Pro Thilone

Diese Anspielung konnte ich mir nicht verknei­fen („Pro Milone“ ist eine Verteidigungsrede des altrö­mi­schen Staatsmannes, Redners und Philosphen Cicero für seinen Freund Milo). Wer von mir jetzt ein Stück klas­si­scher, latei­ni­scher Prosa erwar­tet, wird jedoch enttäuscht werden, ich möchte ledig­lich ein paar Gedanken über den gefühlt hunderts­ten Aufreger über Thilo Sarrazin loswer­den.

Mit seinem Interview in der Zeitschrift „Lettre International“ hat Thilo Sarrazin die Gemüter mal wieder erhitzt; eine Menge Druckerschwärze und etliche Pixel sind darüber schon ausge­schüt­tet worden (nament­lich auch hier in diesem Blog). Die Forderungen gehen von Absetzung über Mobbingattacke bis zum Parteiausschluss. Die Staatsanwaltschaft ermit­telt. Von anderen Seiten, mit denen weder ich noch Thilo Sarrazin uns gemein machen, Applaus.

Ich versu­che einmal, den Wust zu entwir­ren, der um das Interview gespon­nen wurde, versu­che, zu iden­ti­fi­zie­ren, wo er – meiner Meinung nach — Recht hat und wo Unrecht.

Sarrazins Stil unter­schei­det sich dahin­ge­hend von dem anderer Politiker, als dass er nicht zuerst auf seine Popularität schielt, bevor er etwas sagt, sondern versucht, seinen Punkt zu machen. Dass er dabei auch in der Vergangenheit öfter mal zu weit gegan­gen ist, steht außer­halb jegli­cher Diskussion.

Schade finde ich nur, dass über den Ton der Inhalt, auf den er ja eigent­lich aufmerk­sam machen wollte, pauschal mitkri­ti­siert wurde, als ob alles, was in einem unan­ge­mes­se­nen Ton gesagt wird, auto­ma­tisch inhalt­lich falsch sein müsste.

Widmen wir uns dem Text:

Der erste Abschnitt handelt haupt­säch­lich von den finan­zi­el­len Problemen Berlins und den Mentalitätsschwierigkeiten, jetzt allein auskom­men zu müssen, da man nicht mehr als Insel der Freiheit hoch­sub­ven­tio­niert wird. In der Tat hat im Kalten Krieg eine Menge Industrie Berlin einfach in Richtung Westen verlas­sen, weil man sich da siche­rer fühlte. Dass Berlin immense Finanzschwierigkeiten hat, ist kaum zu leugnen (auch wenn der rigide Sparkurs der – ausge­rech­net – rot-roten Regierung einiges dazu beige­tra­gen hat, die Situation zu lindern). Die Bemerkungen über 68er sind zumin­dest meiner Meinung nach eher ein Versuch, die Kultur Berlins zu beschrei­ben, die in Deutschland einzig­ar­tig ist.

„Die Stadt hat eine über­di­men­sio­nierte Infrastruktur für 4,5 Millionen Menschen, das sieht man an der Breite der Straßen. Die Stadt hat einen produk­ti­ven Kreislauf von Menschen, die Arbeit haben und gebraucht werden, ob es Verwaltungsbeamte sind oder Ministerialbeamte. Daneben hat sie einen Teil von Menschen, etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung, die nicht ökono­misch gebraucht werden, zwanzig Prozent leben von Hartz IV und Transfereinkommen; bundes­weit sind es nur acht bis zehn Prozent. Dieser Teil muss sich auswach­sen. Eine große Zahl an Arabern und Türken in dieser Stadt, deren Anzahl durch falsche Politik zuge­nom­men hat, hat keine produk­tive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel, und es wird sich vermut­lich auch keine Perspektive entwi­ckeln. Das gilt auch für einen Teil der deut­schen Unterschicht, die einmal in den subven­tio­nier­ten Betrieben Spulen gedreht oder Zigarettenmaschinen bedient hat. Diese Jobs gibt es nicht mehr. Berlin hat wirt­schaft­lich ein Problem mit der Größe der vorhan­de­nen Bevölkerung.“

