Zahlenspiele, Wahlprognosen

Laut der heutigen Forsa-Umfrage liegen CDU/CSU bei 33 Prozent, die FDP bei 14 Prozent, die SPD bei 25 Prozent, die Grünen bei 10 Prozent und die Linkspartei bei 12 Prozent. Bei den letzten Bundestagswahlen wurden CDU/CSU in Umfragen überbewertet, teilweise mit bis zu 10 Prozentpunkten. Die SPD gilt als Wahlkampfpartei, also als Partei, die im Wahlkampf die entscheidenden Wählerinnen und Wähler mobilisieren kann. Das Potenzial ist da: angeblich sind bis zu 30 Prozent der Wahlberechtigten noch unentschlossen, wen sie, viele sogar, ob sie überhaupt wählen gehen sollen.

Der Nicht-Wahlkampf der Angela Merkel wird sich auswirken, davon bin ich überzeugt. CDU/CSU sehe ich bei 31 Prozent, vielleicht weniger. Der Kanzlerinnenbonus bringt sie vermutlich gerade so über die 30-Prozent-Marke, aber das ist für eine Partei, die einstmals sicherere Werte über 40 Prozent einfuhr, trotzdem eine Katastrophe.

Die „Sonstigen Parteien“ dürften dieses Mal stark nach oben gehen, da eine Große Koalition nicht nur die kleinen „etablierten“ Parteien stärkt, sondern auch die Kleinstparteien. Ich halte es für möglich, dass dieses Mal bis zu 7 Prozent der Stimmen als „Sonstige“ „verfallen“ werden. (Davon ein bedeutender Anteil an die Piratenpartei, die dennoch klar an der 5-Prozent-Hürde scheitern wird.)

Die FDP wird massiv vom CDU/CSU-Versagen profitieren. Ich habe gewettet, dass sie weniger als 12 Prozent einfährt, und dabei bleibe ich auch. Das ist natürlich noch immer verdammt viel für die Partei des Sozialen Kahlschlags, aber 14 Prozent sind dann hoffentlich doch übertrieben. (Wo kommen übrigens die ganzen Zahnärzte und Apotheker her?) Der Höhenflug der FDP ist aber vermutlich nicht von Dauer: erstens kann sie bei den Nichtwählern keine weiteren Wählerschichten auftun, zweitens profitiert sie massiv von der Schwäche der Union. Diese Wählerinnen und Wähler sind schneller wieder weg, als Guido Westerwelle „Endlich Außenminister!“ sagen kann.

Die Linkspartei wird vermutlich stärker als in den Umfragen abschneiden, da es sehr wahrscheinlich ist, dass deren Anhänger sich am Telefon nicht zu ihr bekennen wollen. 11 Prozent sind durchaus im Rahmen des Möglichen. Durchaus nachvollziehbar: die Linkspartei hat solide Oppositionsarbeit gemacht, dazu gehört nun einmal auch strammer Populismus und Eindreschen auf die Regierung.

Bei den Grünen halte ich mehr als 10 Prozent für sehr unwahrscheinlich. Das Spitzenpersonal der Grünen ist, abgesehen von Jürgen Trittin und Renate Künast, völlig farblos und unbekannt. (Cem Özdemir kennen politisch nicht interessierte Menschen nicht, sorry.) Das Programm „1 Millione neue Jobs“ war ambitioniert, hat jedoch mit dem Markenkern der Grünen nicht wirklich viel zu tun, auch wenn das Grüne-Mitglieder naturgemäß völlig anders sehen.

Damit bleiben ungefähr 29 Prozent für die SPD. 30 Prozent halten selbst Berufsoptimisten wie ich für wenig wahrscheinlich, auch wenn man natürlich nichts ausschließen soll. Frank-Walter Steinmeier hat jedenfalls einen grandiosen Job gemacht. Er wäre ein hervorragender Kanzler.

Ich bin für mein Wahlprognosen-Vodoo übrigens von einer Wahlbeteiligung von über 75 Prozent ausgegangen. Je niedriger die Wahlbeteiligung ist, desto mehr Prozente werden die Piraten im Verhältnis einfahren, da deren Wähler (Wählerinnen dürften es eher weniger sein, kleiner Scherz am Rande) sicher zur Wahl gehen. Und leider ist eine niedrige Wahlbeteiligung auch besonders schädlich für die SPD.

