Kurz verlinkt: Fast schon Selbsthypnose

In einem Gastbeitrag in der Frankfurter Rundschau liefern die Politikwissenschaftler Daniel Gardemin und Heiko Geiling einen lesens­wer­ten Überblick über die deut­sche Parteienlandschaft und insbe­son­dere die Rolle der SPD.

Die kultu­relle Avantgarde, quali­fi­zierte Facharbeiter, städ­ti­sche Dienstleister, Sozial- und Bildungsberufsgruppen, einfa­che Angestellte, tempo­rär Arbeitslose, unter­ta­rif­lich Beschäftigte, moderne Familien, Alleinerziehende, Langzeitarbeitslose und Sozialhilfeempfänger, auf Sozialstaatlichkeit ange­wie­se­nen Rentner und Frührentner, Auszubildende, Studierende, Migranten: Alle fühlen sich zu großen Teilen von der SPD nicht mehr reprä­sen­tiert, können poli­ti­sche Inhalte der SPD nicht mehr auf sich bezie­hen, verste­hen die Funktionärssprache nicht, sind aufge­schreckt von sozia­len Einschnitten, ahnen hand­werk­li­ches Stückwerk und Lobbyeinfluss in Gesetzesvorlagen, vermis­sen das sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Ethos als poli­ti­sche Leitlinie, durch­schauen soge­nannte von Sachzwängen gelei­tete Entscheidungen, miss­trauen den Karrieren der Schröders und Clements, sehen die gleich­blei­bend unge­rechte Behandlung von Frauen, Kindern, Migranten, Minderheiten und Außenseitern, spüren am Arbeitsplatz und im Gesundheitswesen die Zweiklassengesellschaft und erin­nern sich an verbale Ausfälle von Schröder bis Sarrazin.

Die Analyse verbleibt erfreu­li­cher­weise nicht bei einer reine Beschreibung der Lage, sondern zeigt auch Lösungen auf: Die verbin­dende Klammer für sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Wählerschichten war und ist die soziale Integration, das Gefühl für gesell­schaft­li­che Solidarität. Die SPD kann auch heute erfolg­rei­che Wahlkämpfe unter diesem Motto bestrei­ten, das zeigten beispiels­weise Andrea Ypsilanti in Hessen und Kurt Beck in Rheinland-Pfalz. Unter der zuneh­mend als tech­no­kra­tisch von oben herab diktiert empfun­de­nen Basta-Politik eines Schröders und seiner engsten Mitstreiter verschwand dieses Leitbild, so sagen die Verfasser, zuguns­ten eines „Macher”-Images, das sich an mathe­ma­ti­scher und markt­be­grün­de­ter Logik orien­tierte und sich von seiner Symbolik her in weiten Teilen nicht mehr vom Politikentwurf der „Bürgerlichen” entschied.

Dadurch wurde die SPD — und dieser Erfolg Schröders ist unbe­streit­bar — zwar für viele CDU- und FDP-nahe Wähler auch inter­es­sant, aber der Verlust hin zur Linken/PDS und zu den Grünen, voral­lem aber zu den Abstinenten, wog deut­lich stärker und spätes­tens zur Bundestagswahl 2009 sind auch die „Schröder-Wähler”, enttäuscht von der fakti­schen Abkehr der SPD von ihrer Reformpolitik, wieder entwi­chen.

Diskussionen — auch über Grundsatzfragen und -orien­tie­run­gen — sind das, was die SPD jetzt braucht. Und auch der Rat und die Einmischung von „draußen” sind dabei hilf­reich. Die SPD tut gut daran, sich zur Diskussion nicht ins stille Kämmerlein zurück­zu­zie­hen, sondern die Menschen außer­halb der Partei dazu aufzu­for­dern, sich an der Debatte zu betei­li­gen!

Autor: Kalle Kappner

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4 Gedanken zu „Kurz verlinkt: Fast schon Selbsthypnose“

  1. „Die SPD tut gut daran, sich zur Diskussion nicht ins stille Kämmerlein zurück­zu­zie­hen, sondern die Menschen außer­halb der Partei dazu aufzu­for­dern, sich an der Debatte zu betei­li­gen!”

    Sehr richtig!

    Dem viel zu pauscha­len Schröder-Bashing schließe ich mich aber nicht an. ;)

  2. Komisch, ich dachte, ich hätte es in diesem kurzen Text endlich mal geschafft, mein Schröder-Bashing etwas zurück­zu­fah­ren. Ich habe ja sogar seinen Erfolg in der Integration von neuen Wählern gewür­digt.

    Oder meinst du den verlink­ten Text, der mit SChröder ja auch hart ins Gericht geht?

    Schröder war ein genia­ler Machtpolitiker, aber für eine Partei wie die SPD braucht man eben auch ein rotes Herz…

    1. Die Gleichsetzung von Schröder und Sarrazin im zitier­ten Text halte ich für ein Unding. Wann hätte sich Schröder jemals rassis­tisch geäu­ßert?

      Und ich behaupte, Schröder hat ein rotes Herz.

  3. Ich habe die Gleichsetzung so verstan­den, dass beide Politiker Äußerungen von sich gegeben haben, die man von einem Sozialdemokraten nicht direkt erwar­tet hätte und inso­fern passt das schon.

    Und stimmt, vermut­lich ist Schröders Herz wirk­lich rot, denn alle Menschenherzen sind rot, oder :D? Dann war meine Metapher wohl schlecht gewählt ;).

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