Viel wird momentan zum Mauerfall geschrieben. Für „Rot steht uns gut” berichtet Berthold Richter, Fan von Ralf Stegner und Lok Leipzig, von seinem persönlichen Mauerfall:
Leipzig, am 08. November 1989. Am Anfang war es nur eine fixe Idee. Ich frage bei der Volkspolizei nach einem Reisepass für Österreich nach. Am 15. November tritt die DDR-Fußballauswahl zum letzten WM-Qualifikationsspiel in Wien gegen Österreich an – und dieses Spiel würde ich gern sehen. Natürlich war mir klar, dass mein Vorhaben, legal in den Westen zu reisen, keinerlei Chance hatte. Zwar hatten schon hunderttausende DDR-Bürger das Land verlassen, nach Ungarn hatte auch die CSSR ihre Grenzen für DDR-Flüchtlinge geöffnet, doch wann man als Normalbürger frei reisen konnte, war an diesem Tag überhaupt nicht absehbar. Ein Reisegesetz war zwar in Planung, aber wegen zahlreicher Einwände wieder verworfen worden.
So saß ich nun einem VP-Offizier gegenüber und schilderte mein Anliegen. Die Antwort war eigentlich klar. Mich interessierte in diesem Moment mehr die Begründung, warum man das Land zwar quasi offiziell für immer verlassen konnte, es aber nicht möglich war, für einige Tage auszureisen, um dann wieder in die DDR zurückzukehren.
Was dann passierte, werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Der Beamte griff in einen Stapel Formulare, schob sie mit den Worten „Hier sind die Anträge. Bis wann brauchen Sie den Pass? Wie Sie diese Reise finanzieren, ist aber Ihr Problem.“ über den Tisch.
Zunächst war ich sprachlos, murmelte dann etwas von „Den Pass so schnell wie möglich“ und verließ mit den Formularen das Zimmer. Ich konnte es auch Minuten später nicht fassen, quasi eben die Genehmigung zur Ausreise aus der DDR erhalten zu haben, machte mich daran, die Unterlagen auszufüllen und stand wenige Minuten später wieder im Dienstzimmer der Volkspolizei-Meldebehörde.
„Übermorgen früh können sie ihren Reisepass abholen. Danach können sie zur österreichischen Botschaft, denn sie brauchen von Österreich noch ein Einreisevisum“, so der Beamte. Und schob hinterher: „Wenn so viele DDR-Bürger unser Land verlassen, können wir den Rest auch offiziell fahren lassen.“
Noch einen Monat eher sah alles ganz anders aus. Damals plante ich, legal nach Ungarn zu reisen, dort die offene Grenze nach Österreich zu überqueren um nach dem Spiel aber via Ungarn wieder in die DDR zu fahren. Auch für Ungarn brauchte man ein Visum, welches ich am 04. Oktober 1989 beantragen wollte. Das war die Zeit, als Gorbatschow gegenüber der senilen DDR-Führung den Satz „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ prägte. An diesem Tag galt das aber uneingeschränkt auch für mich, denn die DDR hatte auf die anhaltende Massenflucht mit einer kompletten Schließung ihrer Staatsgrenzen reagiert. Niemand durfte mehr das Land verlassen. Die Möglichkeiten für uns, ins Ausland zu fahren, waren eh nicht üppig. Ohne Visum ging es eigentlich nur in die CSSR, für Ungarn, Rumänien, Bulgarien und die UdSSR brauchte man ein Visum, nach Polen konnte man in den 80ern nur fahren, wenn man dort Verwandte hatte. Nun ging gar nichts mehr.
Auf der VP-Dienststelle spielten sich dramatische Szenen ab. Aufgebrachte Bürger, die Urlaubsreisen in der CSSR oder Ungarn antreten wollten und nun keine Erlaubnis mehr bekamen, in den teuer bezahlten Urlaub zu fahren, beschimpften die Volkspolizisten in wüstem Ton. Ein älterer Herr knallte dem Vopo sein SED-Parteibuch vor die Füße. Es brodelte an allen Ecken und Enden.
Fortan überschlugen sich in der DDR die Ereignisse. Die Massenflucht, die Montagsdemos, der Sturz Honeckers und schließlich mein persönlicher Mauerfall am 08.11. und ein Tag später, als die Mauer dann für alle fiel. Am 11. November gegen 4 Uhr früh überquerte ich das erste Mal die Grenze zu Westberlin und vier Tage später war ich tatsächlich in Wien. Dass die DDR gegen Österreich 0:3 verlor und damit die Chance verspielte, nach 1974 zum zweiten Mal an einer WM-Endrunde teilzunehmen, sei noch am Rande erwähnt.