„ Berlin wird niemals von den Berlinern geret­tet werden können. Wir haben ein schlech­tes Schulsystem, das nicht besser werden wird. Berlin ist belas­tet von zwei Komponenten: der Achtundsechzigertradition und dem Westberliner Schlampfaktor. Es gibt auch das Problem, dass vierzig Prozent aller Geburten in der Unterschicht statt­fin­den. Hier werden Trends verstärkt sicht­bar, die ganz Deutschland belas­ten. So dass das Niveau an den Schulen konti­nu­ier­lich sinkt, anstatt zu steigen. In Berlin gibt es stärker als anderswo das Problem einer am norma­len Wirtschaftskreislauf nicht teil­neh­men­den Unterschicht.“

Das erste Beispiel für einen falschen Ton. Vor allen Dingen die Unterschichtgeburten sind ein rheto­ri­scher Fehlgriff ohne­glei­chen.

Jedoch ist das Problem von Unterschicht-Ghettos in großen Städten durch­aus real und nicht nur bei Ausländern. Schon in der Vergangenheit war Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) heftig kriti­siert worden für sein Bonmot von den  Hartz-IV-Dynastien. Sarrazin schlägt hier in die gleiche Kerbe. Es ist ein sehr weit verbrei­te­tes Phänomen, dass der Arbeitslosenstatus von den Eltern auf die Kinder vererbt wird und die Kinder gar kein anderes Leben kennen. Ist es nicht gerade für einen Sozialdemokraten ein grund­sätz­li­ches Anliegen, dass man das Problem, dass der Status der Kinder durch den der Eltern bestimmt wird, benennt und anpackt? Eben dies ist doch eines unserer Argumente, warum wir das bundes­weit noch eher schwarz-gelb domi­nierte Schulsystem angrei­fen: Weil es soziale Mobilität hemmt. In kaum einem anderen Land des Westens hängen die Lebenschancen so sehr vom Status der Eltern ab wie in Deutschland.

Dass es die Kinder von Arbeitslosen ungleich schwe­rer haben als andere, und nicht nur, weil das System sie benach­tei­ligt, sondern auch, weil sie von daheim leider mitneh­men, dass sie ja doch keine Chance haben, ist doch ein gesamt­ge­sell­schaft­li­ches Problem, dass sich nicht dadurch wegdis­ku­tie­ren lässt, dass man den Überbringer schlech­ter Nachrichten köpft.

Den erwähn­ten Menschen geht es doch nicht besser dadurch, dass man Sarrazin als Rassisten und/oder Sozialdarwinisten beschimpft. Im Gegenteil, dadurch wird in meinen Augen eher noch der Eindruck erweckt, als habe die Gesellschaft sich mit paral­lel laufen­der Gruppenbildung, oder, wenn man ein dras­ti­sche­res Wort verwen­den wollte, sozia­ler Spaltung, abge­fun­den. Es darf nicht gesche­hen, dass der Inhalt in aller Diskussion über die Form verges­sen wird.

