Falsche Zielgruppenkommunikation

Es wird wieder gestreikt an deut­schen Hochschulen und einige der Ziele sind dabei durch­aus ehren­wert und einige der ange­spro­che­nen Probleme sind evident. Innerhalb der Proteste finden sich aber auch radi­ka­len Protestler die eine notwen­dige Kritik an den Problemen im Bildungssystem mit lautem Geschrei nach dem Niedergang des Systems torpe­die­ren – und verhin­dern damit konstruk­tive Lösungen.

Wir sehen immer öfter eine Vermischung von vernünf­ti­ger Kritik mit dem Propagieren von Schwachsinnigkeiten im Kampf gegen den ach so bösen Kapitalismus. Aber nur eine Minderheit inner­halb der Studentenschaft schreit nach der Abschaffung des Systems – dafür aber ziem­lich laut. Die Proteste vermit­teln aber den Eindruck, dass die Jugend radikal und anti­ka­pi­ta­lis­tisch ist.

Belegt ist hinge­gen, dass sich die Mehrheit der Jugend mit dem System arran­giert hat. Die 15. Shell-Studie hat diese Jugend die „Pragmatische Generation“ getauft. 83 Prozent dieser Generation geben als Ziel „Karriere zu machen“ an. Von 2002 bis 2006 stieg die Zahl der Jugendlichen die sich um einen Arbeitsplatz sorgen von 55 auf 69 Prozent. Ganze 72 Prozent beob­ach­ten die Wirtschaftslage mit Unbehagen – und sie meinen dabei nicht das System.

Auswirkungen muss das auch auf Politik und ihre Zielgruppenkommunikation haben. Wenn die Jusos im Wahlkampf etliche Materialien vertei­len in denen Anspielungen auf Lieder der Arbeiterbewegung gemacht werden, dann taugt das höchs­tens als Running-Gag für die eigenen Gliederungen.

Auch mit sozia­lis­ti­schen Thesen [PDF] kann man keine breiten Wählermassen mobi­li­sie­ren, sondern man verschreckt Jugendliche. Der Bundesvorstand der Jusos unter Führung von Franziska Drohsel führt mit seinen Thesen zum Sozialismus im 21. Jahrhundert eine Diskussion die an der Mehrheit der Jugendlichen vorbei geht. So greift man nicht die Sorgen, Ängste und Hoffnungen der Jugend auf.

Das verdeut­licht neben­bei gesagt auch das Wahlergebnis. In der Altersklasse von 25 bis 34 Jahren hat die FDP ganze 18 Prozent geholt. Sie ist damit sogar noch vor der SPD, den Grünen und der Linkspartei. Die angeb­li­che anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Jugend scheint ihren Frieden mit dem „Klassenfeind“ gemacht zu haben. Klassenkampfrhetorik ist viel­leicht wunder­bar, wenn man sich selbst in einer intel­lek­tu­el­len Wolke darstel­len will: Praktische Problemlösungskompetenz zeigt man damit noch nicht.

Ach ja, es ist im Übrigen auch  nicht immer eine Frage des Geldes: Natürlich kann man jedes Semester nach einer Erhöhung des BAföG schreien und auch die Frage der Gebührenfreiheit ist eine Wichtige. Eventuell sinn­vol­ler wäre es, sich im ersten Schritt darüber zu unter­hal­ten, wie man die Beantragung der finan­zi­el­len Unterstützung verein­facht. Derzeit ist das ein büro­kra­ti­sches Monster bei dem man für das Ausfüllen der Formulare bereits das Studium abge­schlos­sen haben sollte.

So gehört als Konsequenz aus den Wahlen auch das Überdenken der Kommunikation mit den Jugendlichen. Wenn man will, dass die Jusos die Inhalte der Sozialdemokratie in die Jugend hinein­tra­gen, dann müssen diese Jusos auch die Sprache der Jugendlichen spre­chen und deren Probleme verste­hen.

Es hat ja auch einen ironi­schen Takt, wenn Parteijugend, die an der Spitze zu nahezu hundert Prozent aus Akademikern besteht – grund­sätz­lich nicht nur ein Problem bei den Jusos –, sozia­lis­ti­sche Slogans prokla­miert und Lieder der Arbeiterbewegung singt.

Es geht keines­wegs um die Verleumdung der eigenen Geschichte. Das tradi­tio­nelle Arbeiterliedersingen am Ende von Parteitagen ist völlig akzep­ta­bel; auch der Hinweis auf die eigene Geschichte ist gut. Und natür­lich können inter­es­sierte Kreise inner­halb der Jusos sich jeden Sonntag zum Marx lesen treffen. Sie dürfen dann nur nicht verges­sen in den Tagen bis zum nächs­ten Treffen die Rhetorik nicht zu über­neh­men.

