Bildungsgerechtigkeit: Warum ein Streik nötig ist!

17. November 2009
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Heute findet der bundesweite Bildungsstreik statt, was Anlass genug sein sollte einen Blick auf die Bildungsgerechtigkeit zu werfen: Sind die streikenden StudentInnen nur erlebnisorientierte Krawallmacher oder sind die Forderungen richtig und ein weiterer Streik mehr als notwendig?

In den 1960er Jahren konnten nur 8% aller Schulabgänger den höchsten Schulabschluss vorweisen; das Abitur war einer kleinen Elite vorbehalten. Diese Elite bezog sich aber nie nur auf die Intelligenz, das entscheidende Kriterium war die soziale Herkunft. Ein Kind aus einem Akademikerhaushalt hatte gute Chancen selber später auch zu studieren, aber je niedriger der Bildungsabschluss der Eltern war, desto niedriger waren die Chancen, dass das Kind später studieren wird. Dank der Bildungsexpansion, die insbesondere durch die SPD in den 1960er und 1970er Jahren durchgesetzt wurde, konnte die Chancengleichheit erheblich gesteigert werden. Ein Studium zu beginnen war nun nicht mehr eine Seltenheit, insbesondere die Mittelschicht konnte profitieren.

Die Situation heute

Aber die Zahlen sprechen heute noch eine deutliche Sprache: Im Jahr 2000 beträgt der Anteil der Arbeiterkinder an Hochschulen nur 12 % , gegenüber dem Anteil von 73% von Kindern die aus einem Beamtenhaushalt stammen. Ein Hauptgrund für diese Ungleichheit ist im Schulbildungssystem zu finden. Früh werden die Kinder (oft entsprechend ihrer sozialen Herkunft) im dreigliedrigen Schulsystem aufgeteilt, damit auch kein Akademikerkind mit einem „Schmuddelkind” aus der Unterschicht lernen muss. Es werden also bereits früh Bildungshürden aufgebaut, dessen Abbau von heftigem Protest begleitet wird, wie es in Hamburg zur Zeit der Fall ist. Denn für Besserverdienende könnte die Lage nicht besser sein: In der Idealtypischen Familie vieler Konservativer geht der Vater arbeiten und die Mutter kümmert sich zuhause um das Kind. Dass hier die Vorrausetzungen für einen guten Bildungsabschluss hoch sind, dürfte klar sein. Es ist also nicht verwunderlich,wenn sich die CDU und die FDP erfolgreich gegen grundlegende Schul– und Bildungsrefromen wehrt, denn sie würde ihr Klientel nur verschrecken. Doch dieses Familienbild war vor 30 Jahren bereits überholt, trotzdem wurde seitdem wurde das Schulsystem nicht grundlegend reformiert.

Der Schulalltag

Neben dem Bildungs– und Schulsystem an sich, erschweren Kosten den Schulalltag, die sich im Laufe eines Schuljahres zu stolzen Summen aufsummieren. Angefangen beim alljährlichen Büchergeld, über 10 Euro Kostenbeitrag zu den notwendigen Kopien bis hin zur Klassenfahrt kommen einige hundert Euro leicht zusammen. Glücklicherweise gibt es an vielen Schulen Schulvereine, die sich um die Schülerinnen und Schüler kümmern, die diese Kosten nicht aus der Portokasse der Eltern zahlen können. Aber die Hemmschwelle sich dort zu melden ist bei vielen hoch. Der Scham, sich etwas selbstverständliches nicht leisten zu können, überwiegt. Dazu kommt die soziale Ausgrenzung, insbesondere von hedonistisch geprägten Jugendlichen, die sich durch ihre Kleidung oder ihren neusten MP3 Player definieren. Die Folge: Viele Jugendliche aus einem weniger wohlhabenden Haushalt sind weniger glücklich und leiden unter Minderwertigkeitsgefühlen. Deshalb sollte Bildung grundsätzlich kostenlos sein.

Das Studium

Doch wenn das Abitur erfolgreich absolviert wurde, wird es erst recht teuer: Die Studiengebühren schlagen im Semester mit 500 Euro zu buche, dazu kommen noch gut 200 Euro Semesterbeitrag (z.B. für das ÖPNV-Ticket). Zusätzlich kommen für viele Studierende die Kosten für eine Wohnung und die Lebenshaltungskosten, was dazu führt, dass es unumgänglich wird sich Arbeit zu suchen, um überhaupt über die Runden zu kommen. Optimale Studienbedingungen sind damit kaum zu erreichen. Wirklich auf das Studium können sich nur diejenige konzentrieren, die von ihren Eltern dieses ein nicht geringes Taschengeld erhalten. Dank der sozialdemokratischen Errungenschaft des BAföGs ist es wenigstens möglich, dass bedürtige StudentInnen eine Unterstützung von Seiten des Staates erhalten, wobei ein Teil des zinslosen Darlehens abhängig von der Dauer des Studium erlassen werden kann. Dank der rot-grünen Bundesregierung wurden seit 1998 viele Kürzungen aus der Kohl-Ära rückgängig gemacht, sodass gut ein Viertel aller StudentInnen BAföG erhalten.

