Schwarz-Gelb steht; so weit, so gut. Man kann wirklich nicht behaupten, die FDP hätte sich in den Koalitionsverhandlungen einseifen lassen, insbesondere bei den Steuern und der Innenpolitik sind die Unionsführer ihnen ordentlich entgegen gekommen. Wenn man den Koalitionsvertrag fleddert, findet man auch wenig (mit einigen Ausnahmen), was den Durchschnittssozialdemokraten sofort in Rage bringen würde. Der Kündigungsschutz, die Mitbestimmung, die Tarifautonomie: Das alles bleibt, zumindest vorerst, unangetastet. Eine große Kürzung im sozialen Bereich wird kurzfristig ebenso wenig kommen wie eine große Gesundheitsreform. In den großen Themen handelt Schwarz-Gelb offensichtlich nach dem Motto: „Wenn man nicht mehr weiter weiß, gründet man ’nen Arbeitskreis.“
Eine Sache macht mich aber stutzig: Die vielen Wohltaten …
Konkret:
- Kinderfreibetrag auf 8004 € hoch
- Kindergeld um 20 € hoch
- Bis 2011 eine Steuerentlastung um 24 Milliarden €
- Senkung der Erbschaftssteuer
- Die Abschaffung der Gewerbesteuer soll zumindest angedacht werden (da freuen sich die Kommunen….).
- Höhere Schonvermögen und günstigere Zuverdienstmöglichkeiten für ALG-II-Empfänger
- Erhöhung der Entwicklungshilfe
- umfangreiche Zuschüsse an die Krankenkassen und die Arbeitslosenversicherung
- die berüchtigte Herdprämie in Höhe von 150 € pro Monat (als ob die Ernährerehe nicht schon via Ehegattensplitting genügend subventioniert würde)
- 750 Millionen € in Agrarsubventionen
- 12 Milliarden zusätzlich bis 2013 für Bildung und Forschung
Einiges ist durchaus sinnvoll, anderes weniger. Insgesamt kostet Schwarz-Gelb viele Dutzend Milliarden zusätzlich. Nichts davon, nichts, ist auch nur ansatzweise gegenfinanziert. Westerwelle sprach auf dem Parteitag davon, dass der Staat bei sich selbst sparen würde; das ist lachhaft: Der Staat kann durch Eindämmung von Verschwendung nur einen geringen Betrag sparen.
Ich leugne nicht, dass Sparpotential existiert. Aber es ist bei weitem nicht so groß, wie uns die Medien gerne glauben machen. Selbst durch einen Umzug der restlichen Regierungsbehörden von Bonn nach Berlin könnten vielleicht zweistellige Millionenbeträge pro Jahr eingespart werden. Das ist aber die Krux mit den Millionen, die Medien und Politiker leider nur selten verstehen: Man braucht ganz schön viele von ihnen, um auf eine Milliarde zu kommen.
Was die angekündigte Finanzierung durch künftiges Wirtschaftswachstum angeht; schaut auch mal die Nettokreditaufnahme der USA unter Reagan (1981−1989) und Bush jr. (2001−2009) an, die beide massiv Steuern senkten und vergleicht die mit dem Haushalt unter Clinton (1993−2001), der die Steuern während seiner Amtszeit erhöhte. Die Theorie, dass massive Steuersenkungen die Wirtschaft so stark ankurbeln, dass sich sogar ein positives Saldo ergibt (UPDATE: Ich habe einige sprachliche Unfälle ausgebessert), ist meines Wissens noch nicht anhand eines echten praktischen Bespiels belegt.