Autor: Nadim Ayyad

Nadim Ayyad studiert in Köln, lebt und engagiert sich in Solingen. Er arbeitet sich gerne am politischen Gegner ab, nimmt aber auch innerparteilich kein Blatt vor den Mund.

10 Gedanken zu „Falsche Zielgruppenkommunikation“

  1. Klingt nicht schlecht; aber was heißt das konkret?

    Den Juso-Wahlkampf fand ich indes­sen ausge­zeich­net; in welchem Materialien wurde denn „Anspielungen auf Lieder der Arbeiterbewegung” gemacht? Es ging um Gute Arbeit, Atomkraft, Gleichstellung.

    Prinzipiell ist natür­lich richtig: die Leute da abholen, wo sie sind. Ja. Und ich glaube auch, dass wir viel mehr auf Azubis zugehen müssen.

    Aber: wie?

  2. Hallo Nadim…hier wieder mal das sozia­lis­ti­sche Gewissen…wenn du mich schon Sozialismus- Jan nennst.…

    Ich sehe das Problem der einigen extrem radi­ka­len Positionen nicht…das sind nur Einzelmeinungen, die immer wieder hoch­ge­puscht werden…

    Nur eine Frage: Teilst du nicht die Forderung nach gebüh­ren­freier Bildung, Entzerrung des Bachelor Studiums, mehr Geld für die Hochschulen und vor allem allge­mein bessere Studienbedingungen?

    Ich kennbe Leute, die 50 Stunden in der Uni sind..nur für die Vorlesungen.…

    erklär mir doch bitte mal, wie man neben­her arbei­ten soll, geschweige denn viel­leicht auch mal eine Vorlesung besu­chen soll, die einen persön­lich inter­es­siert, aber nicht zu deinem Lehrplan gehört?

    man sollte nicht zu oft auf die Ju hören ;-) (und wenn ich lese…wenn man mehr studiert dann klappt das auch mit dem bache­lor (Daniel Flemm) dann wird mir schlecht!)

    die mehr­heit der Streikenden fordert keine Abkehr des Systems soziale Marktwirtschaft, sie werden bloß von den Leuten instru­men­ta­li­siert, die natür­lich die „linke” Keule heraus­ho­len wollen.

    Ach und btw. der demo­kra­ti­sche Sozialismus liefert viele Antworten auf Unterdrückung und andere Unsicherheiten, die junge Menschen ausge­setzt sind. /nicht, dass ich die Thesen beson­ders gut finden würde ;-))

    und als letztes finde ich es erschre­ckend, dass 83% der Jugendlichen angeben Karriere machen zu wollen…vielleicht gibt es noch nen bißchen was anderes im Leben…aber viel­leicht bin ich da zu idea­lis­tisch…;-)

  3. Ich sehe das auch in einigen Punkten völlig anders als du, Nadim.

    Linksradikale haben sich schon immer bei poten­ti­ell linken Protesten aufge­schwun­gen. Das ist keine Neuheit in diesem Bildungsstreik und auch sind deren Forderungen nicht wirk­lich präsent. In Köln jeden­falls bekomme ich von anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Forderungen zwar mit — aber nur am Rande.

    Die Forderungen „Bachelor/Master abschaf­fen”, „Wirtschaft raus aus der Uni” etc. sind zwar radikal (und in dieser primi­ti­ven Form auch nicht ziel­füh­rend), aber sie werden durch­aus von der gesam­ten Protestierendenschaft getra­gen. Das sind nicht die Forderungen einiger Linksradikaler.

    Die Shell-Studie ist inter­es­sant, aber deine Schlußfolgerung, dass sich ein latent neoli­be­ra­ler Geist in der heuti­gen Jugend fest­setzt teile ich nur bedingt. Ich sehe eher eine etark entpo­li­ti­sierte Jugend, die sich weder als von Grund auf links noch als von Grund auf „rechts” sieht. Umfragen haben jedoch ergeben, dass die Jugendlichen die Gruppe sind, die sich im poli­ti­schen Spektrum am ehesten links veror­ten. Auch habe ich kürz­lich im Facebook auf eine Studie hinge­wie­sen, die eine starke Unzufriedenheit mit dem derzei­ti­gen Wirtschaftssystem anzeigt.

    Die favo­ri­sierte Wahl der FDP ist sicher ein sehr schlech­tes Zeichen — aber es ist meiner Meinung nach eher weniger darauf zurück­zu­füh­ren, dass die Jugend genug vom Wohlfahrts- und Besteuerungswahnsinn oder gar von sozia­lis­ti­schen Liedern hätte. Sondern eher damit, dass die FDP zur Zeit als „hipp und cool” gilt — ein durch­aus hinrei­chen­des Argument für eine weit­ge­hend entpo­li­ti­sierte Jugend. Die SPD dagegen ist, was das Image angeht, grade bei der Jugend am abso­lu­ten Tiefpunkt ange­langt. Das merke ich jeden Tag bei meinen drei Geschwistern.