Abgesehen von der Finanzierung des Studiums, krankt die Hochschulbildung an weiteren Stellen:  Die Bachelor-Master Reform ist an vielen Stellen gescheitert, selbst der Wissenschaftsrat verlangt eine Nachbesserung durch die Länder: Eine Moblität zwischen den Universitäten ist noch immer nur eingeschränkt möglich; was ein Hauptvorteil der Reform werden sollte, ist bisher kaum umgesetzt. Selbst zwischen den Bundesländern funktioniert ein Wechsel nur mit großen Schwierigkeiten, geschweige denn ein Wechsel in das Ausland. Dazu kommt, dass in einigen Studiengängen ein sechs-semestriger Bachelorabschluss nur mit hohem Aufwand schaffbar ist. Das Ergebnis: Frust, Stress und wenig Freizeit. Wenn dann ein Bachelorabschluss in der Tasche ist, folgt aber die nächste Hürde: Das Masterstudium. Bei einem schlechteren Abschluss ist erstmal Warten angesagt, denn bei der Vergabe der Masterplätze dienen wie zum Studienbeginn Noten als Kriterium um einen Masterplatz zu sichern.

Bildungsstreik!

Die Liste ließe sich noch um einige Punkte fortführen, aber eines sollte klar sein: Es gibt gute Gründe gegen dieses Schul– und Bildungssystem zu protestieren. Von einer Bildungsgerechtigkeit kann auch heute noch nicht die Rede sein. Vielen fähigen und intelligenten Kindern wird der Weg zu einem Studium verbaut, obwohl bereits heute ein Mangel an Akademikern herrscht. Insbesondere die Ingenieurstudiengänge können garnicht zu viele erfolgreiche Studienabgänger haben. Deshalb ist es auch aus wirtschaftlicher Sicht fatal, wenn sich die Gerechtigkeitslücke weiter vergrößert.

Der Bildungsstreik sollte also genutzt werden! Denn jeder Protest bewirkt etwas.


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11 Responses to Bildungsgerechtigkeit: Warum ein Streik nötig ist!

  1. F.Alfonzo on 17. November 2009 at 02:18

    Hmm, wie wär’s denn mit einem Transfers für alle Studenten, sagen wir, 2.000 Euro pro Monat? Bleibt auch nicht viel übrig nach den Studiengebühren und den durch Kapitalisten künstlich hochgetriebenen Lebenshaltungskosten, ich weiss.

    Ansonsten: Ein ziemlich entwürdigender Beitrag für Leute wie mich, die das B.A. Studium aufgrund finanzieller Probleme vielleicht nicht in 6 Semestern Regelstudienzeit, aber dennoch geschafft haben, ohne elterliche Unterstützung, ohne Bafög, ohne Stipendium.

    Ihr werdet lachen: Das geht. Gut, es ginge noch besser ohne die gesetzlich-sozialistische Wohltatsgesetzgebebung, die es einem Studenten nicht erlaubt, ohne negativen Grenzertrag mehr als 20 Stunden pro Monat zu arbeiten, oder die sehr intelligente Krankenversicherungspflicht für Studenten… naja, im Zweifel halt schwarz.

    Umsonst studiert hab ich trotzdem nicht, weil ich in meinem Leben wohl das 5.000fache an Steuern bezahlen werde im Vergleich zu den staatlich erhaltenen Leistungen. Wie sich das genau verhält, weiss kein Mensch, weil einfach nur Geld hin– und hergeschoben wird, ohne dass irgendein Mensch nachvollziehen kann, wofür welche Gebühren/Steuern eigentlich verwendet werden.

    Fazit für die SPDler: Macht euch bitte keinen Kopf über das Wohlergehen der armen, bedürftigen Studenten, weil die unter euren Wohltaten mehr zu leiden haben, als die Subventionen hergeben. War zumindest bei mir so.

    P.S.: Studentenproteste: Vielleicht ist mir ja aus eigener Erfahrung die Geldbörse wichtiger als die Ideologie anderer, aber: Wenn man durch Proteste Unis lahmlegt, verzögert das das Studium, was zu Ungunsten jener ausfällt, denen der Spaß nicht 10 Jahre lang durch die Eltern finanziert wird.