Wo kommt die Finanzierung also her? Die wohl richtige Antwort lautet: Neuverschuldung. Wenn ich mir überlege, dass Wirtschaftswissenschaftler Deutschland noch gerühmt hatten, dass Deutschland bei aller Krisenbekämpfung noch das richtige Maß gewahrt hatte und nicht, wie andere Länder, aufhörten, in Milliarden zu rechnen und stattdessen die Billion bemühten, erscheint es mir doch sehr unverantwortlich, jetzt für wirklich vage Aussichten auf eine Besserung alle Grenzen, die zumindest die Vernunft da setzen sollte, nicht nur zu durchbrechen, sondern wirklich zu sprengen. Selbstverständlich hatten wir eine Krise in dieser Größenordnung in der Nachkriegszeit noch nicht. Aber ausgerechnet jetzt, da es so aussieht, als sei das Schlimmste bald überstanden, verwendet unsere neue Bundesregierung sie immer noch als Ausrede, den zukünftigen Generationen unglaubliche Lasten aufzubürden, um sich bei den Wählern einzuschmeicheln und die Wohlfühlregierung zu spielen. Häufig wurde in den rot-grünen Jahren das alte Klischee bemüht, die Sozen könnten net mit Geld umgehn. Auch damals waren die Zeiten wirtschaftlich nicht immer gut, trotzdem wurden nicht ansatzweise so viele Schulden gemacht, wie das jetzt unter Schwarz-Gelb kommen wird, ich möchte nicht sagen „ohne Not“ aber doch viel stärker, als die Not gebieten würde. Die zukünftigen Generationen werden die Folgen der liberalen Fehlkalkulation (weniger Steuern = höhere Staatseinnahmen) zu schultern haben.
Oder gibt es doch konkrete Sparpläne, die sie nur noch nicht offenbaren?
@Author:
Belegt ist nur, dass Steuersenkungen, Beihilfen und Subventionen die Portemonnaies der Begünstigten füllen.
Tendenziell würde ich sagen, dass Steuersenkungen die Wirtschaft „ankurbeln”- nur nicht in dem Land, in dem sie vorgenommen werden. In den anderen Ländern zahlt „man” dan noch weniger Steuern– und wieder werden die Steuern gesenkt … und wieder und wieder …
So ist die Gobalisierung eben ;-)
Konkrete Sparpläne? Frag’ doch mal bei bei Peer oder Franz an, die hatten doch bestimmt einen Plan B, falls es zu Enten-Tiger nicht gereicht hätte…
nordstadt: Wie lange wirst Du brauchen, um zu begreifen, dass die SPD nicht mehr in der Regierung ist? Man darf gespannt sein.
Oh, das war mir schon anhand der bedröppelten Gesichter der SPD-BezirksratskollegInnen klar, dafür hätte es keiner Kenntnis von Hochrechnungen am Wahlabend gebraucht.
Dass die SPD die große Koalition fortgesetzt hätte, steht doch außer Frage– oder?
Und welche Politik hätte die SPD dann weiter geführt– zusammen mit der (angeblichen) Sozialdemokratin Merkel?
Basti, super Artikel. :)
Habe mir erlaubt, ein paar Formatierungen zu ändern. :)
„Antizyklische Fiskalpolitik ist ein wichtiges Instrument der Wirtschaftspolitik und darf nicht einfach verbaut werden. Dies zeigt die aktuelle Wirtschaftskrise ohne Zweifel und im Besonderen.„
http://rotstehtunsgut.de/2009/04/12/schuldenbremse-eine-schlechte-idee/
Nur zur Erinnerung…
Das habe nicht ich geschrieben. Außerdem gibt es einen Unterschied zwischen Konjunkturpaketen, die gezielt eingesetzt werden, um vorübergehende Wirtschaftsschwächen zu bekämpfen, und wahlloser Geschenkpolitik.
also als Sozialdemokrat dreht sich mir schon der Magen um, wenn ich die Zementierung und Verschärfung der Ungleichbehandlung von Besserverdienern durch den Kinderfreibetrag im Vergleich zu Normalverdienern mit Kindergeld angucke. Hier wird Augenwischerei betrieben; echte Familienförderung könnte man direkter und vor allem fairer organisieren. Die Abschaffung von Bildungsbeiträge würde Familien finanziell mehr bringen, als jede Steuersenkung oder jede Kindergelderhöhung. Die Ungleichbehandlung durch Kinderfreibetrag zu Kindergeld ist ein untolerierbarer Zustand.