Kurzschluss zwischen Kleinhirn und Zunge

Ein Gastkommentar zur „Causa Sarrazin” von Daniel Arnold.

Nein, dies ist nicht der zigste Kommentar zur Person Thilo Sarrazin. Dies ist ein Kommentar darüber, warum sein Fahrwasser so verlo­ckend ist und ein Beitrag gegen die von Wissen unbe­schwerte Gedankenwelt derer, die darin kreuzen.

Das wirk­lich Schlimme an Sarrazins Äußerungen zum Thema Einwanderer ist nicht, dass er wieder einmal rumge­pö­belt hat und hinter­her alles nur unglück­lich ausge­drückt haben will, zumal er ja nicht zum ersten Mal mit „miss­ver­ständ­li­chen Äußerungen” glänzte. Das wirk­lich Schlimme daran ist viel­mehr, dass er bruch­los Fakten mit Pauschalisierungen und Polemiken mischt und somit dem Mob Tür und Tor öffnet, statt in irgend­ei­ner Form zur Lösung des unbe­streit­bar vorhan­de­nen Integrationsproblems beizu­tra­gen. Die Mischung von Fakten und Fiktion hat sich schon immer am besten für Volksverhetzung geeig­net. Ganz egal, ob es nun Deutsche, Türken, Afrikaner oder andere Menschen sind.

Kommentare nach diesem Strickmuster, zumal wenn es Äußerungen eines Prominenten sind, bieten eine will­kom­mene Rechtfertigung, sich hinzu­stel­len und zu sagen: „Endlich traut das sich einer mal offen auszu­spre­chen, das mit diesen Ausländern!“ Statt ein vermeint­li­ches Tabuthema offen anzu­spre­chen, will man aber in Wirklichkeit dem eigenen Rassismus und den eigenen aufge­stau­ten Vorurteilen über alles Mögliche (böse Linke, böse Muslime, böse Kuschelpädagogen und was es sonst noch gibt) mal so richtig freien Lauf lassen (um nicht zu sagen: man will sich auskot­zen), statt an einer gemein­sa­men Aufarbeitung und somit auch Lösung inter­es­siert zu sein.

Wenn man Sarrazins Aussagen und die übli­chen Claqueure in seinem Fahrwasser, die da fordern „Es muss eine strik­tere Ausländerpolitik geführt werden!!!”, mal für einen Moment inhalt­lich aufgreift und ausein­an­der­nimmt, bleibt nichts übrig, außer hohle Phrasen wie „Grenzen dicht”, „Abschiebung” und „Die Ausländer sind selber schuld”.

Wer nach einer härte­ren Ausländerpolitik schreit, schreit nach etwas, das es schon lange gibt und scheint somit die Fakten nicht zu kennen. Zunächst einmal hat die Thematik der Asylsuchenden und derer, die schon lange hier leben und arbei­ten, nichts unmit­tel­bar mitein­an­der zu tun, auch wenn das gerne in einen Topf gewor­fen wird und man sich dann wundert, warum die Integration bereits hier lange leben­der Menschen durch verschärf­tes Asylrecht nicht gelöst werden kann. Aber da wird munter argu­men­tiert: „Das Asylrecht ist immer noch nicht hart genug, deswe­gen kommen immer noch zu viele Integrationsunwillige ins Land.” Fakten sind in diesem geis­ti­gen Paralleluniversum noch nicht einmal lästig.

Ich bspw. lebe hier in Bayern und ich kenne Richter, welche über solche Fälle zu entschei­den haben und die Gesetzeslage (aber auch die Interpretation einiger Richter) ist derart streng, dass nur die aller­we­nigs­ten Asylsuchenden einen Aufenthaltstitel bekom­men (unterer einstel­li­ger Prozentbereich). Der Rest muss das Land verlas­sen. Nur wenn man dank seines Berufs „wirt­schaft­lich wert­voll” für das Land ist, kann man leich­ter (aber nicht leicht!) nach Deutschland kommen und auch eher hier bleiben.

Es gibt von dieser sehr strik­ten Handhabung zwei große histo­ri­sche Ausnahmen:

  • die soge­nann­ten Gastarbeiter und
  • Russlanddeutsche.

Und zwei bestehende:

  • Ehepartnernachzug/Familienzusammenführung und
  • EU-Bürger.

Und wer ist nun schuld an der schlech­ten Integration derer, die auf verschie­de­nen Wegen in unser Land kamen und teil­weise schon lange hier leben?