    Grüße,
    Alfonzo

  2. F.Alfonzo on 17. November 2009 at 02:29

    Nachtrag: Witzig auch, wie man Statistiken, die eindeutig zeigen, dass immer mehr Arbeiterkinder studieren können so präsentiert, dass der Eindruck entsteht, es gäbe in Deutschland immer noch eine Klassengesellschaft.

    Was ist das Ziel der SPD? Dass alle Arbeiterkinder studieren? Wer führt dann die traditionellen Handwerksbetriebe weiter, die die SPD ja auch so gerne mag?
    Und was ist, wenn sich ein Bäckerssohn dazu entscheiden sollte, Investmentbanker zu werden?

    …Fragen über Fragen.

    • Kai on 17. November 2009 at 16:19

      @Alfonzo „Was ist das Ziel der SPD? Dass alle Arbeiterkinder studieren? Wer führt dann die traditionellen Handwerksbetriebe weiter, die die SPD ja auch so gerne mag?”

      Ah, dieses latent Abwertende „und wer fegt noch den Park?” liebe ich ja. Und die Implikation, dass man Menschen aus der Uni heraushalten müsse, damit diese dann den Handwerksbetrieb führen, ist auch ganz großes Kino. Dabei ist die Frage im übrigen ganz simpel zu beantworten: Jeder, der studieren möchte und dazu fähig ist, soll nicht an materiellen Hürden scheitern. Das ist schlicht ein Menschenrecht.

  3. califax on 17. November 2009 at 03:35

    Was den Bildungsstreik betrifft: Der bringt exakt gar nichts. Der Gipfel der Effektivität dieser Proteste wird regelmäßig erreicht, wenn vor den Bürofenstern männlicher 60jähriger Landtagsabgeordneter junge traumhaft schöne Studentinnen den Busen blankziehen und damit drohen, sie würden das solange machen, bis sich die Politik ändert…

    Übrigens sind auch SPD-Landesregierungen ganz fix dabei, wenn es angeht, die Hochschulfinanzierung ein Stückchen vom Landeshaushalt weg in Richtung Gebühren zu verlagern. So eine Kampaigne kann also auch wieder ein propagandistisches Eigentor werden.
    Was das Soziale betrifft: Ausgerechnet die CSU hat da den Königsweg gefunden. Man bekommt einen spottbilligen Kredit von der Landesbank über die Gebühren. Der Freistaat bürgt. Die spätere Tilgungsrate ist einkommensabhängig. Kein Schufaeintrag.
    Gute Idee. Allerdings hat man an die Verwendung der Mittel so strenge Bedingungen gestellt, daß viele Lehrstühle ein echtes Problem haben, das Geld überhaupt auszugeben.

    Kostenlose Berufsausbildung gibt es übrigens ebensowenig wie kostenlose BMWs. Irgendjemand zahlt es immer. Bildung, echte Bildung ist dagegen spottbillig und braucht keine Universitäten. Nur Bibliotheken und Neugier.

    BA und MA: Ja, das ist beschissen umgesetzt. Aber die Schuldigen sitzen i.d.R. in den Universitäten und nicht selten auch in der Studentenvertretung. Von der Gesetzgebung her kann man nur die unsinnige 3-Jahresfrist für den BA aufheben. Der Rest muß an den Unis erlernt werden.

    Übrigens sollte man sich auch in der SPD endlich mal vom Gedanken verabschieden, ein Studium setze ein Abi voraus. Zumindest in Bayern ist ein wachsender Anteil der Studenten ohne Abi und kommt von Haupt– und Realschule mit Nachqualifikation.

    Und was das dreigliedrige Schulsystem betrifft: Die Eltern protestieren nicht wegen der Schmuddelkinder sondern aus Angst, daß das Leistungsprinzip außer Kraft gesetzt wird. Was diverse SPDler ja immer wieder fordern und in Berlin mit der SED als Abilotterie jetzt auch umsetzen.
    Eltern mit einem gewissen Bildungsgrad fordern halt, daß ihre Zöglinge in der Schule was lernen und gefordert werden.
    Wenn ich an meine Begegnungen mit NRW-Abiturlern oder an einen lange zurückliegenden aber unvergeßlichen Gymnasiumsbesuch in Wolfsburg denke, verstehe ich diese Eltern sehr gut.