„ Man muss aufhö­ren, von „den“ Migranten zu reden. Wir müssen uns einmal die unter­schied­li­chen Migrantengruppen anschauen. Die Vietnamesen: Die Eltern können kaum Deutsch, verkau­fen Zigaretten oder haben einen Kiosk. Die Vietnamesen der zweiten Generation haben dann durch­weg bessere Schulnoten und höhere Abiturientenquoten als die Deutschen. Die Osteuropäer, Ukrainer, Weißrussen, Polen, Russen weisen tenden­zi­ell dasselbe Ergebnis auf. Sie sind inte­gra­ti­ons­wil­lig, passen sich schnell an und haben über­durch­schnitt­li­che akade­mi­sche Erfolge. Die Deutschrussen haben große Probleme in der ersten, teil­weise auch der zweiten Generation, danach läuft es wie am Schnürchen, weil sie noch eine altdeut­sche Arbeitsauffassung haben. Sobald die Sprachhindernisse weg sind, haben sie höhere Abiturienten- und Studentenanteile usw. als andere. bei den Ostasiaten, Chinesen und Indern ist es dasselbe. Bei den Kerngruppen der Jugoslawen sieht man dann schon eher „türki­sche“ Probleme; absolut abfal­lend sind die türki­sche Gruppe und die Araber. Auch in der dritten Generation haben sehr viele keine vernünf­ti­gen Deutschkenntnisse, viele gar keinen Schulabschluss, und nur ein kleiner Teil schafft es bis zum Abitur. Jeder, der inte­griert werden soll, muss aber durch unser System hindurch. Er muss zunächst Deutsch lernen. Die Kinder müssen Abitur machen. Dann findet die Integration von alleine statt. Hinzu kommt das Problem: Je nied­ri­ger die Schicht, um so höher die Geburtenrate. Die Araber und Türken haben einen zwei- bis dreimal höheren Anteil an Geburten, als es ihrem Bevölkerungsanteil entspricht. Große Teile sind weder inte­gra­ti­ons­wil­lig noch inte­gra­ti­ons­fä­hig. Die Lösung dieses Problems kann nur heißen: Kein Zuzug mehr, und wer heira­ten will, sollte dies im Ausland tun. Ständig werden Bräute nach­ge­lie­fert: Das türki­sche Mädchen hier wird mit einem Anatolen verhei­ra­tet, der türki­sche Junge hier bekommt, eine Braut aus einem anato­li­schen Dorf. Bei den Arabern ist es noch schlim­mer. Meine Vorstellung wäre: gene­rell kein Zuzug mehr außer für Hochqualifizierte und perspek­ti­visch keine Transferleistungen mehr für Einwanderer. In den USA müssen Einwanderer arbei­ten, weil sie kein Geld bekom­men, und werden deshalb viel besser inte­griert. Man hat Studien zu arabi­schen Ausländergruppen aus demsel­ben Clan gemacht; ein Teil geht nach Schweden mit unserem Sozialsystem, ein anderer Teil geht nach Chicago. Dieselbe Sippe ist nach zwanzig Jahren in Schweden immer noch frus­triert und arbeits­los, in Chicago hinge­gen inte­griert. Der Druck des Arbeitsmarktes, der Zwang des Broterwerbs sorgen dafür. Das sind Dinge, die man nur durch Bundesrecht ändern kann. Für Berlin ist meine Prognose düster, was diese Themen betrifft. Aber es kann in einer Stadt, in der man präch­tig leben kann, gleich­zei­tig kompakte und wach­sende, unge­löste Probleme geben. Genauso wird es in Berlin werden.“

Starker Tobak. Hier kann ich Sarrazin auch inhalt­lich nicht nach­voll­zie­hen. Das alte Klischee „Gebt ihnen kein Geld und sie arbei­ten schon.“ funk­tio­niert auch in den USA nicht, wo die Arbeitslosigkeit in einem System mit höchs­tens spora­di­schen Sozialleistungen im Augenblick deut­lich über der deut­schen liegt. Dass viele Gruppen von Zuwanderern die  Bildungserfolge errun­gen haben, welche von anderen Gruppen offen­sicht­lich verfehlt wurden, hat mit Sicherheit viele Faktoren, unter denen einer sicher auch der stär­kere Wille der türki­schen und arabi­schen Einwanderer ist, ihre eigene Kultur auch in einem fremden Land zu bewah­ren, was ein schüt­zens­wer­tes Ziel ist. Dass sich viele enorm tradi­ti­ons­be­wusste Clans von der übrigen Gesellschaft abkop­peln, ist kein Phänomen, das auf Berlin oder Deutschland beschränkt wäre. Dagegen helfen auch keine Zwangsmaßnahmen, sondern nur ein offener und ehrli­cher Austausch.