Angela Merkel ist bei einem Abschneiden der Union unter 35 Prozent meiner Meinung nach am Ende. Egal, ob es dann gerade so noch für die Große Koalition reichen sollte oder nicht. Die Union duldet Angela Merkel nur, weil es keine Alternativen gab – wirklichen Rückhalt hat sie in der katholisch-konservativen Adenauer-Partei noch immer nicht.

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

10 Gedanken zu „Zahlenspiele, Wahlprognosen“

  1. Weder Claudia Roth noch Cem Özdemir würde ich mit dem Adjektiv „unbekannt“ beschreiben. Auch in der breiteren Bevölkerung nicht. Bei seiner Wahl zum Parteivorsitzenden wurde Cem Özdemir sogar seine große Zahl an Medienauftritten vorgehalten, Claudia Roth ist derzeit sicherlich die Insignie der manchmal etwas schrägen Grünen. Insofern bin ich über die Einschätzung hinsichtlich der Grünen oben doch etwas irritiert. Aber vielleicht gibt’s ja handfeste Quellen dafür. Und jetzt bitte nicht mit der Spiegel-Treppe kommen – die Fragen nur ab, wenn sie abfragen wollen!

  2. Angela Merkel ist bei einem Abschneiden der Union unter 35 Prozent meiner Meinung nach am Ende.

    Glaub ich nicht. Die haben den ganzen Wirtschaftsliberalismus outgesourcet an die FDP, als Lehre aus 2005. Nachdem Westerwelle die Ampel ausgeschaltet hat, kommen die zusammen ins Ziel. Das Ergebnis der CDU spielt keine Rolle.

    Eine geniale Strategie. Man sieht das gerade am Verhalten der CSU: Der kann ihr eigenes Ergebnis nämlich nicht egal sein, deshalb wartet sie selber mit einem Steuersenkungsprogramm auf und keilt gegen die FDP.

  3. Bei den letzten Bundestagswahlen wurden CDU/CSU in Umfragen überbewertet, teilweise mit bis zu 10 Prozentpunkten.
    [..]
    Die FDP wird massiv vom CDU/CSU-Versagen profitieren. Ich habe gewettet, dass sie weniger als 12 Prozent einfährt, und dabei bleibe ich auch.

    Es waren gegenüber den letzten Sonntagsfragen so zwischen 5-7% zuviel für die CDU. Dafür war die FDP jeweils mit 2-3,5% weniger prognostiziert.
    Wenn man denn in Lagern denken will, dann wurde das schwarz-gelbe Lager mit 1,5-5% zu hoch geschätzt und in diesem Lager die CDU zu hoch und die FDP zu niedrig.

    Aber es sind ja nur noch 44 Stunden, bis wir näheres wissen :-)

  4. ohja, es bleibt noch etwas Zeit, bis die Wettbüros schliessen ;-)
    @Christian- guter Artikel, ein intellektueller Leuchtturm im Vergleich zu der schieren Masse an Hulla-Hupp-Reifen-Wahlkampfanalysen (schlimm: SPON, schlimmer: Welt usw.), die sonst zu lesen sind.
    Einen Wermutstropfen sehe ich bei Deiner Beurteilung von Frau Merkel und ihrer Stellung in der CDU. Sie ist nicht „sozialdemokratisch“- sie verkauft ihren Kurs nur besser als Konrad, Kurt, Rainer und Helmut. Schön nachgewiesen bei den nachdenkseiten.de (so vor einer Woche ca.).

    1. Auch viele SPD-Anhänger bekennen sich nicht öffentlich zu ihrer Partei. Das ist dem Geist (eher dem Ungeist) der Gesellschaft geschuldet, in der man schief angeschaut wird, wenn man sich für die SPD engagiert, in noch stärkerem Maße, wenn man sich für die Linkspartei engagiert. Du musst bedenken: unser Klientel sind die „kleinen Leute“, die im Normalfall nicht so meinungsstark wie das „Großbürgertum“ sind.

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