  4. Kalle on 17. November 2009 at 20:19

    F. Alfonzo” ist für mich die neue Definiton des Zynismus’.

    • califax on 18. November 2009 at 00:37

      So schlimm ist der Alfonzo gar nicht. Die so oft plakatierte Parole lautet nunmal „Bildung für alle”, wobei der Bildungsbegriff auf schnelle einfache Scheine für den Berufsabschluß eingeengt bzw. umgebogen wird.
      Und da stellt sich schon die Frage, wer in dem Weltbild, das diesen Forderungen zugrunde liegt, eigentlich noch Dächer deckt und Kanäle buddelt. ;)

      • Christian Soeder on 18. November 2009 at 01:12

        Niemand fordert, dass alle Menschen zum Studium gezwungen werden. Das ist schlicht und ergreifend Polemik Deinerseits, mehr nicht.

        Was gefordert wird, ist: wer studieren will, soll das können. Ohne Einschränkung. Punkt.

        Wenn Du das falsch findest: OK. Kein Problem, wir haben Meinungsfreiheit, das ist ein freier Staat. Aber so zu tun, als verstündest Du nicht, um was es geht, das ist lächerlich.

        Jeder blamiert sich eben so, wie er es am besten kann.

  5. kbojens on 18. November 2009 at 00:45

    @califax: „Und da stellt sich schon die Frage, wer in dem Weltbild, das diesen Forderungen zugrunde liegt, eigentlich noch Dächer deckt und Kanäle buddelt.”

    Was ist das für eine Logik? Wer wird denn _gezwungen_ an der Uni zu studieren?

  6. califax on 18. November 2009 at 04:04

    Niemand fordert, dass alle Menschen zum Studium gezwungen werden. Das ist schlicht und ergreifend Polemik Deinerseits, mehr nicht.

    Was ist das für eine Logik? Wer wird denn _gezwungen_ an der Uni zu studieren?

    Wer polemisiert hier über einen irgendeinen Zwang? ;)
    Die Losung „Bildung für alle” ist Unfug. Nichts anderes hat der Alfonzo angemerkt.
    Ich dachte, man könne Euch vielleicht erklären, warum es so ein Riesenunfug ist.
    Aber wenn Ihr lieber Strohmänner und Hirngespinste verhaut, statt zu lesen, worauf Ihr antwortet, ist mir das auch recht.

  7. Markus Ritter on 18. November 2009 at 15:40

    Im Jahr 2000 beträgt der Anteil der Arbeiterkinder an Hochschulen nur 12 % , gegenüber dem Anteil von 73% von Kindern die aus einem Beamtenhaushalt stammen.

    Dürfte ich bei diesem Thema um ein wenig Genauigkeit bitten?

    So wie das da steht, sind 73% aller Studenten Beamtenkinder. Das kann ich nicht ganz glauben, wenn ich es in Zahlen umsetze.
    2008 gab es rund 1,7 Millionen Beamte, insgesamt rund 40 Millionen Erwerbstätige und rund 2 Millionen Studenten.
    73% von 2 Millionen sind 1,46 Millionen. Das würde dann bedeuten, dass fast jeder Beamte (vom 25 bis zum 65-jährigen) aktuell ein studierendes Kind hätte. Das erscheint mir ein wenig viel.
    Wenn der Satz bedeuten soll, dass 73% aller Beamtenkinder einen Hochschulabschluß anstreben (oder bereits haben), dann wären die Zahlen zwar stimmiger, aber meines Erachtens viel zu schwammig. Beamter ist der Regierungssekretär im Landratsamt genauso wie die Grundschullehrerin, die Polizeihauptkommissarin, der Sekretär im Justizvollzugsdienst …
    Was eint alle diese Menschen in Bezug auf ihre Kinder? Worin unterscheiden sie sich von den 3,5 Millionen Angestellten im öffentlichen Dienst und den 30 Millionen „normalen” Arbeitnehmern?

    Ich bin ein Arbeiterkind und habe 1999 meinen Hochschulabschluss gemacht. Damit habe ich meinen Kindern schon mal die Chance eines Bildungsaufstiegs verbaut, in der Statistik laufen sie jetzt unter Kinder von leitenden Angestellten (bzw. Beamten, weil meine Frau Beamtin ist). Ist das jetzt schlecht?

    Es gibt Eltern, die sich um ihre Kinder und deren Bildung kümmern und es gibt solche, die das nicht tun. Kinder, die in letzteren Familien leben, haben es völlig unabhängig vom Bildungsstand der Eltern schwer, einen hohen Bildungsabschluss zu erreichen.
    Aber wie will man das lösen, ohne die Kinder (und Eltern), die sich um ihre Kinder kümmern wollen, komplett zu entmündigen?

  8. […] Artikel erscheint auch auf rotstehtunsgut.de Autor: Sebastian Broch Bildquelle: gruenenrw/ flickr.com […]

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