 Die Integration hat Stufen. Die erste Vorstufe ist, dass man Deutsch lernt, die zweite, dass man vernünf­tig durch die Grundschule kommt, die dritte, dass man aufs Gymnasium geht, dort Examen macht und studiert. Wenn man durch ist, dann braucht man gleiche Chancen im öffent­li­chen Dienst. So ist die Reihenfolge. Es ist ein Skandal, dass die Mütter der zweiten, dritten Generation immer noch kein Deutsch können, es allen­falls die Kinder können, und die lernen es nicht wirk­lich. Es ist ein Skandal, wenn türki­sche Jungen nicht auf weib­li­che Lehrer hören, weil ihre Kultur so ist. Integration ist eine Leistung dessen, der sich inte­griert. Jemanden, der nichts tut, muss ich auch nicht aner­ken­nen. Ich muss nieman­den aner­ken­nen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünf­tig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produ­ziert.“

Noch mehr starker Tobak. Hier kann ich aber den Inhalt größ­ten­teils wieder mittra­gen. Bildung ist und war schon immer die sicherste Leiter für den sozia­len Aufstieg, auch für Deutsche mit ärmerer Herkunft. Für Bildung wiederum ist Sprachkenntnis die Grundvoraussetzung. Das wäre auch dann nicht anders, wenn ein Deutscher in der Türkei leben würde oder anderswo.

Integration verstehe ich, anders als Sarrazin, aller­dings nicht als Einbahnstraße (s.o.). Ich verlange auch keine Assimilation. Jedoch gibt es hier soziale Regeln, die einge­hal­ten werden müssen. Auch das wäre in keinem Land der Erde anders. Und zu den wich­tigs­ten sozia­len Regeln zählt eben, dass keine Frau wegen ihrer Weiblichkeit anders behan­delt werden darf als ein Mann. Das gilt meiner Meinung nach für den Schwimmuntericht für Grundschulmädchen ebenso wie für Respekt Lehrerinnen gegen­über.

„Wenn die Türken sich so inte­grie­ren würden, dass sie im Schulsystem einen anderen Gruppen vergleich­ba­ren Erfolg hätten, würde sich das Thema auswach­sen. Der viet­na­me­si­sche Kioskbesitzer wird immer gebro­chen Deutsch spre­chen, weil er erst mit dreißig einge­wan­dert ist und unge­bil­det war. Wenn seine Kinder Abitur machen oder Handwerker werden, hat sich die Sache erle­digt. Türkische Anwälte, türki­sche Ärzte, türki­sche Ingenieure werden auch Deutsch spre­chen, und dann wird sich der Rest rela­ti­vie­ren. So aber geschieht nichts. Die Berliner meinen immer, sie hätten beson­ders große Ausländeranteile; das ist falsch. Die Ausländeranteile von München, Stuttgart, Köln und Hamburg sind viel höher. Aber die Ausländer dort haben einen gerin­ge­ren Anteil an Türken und Arabern und mischen sich über breite Ausländergruppen. Zudem sind die Migranten in den Produktionsprozess inte­griert. Während es bei uns eine breite Unterschicht gibt, die nicht in Arbeitsprozesse inte­griert ist. Doch das Berliner Unterschichtproblem reicht weit darüber hinaus. Darum bin ich pessi­mis­tisch. Wir haben in Berlin vierzig Prozent Unterschichtgeburten, und die füllen die Schulen und die Klassen, darun­ter viele Kinder von Alleinerziehenden. Wir müssen in der Familienpolitik völlig umstel­len: weg von Geldleistungen, vor allem bei der Unterschicht. Ich erin­nere an ein Dossier der Zeit dazu. Es berich­tet von den zwanzig Tonnen Hammelresten der türki­schen Grillfeste, die die Stadtreinigung jeden Montagmorgen aus dem Tiergarten besei­tigt — das ist keine Satire. Der Neuköllner Bürgermeister Buschkowsky erzählt von einer Araberfrau, die ihr sechs­tes Kind bekommt, weil sie durch Hartz IV damit Anspruch auf eine größere Wohnung hat. Von diesen Strukturen müssen wir uns verab­schie­den.“