Hallo,
sicherlich war der Mauerfall für viele ein schönes und gutes Ereignis, über dass sich Deutsche in beiden Teilen freuen sollten.
Persönliche Erlebnisse, wie hier geschildert, machen deutlich, wie wichtig der Mauerfall für Ostdeutschland war und wie richtig die Reaktion im Westen und die Solidarität gewesen ist.
Ich glaube aber, dass wir langsam unsere Denkweise ändern müssen. Der „Aufbau Ost” (auch ein unmögliches Wort) ist nicht abgeschlossen, der Westen hinkt aber durch die Solidarbeiträge nun hinterher. Daher bin ich dafür, dass wir uns nicht nur an der niedergerissenen Mauer und der Wiedervereinigung freuen, sondern, dass wir, um Mauern in den Köpfen (hüben wie drüben) abzureissen auch den Aufbau Ost adacta legen und Deutschland im Ganzen sehen.
20 Jahre nach der Wiedervereinigung sollten wir nicht mehr zwischen Ost und West unterscheiden, sondern unser Land als Ganzes sehen!
Nebenbei, am 09. November habe ich noch die Schulbank der 9. Klasse (im Westen) gedrückt und erlebt, wie mein Geschichtslehrer freudig — aber sprachlos, dieses Ereignis versuchte uns näherzubringen. (Ohne jegliche Ostkontakte und Verbindungen nach „drüben” haben wir mit Teilung und sonstigem familiär nicht viel am Hut gehabt)
Daher ist für mich die Reflexion des Ganzen im Nachhinein ohne Emotion möglich, da auch 1989 keine Emotion dabei war, ausser die, dass ich mich für die Menschen in der DDR gefreut habe.
Glück auf
Santiago
Ich habe mich zu der Zeit auch im Westen („Westdeutschland”, wie die Berliner sagen) aufgehalten, allerdings vorher regelmäßig die DDR als Transitland auf dem Weg nach West-Berlin (zum gelegentlichen Aufenthalt in Kreuzberg, Neukölln bzw. Wedding) kennengelernt und am veränderten Verhalten der Grenzer schon eine Ahnung davon ausmachen können, dass sich etwas änderte. An dem Tag selbst (09.11.89) habe ich weder TV geschaut noch Radio gehört, erst später (18.11.89) Punks getroffen, die uns West-Linken angesichts des Todes von Conny Wessmann vorhielten, dass Tote bei ihnen an der Tagesordnung gewesen seien, wir sollten das nicht so ernst nehmen– in dem Tagen nach dem 09.11. viele Einkaufstouristen aus Magdeburg in der Stadt– jede/r mit 100 Mark „bewaffnet”- manche nutzten das „Einkaufsparadies” auch etwas anders, indem sie „Englisch einkauften” ;-) Zur Ost-Verwandtschaft in Rostock gab und gibt es wenig Kontakt, dafür brauchte es keine Mauer usw.
Damals wie heute habe ich die DDR kritisch gesehen, dass muß „man” als Anarchist wohl auch.
Zwischenzeitlich ging mein Bezug zur ehem. DDR so weit, dass ich mein Studium dort abschloss (zuerst keine Studiengebühren) :-)
Die dort geborenen Kommilitionen zeichnen sich meiner Erfahrung nach durch eine höhere soziale Empathie aus, sie können vergleichsweise gut zuhören und diskutieren gerne, es gibt weniger Ellenbogen-Mentalität als an der West-Uni, an der ich vorher war. Die Uni-Verwaltung jedoch war an sozialen Sichtweisen so wenig interessiert, dass ich sie vergleichsweise als asozialer einstufen mußte– vielleicht eine Art Reflex, noch unsozialer zu sein als „die im Westen”.
Als Ergänzung zu diesem „Mauerfall” sei noch der von nachdenkseiten.de erwähnt:
http://www.nachdenkseiten.de/?p=4321
Sehr interessante Schilderung, auch und gerade für einen „Wessi”. Das ist es was Blogs so wertvoll macht, finde ich: Nicht die Aktualität (dafür haben wir Twitter), sondern die Subjektivität und die Vielfalt.