Die Gastarbeiter haben unbe­grenzte Aufenthaltsgenehmigungen und haben auch dank ihrer lang­jäh­ri­gen harten Arbeit hier in Deutschland ein Anrecht darauf und auf Sozialleistungen des Staates. Ihre schlechte Integration ist größ­ten­teils Schuld der Bundesrepublik Deutschland, welche sich bekannt­lich bis zur rot-grünen Bundesregierung Schröder/Fischer weigerte anzu­er­ken­nen, dass wir ein Einwanderungsland sind, obwohl dies seit 1936 (!) der Fall ist. Folglich meinte man bis dahin, diese Gastarbeiter nicht inte­grie­ren zu müssen, weil sie ja nur „Gäste” waren.

Die Russlanddeutschen haben dank „deut­scher Blutsverwandtschaft” vergleichs­weise leicht die deut­sche Staatsbürgerschaft erhal­ten, weit­ge­hend unab­hän­gig von ihren Sprachkenntnissen. An ihrer nicht ausrei­chen­den Integration tragen alle Seiten gleich­viel Schuld: Russlanddeutsche, die nicht verstan­den haben, dass sie es dank der schnell erwor­be­nen Staatsbürgerschaft leich­ter als andere Einwanderer hatten, und die Bundesrepublik, die diese Volksdeutschen nicht inte­grie­ren wollte, weil sie schon immer Deutsche waren…

Ehepartnernachzug wird häufig dazu ausge­nutzt, „die passende Frau” im Ausland zu heira­ten und dann nach Deutschland zu bringen. Von Ausnutzen, statt mora­lisch begrü­ßens­wer­ter Inanspruchnahme, kann man immer dann spre­chen, wenn sich beide Partner vorher kaum kannten. Viele junge männ­li­che Türken werden mit einer weit­läu­fi­gen Verwandten aus der Türkei verhei­ra­tet, welche dann nach Deutschland nach­zieht. Das liegt zum einen an deren Gebräuchen, zum anderen aber auch daran, dass türki­sche Mädchen in Deutschland häufig von den Familien poten­zi­el­ler Bräutigame als zu eman­zi­piert betrach­tet werden. Es gibt aber auch eine erheb­li­che Anzahl Deutscher, die sich eine Braut aus Südostasien, wie die Philippinen oder Thailand, holen. Die Integration dieser Frauen, die eine solche Heirat als mate­ri­el­les Mittel zum sozia­len Aufstieg begrei­fen, ist nicht leicht. Zusammenfassend ist die extrem schlechte Integration nach­ge­zo­ge­ner Ehepartner fast ausschließ­lich Schuld der Familien (ihrer Männer und deren Familie).

EU-Bürger sind meis­tens sehr gut inte­griert, wobei es hier Unterschiede gibt: Franzosen und Spanier bspw. sehr gut, Italiener etwas schlech­ter.

Und was würde nun bspw. ein noch härte­res Asylrecht lösen? Das Einzige, was dies substan­zi­ell „brächte”, wären noch weniger schwarze Einwanderer, welche zumeist vor unmensch­li­chen Zuständen in ihrer Heimat fliehen. Von „Afrikanermassen” werden wir nicht gerade „heim­ge­sucht”, und die Unmenschlichkeit diesen Menschen gegen­über ist unchrist­lich und menschen­ver­ach­tend.

Lange Rede, kurzer Sinn: es gibt (auch juris­tisch!) keine andere Möglichkeit als noch mehr Anstrengungen in die Integration unserer Einwanderer zu stecken, ob uns das passt oder nicht. Historische Fehler kann man nicht durch Unrecht (Abschiebung ganzer Volksgruppen, Entzug der deut­schen Staatsbürgerschaft, etc.) besei­ti­gen. Zu diesen Anstrengungen gehört, Einwanderern Werte wie Gleichberechtigung der Frau zu vermit­teln und somit die soziale Ächtung, sich „passende Bräute” aus dem Ausland zu holen. Juristisch lässt sich dieses Problem nie lösen.

Ich wünschte mir, mehr Leute könnten vor der Äußerung „einfa­cher Lösungen” einfach mal das Hirn einschal­ten und über­le­gen, wie es dazu kam, und verin­ner­li­chen, dass Integration kein seelen­lo­ser einsei­ti­ger Forderungskatalog ist, sondern die Zusammenführung von hier leben­den Menschen auf allen Ebenen.

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

3 Gedanken zu „Kurzschluss zwischen Kleinhirn und Zunge“

  1. Es gibt neben den zwei erwähn­ten Ausnahmen eine große, nicht zu vernach­läs­si­gende Dritte: Die Genfer Flüchtlingskonvention. Sollte man nicht verges­sen.

    Außerdem gibt es eine inter­es­sante Studie zum schlech­ten Abschneiden von spani­schen Migranten in deut­schen Schulen (schlech­ter als Türken). Experten wissen nicht wieso. Adresse habe ich leider gerade nicht parat.

    Gruß
    genova

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