Auch hier: Im Ton voll daneben, in der Sache ist viel Wahres dran, wenn man sich den Populismus wegdenkt.

Kurt Beck wurde ausge­lacht, als er vom vorsor­gen­den Sozialstaat redete, ebenso wie er ausge­lacht wurde, als er von Verhandlungen mit Taliban sprach. Und doch ist heute eigent­lich common sense, dass es deut­lich güns­ti­ger ist, Menschen vorsorg­lich auf einen Weg zu weisen, der ihnen ein selbst­be­stimm­tes Leben ermög­licht, als sie ihr Leben lang zu alimen­tie­ren. Das gilt ausdrück­lich für Deutsche ebenso wie für Migranten aller Herkunftsländer. Auch hier: eigent­lich eine sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Kernforderung. Was haben wir eigent­lich alle dagegen?

„Ich würde aus Berlin eine Stadt der Elite machen. Das würde voraus­set­zen, dass unsere Massenuniversitäten nicht weiter­hin massen­haft Betriebs- oder Volkswirte, Germanisten, Soziologen ausbil­den, sondern konse­quent Qualität anstre­ben. Die Zahl der Studenten sollte gesenkt werden, und nur noch die Besten sollten aufge­nom­men werden. Dazu müssen wie die Universitäten von Massenbewältigung auf Qualität umtrim­men, das kostet Geld und Kapazität, aber es würde talen­tierte und hoch­mo­ti­vierte Studenten in die Stadt bringen. Das bedeu­tet, Ausgaben umzu­schich­ten. Es gibt über­haupt keinen Grund dafür, dass Berlin die Ausbildungsstätte ganz Deutschlands bleiben muss. Berlin sollte für die Besten attrak­tiv sein, und da viele zu uns kommen wollen, gibt es auch einen Ansatzpunkt. Ich würde auch im Berliner Bildungssystem andere Akzente setzen. Die Schulen müssen von unten nach oben anders gestal­tet werden. Dazu gehört, den Nichtleistungsträgern zu vermit­teln, dass sie ebenso gerne woan­ders nichts leisten sollten. Ich würde einen völlig anderen Ton anschla­gen und sagen: Jeder, der bei uns etwas kann und anstrebt, ist will­kom­men; der Rest sollte woan­ders hinge­hen. Wenn der Bürgermeister in zehn öffent­li­chen Reden über die Zukunft der Stadt philo­so­phiert und in diesem Zusammenhang die akade­mi­schen Leistungen der Vietnamesen, Araber und Türken einmal öffent­lich vergleicht, dann würde etwas gesche­hen. Dann würde klar, dass man eine Stadt der Elite möchte und nicht eine „Hauptstadt der Transferleistungen“. Die Medien sind orien­tiert auf die soziale Problematik, aber türki­sche Wärmestuben können die Stadt nicht voran­trei­ben. An der Mentalität in der Stadt muss sich etwas ändern.“

Zum Schluss noch gesal­zene Kritik von mir an Sarrazin: Ich bin da ganz anderer Auffassung. Natürlich sind große Städte, vor allen Dingen, wenn sie von so viel länd­li­chem Raum umgeben sind, die Ausbildungsstätte ihrer Umgebung. Ebenso, wie sie auch das Kulturzentrum sein müssen und vieles mehr. Deshalb werden sie ja auch so massiv subven­tio­niert.