    Meine Schwester sagt: „SPD — nie im Leben.” und stimmt mir gleich­zei­tig in nahezu allen poli­ti­schen Themenbereichen zu. Mein klei­ne­rer Bruder weiß nicht viel über die Parteien, aber er weiß, dass „Linke und Grüne gut sind”, „die Rechten böse” und die SPD „so ein komi­sches Ding ist, dass dich verführt hat”. Und das trotz meiner tagtäg­li­chen Propaganda ;).

    Summa summa­rum: Die Wahlentscheidung ist mitnich­ten vordring­lich auf Werteorientierungen zurück­zu­füh­ren. Das ist jeden­falls meine These.
    Dass nur eine Minderheit der Studenten protes­tiert ist nicht darauf zurück­zu­füh­ren, dass sie mit dem System zufrie­den wären. Es ist darauf zurück­zu­füh­ren, dass sie nicht poli­ti­siert sind und unter starkem Leistungs- und Konformitätsdruck stehen.
    Das merke ich jeden Tag an mir selber. Mir fällt es sehr schwer, mich an den Protesten zu betei­li­gen, weil mir das Fernbleiben von Pflichtveranstaltungen bereits Gewissensbisse berei­tet — so sehr ist das Ideal der „freien Bildung” bereits bei mir verlo­ren gegan­gen.

    Ich finde es auch nicht beson­ders toll, dass irgend­wel­che Mitt-40er aus ihren K-Gruppen bei den Protestzügen mitlau­fen und ihre anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Slogans ausru­fen — aber das ist eine winzige Minderheit und es ist weder zu verhin­dern noch der Studentenschaft anzu­las­ten. Es ist eine nega­tive Begleiterscheinung, mehr nicht. In deinem Artikel hier vermischt sicher meiner Meinung nach dein — in Teilen durch­aus berech­tig­ter aber letz­lich völlig über­trie­be­ner — Ärger über links­ra­di­kale Krawallmacher mit einer Verunsicherung über die Bewertung der Wahlentscheidung und Werteorientierung der Jugendlichen.

    Im übrigen schließe ich mich Christian an: Der Jugendwahlkampf der Jusos war äußerst modern und hatte kaum etwas mit sozia­lis­ti­schen Parolen oder Arbeitertraditionen zutun. Er war äußerst anspre­chend, während die FDP so gut wie gark­ei­nen Jugendwahlkampf geführt hat. Wahlentscheidungen sind oft auf diffuse Sympathie-Gefühle und Gruppendynamik zurück­zu­füh­ren — traurig, aber wahr.

  4. Da hast du voll­kom­men recht. Wenn auf dem Unigelände Aufrufe zur Hörsaalbesetzung hängen, die mit anar­chis­ti­schen Symbolen bemalt sind, wird das die meisten StudentInnen abschre­cken. Selbst die meisten BesetzerInnen sehen das ähnlich, in Düsseldorf haben sich alle ausdrück­lich darauf geei­nigt, sich rein auf konkrete bildungs­po­li­ti­sche Forderungen zu einigen. Der Klassenkampf kann gerne in Diskussinen deba­tiert werden, aber gefor­dert werden soll nichts in diese Richtung. Entsprechend sehen auch die „offi­zi­el­len” Aufrufe und Plakate der Streikenden aus. Nur leider kann dies den subjek­ti­ven Eindruck nicht verhin­dern, der längst gefes­tigt wurde.

    Grundsätzlich sehe ich darin aber nicht das Hauptproblem, dass der Streik und die Besetzungen nur von einigen wenigen durch­ge­zo­gen werden. Denn wenn die Masse der Studierenden wirk­lich Interesse am Protest hätte, würde sie sich darüber hinweg­set­zen und hätte wenigs­tens am vergan­gen­den Dienstag gestreikt. In diesem Zusammenhang zitiere ich aus der heuti­gen SZ: „[…] es heißt, die Kommilitonen hätten recht mit ihrem Streik, man selber habe aber schlicht keine Zeit, zu viele Prüfungen, zu viel Stoff, und ‚Nachmittags muss ich jobben’”. Das bringt es auf den Punkt, das über­frach­tete System verhin­dert so den Protest.

  5. Ich habe weder geschrie­ben, dass sich ein „ein latent neoli­be­ra­ler Geist in der heuti­gen Jugend” fest­ge­setzt hat noch, dass es eine Mehrheit inner­halb der protes­tie­ren­den Studentenschaft ist, die das System abschaf­fen will. Es handelt sich natür­lich um eine Minderheit, die jene Forderung nach einem Systemwechsel prokla­miert. Nur ist diese vergleichs­weise laut; genau darauf habe ich hinge­wie­sen.

