweise mal ;)
Das unterschreib ich sofort.
Die Diskussion bei den Rauchern dreht sich meines Erachtens nicht darum, dass die Raucher ihren Körper beschädigen, sondern darum, dass sie das auch mit anderen Körpern tun.
Dass es zu einer Schädigung anderer kommt, scheint unumstritten zu sein. Fraglich ist bloss, wie stark dieser Effekt ist, wie einfach man ihm ausweichen kann und was man als Unbeteiligter alles als allgemeines Lebensrisiko erdulden muss.
Da scheint mir das Verbot von Glühlampen (das gleiche Ziel hätte man auch mit der Wiedereinführung einer modifizierten Leuchtmittelsteuer erzielen können) viel mehr „Nanny” als ein Rauchverbot in öffentlichen geschlossenen Räumen.
Nene, „Nichtraucherschutzgesetz” ist bloß der Codename. Ginge es um das Wohl anderer, wären z.B. reine Raucherkneipen ja gar kein Problem. Hier gehts um Bevormundung, alles andere sind vorgeschobene Argumente.
Es geht auch um die Rechte der Arbeitnehmer auf einen rauchfreien Arbeitsplatz. An und für sich also ein klassisches SPD-Anliegen.
Damit hängen auch Fragen zusammen, ob z.B. Arbeitslosen ein solcher Job zugemutet werden kann, oder was passiert, wenn ein Festangestellter in einem Raucherlokal diese Arbeitsbedingen plötzlich als nicht mehr erträglich empfindet.
Ein Raucherlokal ohne Angestellte hat dieselben Auflagen. Es geht nicht um den Schutz von Arbeitnehmern, wirklich nicht.
Womit sich dann die Frage stellt, ob die Zwangs-„Solidarität” der Sozialversicherten für selbstverschuldeten Folgen von Alkohol/Tabak/Drogen/ungesundem Essen/Sportunfällen/… aufzukommen hat.
Und etwas weiter gedacht: Wer zahlt für die Folgen dieser persönlichen Wahlfreiheiten? Muss die Allgemeinheit der Steuerzahler wirklich jedem Interessierten gestatten, auf ihre Kosten seine Hobbies zu studieren, obwohl manche Abschlüsse auf dem Arbeitsmarkt kaum nachgefragt werden? Oder wie oft haben sie z.B. schon einen Assyrologen beschäftigt? Was wäre, wenn das plötzlich 4000 pro Jahr studieren wollten?
Zu Andrea Nahles plötzlicher Entdeckung des und Kritik am Nanny-Staat: Die Botschaft hör ich wohl — allein mir fehlt der Glaube…
Wäre die SPD zum Beispiel den Anmassungen gewisser Politiker entgegengetreten, die mir vorschreiben wollen, ob ich etwa meinen Dachboden mit einer konventionellen Birne oder einer teuren, langsamen Energiesparlampe erhelle (geschätze Brenndauer pro Jahr: max. 2 Stunden, davon selten länger als 5 Min. am Stück) — die Partei hätte dann kein Glaubwürdigleitsproblem, und wohl auch mehr als 23%.
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Wider den Nanny-Staat: http://wp.me/pti5k-Au
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Guter Artikel. Sehe das mit dem Nichtraucherschutz aber anders: RT @christiansoeder: Wider den Nanny-Staat: http://wp.me/pti5k-Au
[…] wurden, dann ist es wirklich höchste Eisenbahn. Ich kann mich Christian Soeder nur anschließen, der schreibt, es sei „das richtige Statement zur richtigen Zeit“ und „[e]ine Gesellschaft […]