Natürlich darf Bildung kein Privileg sein, sondern muss zugäng­lich für alle werden. Wahr ist aber natür­lich auch, dass es noch andere Universitätsstädte gibt und dass es ein (vor allem finan­zi­el­les) Problem für Berlin ist, dass viele junge Leute für das Studium nach Berlin gehen und anschlie­ßend wieder verschwin­den. Damit müssen aber viele Universitätsstädte mit hoher Anziehungskraft, aber wenig Wirtschaft, leben. Kein spezi­fisch berli­ne­ri­sches Problem

Das Fazit: Im Ton vergreift sich Sarrazin ein ums andere Mal gewal­tig. Ich heiße das nicht im Entferntesten gut.

Inhaltlich spricht er aber viele Probleme in Deutschland an, wiewohl ich nicht immer mit ihm einer Meinung bin. Es gibt kein Ausländerproblem, es ist ein Schichtenproblem und zufäl­lig haben die Problemschichten einen hohen Ausländeranteil. Nein, natür­lich nicht zufäl­lig. Eine Debatte ist drin­gend notwen­dig, wie wir den Sozialstaat der Zukunft gestal­ten. Er darf nicht mehr als reine Versorgungsbehörde fungie­ren, er muss den Menschen helfen, sich selbst zu helfen. Ich glaube (anders als Sarrazin), es schei­tert oft nicht am Willen, sondern am Glauben, dass die Situation für die Kinder/Enkel einmal besser wird.

Keiner tut den benann­ten Gruppen einen Gefallen, indem man unter einem Schleier poli­ti­scher Korrektheit die Existenz eines Problems leugnet und so tut, als wäre die Situation in Berlin in jeder Hinsicht wunder­bar.

Denkt euch die Provokationen weg, ohne die Sarrazin leider nicht auskommt, und ihr habt eine Analyse eines allge­mei­nen sozio­lo­gi­schen Problems: Wie verhin­dern und bekämp­fen wir das Ausklinken ganzer Bevölkerungsgruppen aus dem gesell­schaft­li­chen Leben?

Aber wisst ihr was? Ich glaube, ohne die Provokationen hätte keiner das Interview gelesen….

6 Gedanken zu „Pro Thilone“

  1. Keiner tut den benann­ten Gruppen einen Gefallen, indem man unter einem Schleier poli­ti­scher Korrektheit die Existenz eines Problems leugnet und so tut, als wäre die Situation in Berlin in jeder Hinsicht wunder­bar.

    Völlig d’accord! Guter Beitrag und wesent­lich wich­ti­ger für die Diskussion als sich ständig um die Frage zu drehen, wie sehr Sarrazin sich im Ton vergrif­fen hat.

    1. @Rayson: Was hast du eigent­lich für ein schie­fes Bild von diesem Blog? Lies doch bitte mal ein paar ältere Beiträge vor so einer Frotzelei, dann würdest du sehen, dass das hier normal ist und bräuch­test dich nicht so künst­lich wundern. Meinst du etwa, dass das die Blogautoren alles Zombies sind, die nicht selb­stän­dig denken können und deswe­gen in der SPD sind?

  2. Es bringt doch nichts, wenn ich mit sagen wir mal 70% meiner Analyse recht habe, aber dank 30% unsäg­li­cher Polemik sich die Herzen und Hirne der Adressaten verschlie­ßen und oben­drein rassis­ti­sche Spinner meinen mir Beifall klat­schen zu müssen. Damit erreicht man genau das Gegenteil dessen, was man wollte und hätte sich seine ganze Rede, Artikel usw. sparen können.

    Ich sag es mal so: „Prominenz verpflich­tet”. Sie verpflich­tet dazu, sich vorm Reden Gedanken zu machen WIE man etwas sagt. Entweder man tut das und ist ange­se­hen oder man tut es nicht und ist unten durch. Für letz­te­res hat sich Sarrazin entschie­den.

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