    Gerade deshalb, darf man als Jugendorganisation nicht diese Leute anspre­chen, sondern muss die Sprache jener Mehrheit spre­chen, die kritisch das System beglei­tet, in der Mehrheit nicht protes­tiert, aber die Probleme täglich spürt. Und die Mehrheit erreicht man eben nicht mit Klassenkampfrhetorik.

    Innerhalb der Proteste finden sich aber auch radi­ka­len Protestler die eine notwen­dige Kritik an den Problemen im Bildungssystem mit lautem Geschrei nach dem Niedergang des Systems torpe­die­ren – und verhin­dern damit konstruk­tive Lösungen.

    Das habe ich geschrie­ben. Ich denke, das ist eindeu­tig. Im Übrigen sehe ich die Zustimmung für die FDP auch nicht als Abkehrwunsch vom „Wohlfahrts- und Besteuerungswahnsinn”.

  6. „Es handelt sich natür­lich um eine Minderheit, die jene Forderung nach einem Systemwechsel prokla­miert.”

    Ich würde es noch schär­fer formu­lie­ren: Es handelt sich um eine verschwin­den geringe Minderheit.
    Jedenfalls inso­fern man mit „Systemwechsel” einen Wechsel hin zum „Sozialismus” (was auch immer man darun­ter verste­hen mag) meint.

    Der Ruf nach solchen Dingen wird nur von links­ra­di­ka­len Splittergruppen getra­gen, und das eben, wie ich geschrie­ben habe, nur sehr schwach. In Köln jeden­falls bemerke ich kaum Präsenz dieser Forderungen. Vor einem halben Jahr waren immer­hin noch MLPD-Fahnen in der Demo zu sehen — die fehlen diesmal auch.

    Und dass die Jusos heute die Sprache derer spre­chen, die, in deinen Worten, „kritisch das System beglei­ten”, davon bin ich über­zeugt, wie ich ja schon darge­legt habe. Ich sehe bei den Jusos, wenn man mal von den diver­sen Kongressen und inter­nen Debatten, die ja die Öffentlichkeit kaum errei­chen, absieht, keine sozia­lis­ti­sche Rhetorik.
    Jedenfalls habe ich so die Werbematerialien zur Europa- und Kommunalwahl in Erinnerung. Die waren doch sehr modern und anspre­chend, zugleich sehr moderat, gestal­tet, oder?

  7. Die neuen Bachelorstudiengänge sind derma­ßen verschult das den Studenten keine Zeit mehr bleibt um zu arbei­ten damit das Studium finan­ziert werden kann, keine Zeit mehr bleibt ein Auslandsemester zu machen, geschweige denn sich ehren­amt­lich zu enga­gie­ren.
    Können nur die Kinder von Reichen in der vorge­be­nen Zeit studie­ren ?
    Wer hat sich bloss diesen Schwachsinn ausge­dacht ?

    Mein vollts­tes Verständnis für die strei­ken­den Studenten.

  8. Hallo Nadim,

    inter­es­sant zu lesen. Auch meine Meinung ist natür­lich nicht deine… Der Grund, warum die FDP bei den jungen Wählern soviele Stimmen sammeln konnte, fasst Volker Pispers schön zusam­men (frei zitiert aus seinem Programm vor 2 Jahren): „80% der Deutschen sind mit der Politik der Bundesregierung unzu­frie­den. 75% finden, dass die Kanzlerin tolle Arbeit leistet.” Personen werden also von ihren poli­ti­schen Taten getrennt betrach­tet — und dementspre­chend die Stimme einem Gesicht nicht einer Idee gegeben.

    Das einzige Gegensteuern, das mir plau­si­bel scheint ist von Willy Brandt — Wir müssen mehr Demokratie wagen! Mit den Konsequenzen, den Menschen einfach mal Entscheidungen zuzu­mu­ten.

    Kurzfristig würde das für die Jusos heißen, dass sie anfan­gen, den mündi­gen Bürger und die offene Demokratie zu propa­gie­ren. Wenn hier gut kommu­ni­ziert wird, dass man eben DOCH etwas ändern kann, dass Politik nicht von oben gemacht wird — dann hätten die Jusos etwas gewon­nen.

    Alles Gute!

    -boRp

  9. In Köln wurde das Audimay zwangs­ge­räumt. Bin mal gespannt wann und wie schnell das Problem gelöst wird. Scheinbar hat niemand die voran­ge­gan­ge­nen Bildungsstreiks ernst genom­men bzw. niemand hat mit so hefti­gen Reaktionen der Studentenschaft gerech­net.

    Jetzt die rich­ti­gen Signale setzen !

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