FDP, Zucht und Ordnung

Bei einer FDP-Wahlkampfveranstaltung mit Guido Westerwelle am 18. September kamen einige Aktivisten von campact zusam­men, um ihren Unmut über die schwarz-gelbe Atomlobby-Politik kund zu tun. (Im Video ab der 7. Minute.) Dass Westerwelle nicht erfreut ist, ist nach­voll­zieh­bar; dass er die Protestierenden mal eben als „Extremisten” und den Protest als „Quatsch” bezeich­net, ist hinge­gen ein Skandal.

„Schön” auch das folgende Westerwelle-Zitat: „Und lasst eure Schnipsel danach nicht liegen, denn ihr seid nicht bei euch zu Hause, sondern bei der FDP.” Bei der FDP, da herrscht eben noch Zucht und Ordnung! Jawoll! Wir lernen: Westerwelle entdeckt den natio­nal­li­be­ra­len Flügel neu für sich.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=Q-EAvLM5fM4&hl=de&fs=1&]

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

22 Gedanken zu „FDP, Zucht und Ordnung“

  1. Ach Gottchen, was jetzt schon alles ein Skandal ist :-)

    Ich fand’s eigent­lich relativ souve­rän. Die Jungs und Mädels mit den Plakaten hatten ihre Minute, die FDP-Zuhörer konnten ihre Vorurteile bestä­ti­gen und campact hatte ein Video für youtube, dass sich alle anschauen können.

    In „Schnippsel nicht liegen­las­sen” jetzt irgend­was natio­nal­li­be­ra­les oder „Zucht und Ordnung” inter­pre­tie­ren zu wollen, halte ich für etwas über­dreht. Wäre natür­lich schöner gewesen, er wäre durch­ge­dreht und die Ordner hätten prügelnd ein paar Demonstranten wegge­zerrt, den Gefallen hat er aber den Demonstranten leider nicht getan.

    Die FDP ist leider nicht so abge­klärt wie die SPD, wo die Störer dann auf die Bühne gebeten werden, um in einen ernst­haf­ten Diskurs mit den Vortragenden über HartzIV, Afghanistan-Krieg und Bankenrettung treten zu können.

    1. Atomkraft ist ein Thema mit dem Potenzial, die Gesellschaft zu spalten. Das ist die grund­le­gende Frage unserer Zeit. Dass die schwarz-gelbe Atomlobby das nicht erkennt und sogar neue Atomkraftwerke bauen will, spricht Bände.

  2. Was soll denn bitte daran natio­nal­li­be­ral sein? Dass Guido Westerwelle nicht begeis­tert reagiert, wenn auf einer FDP-Wahlveranstaltung vor einer Schwarz-Gelben Koalition gewarnt wird ist doch wohl verständ­lich. Die Aufforderung den eigenen Müll wieder mitzu­neh­men halte ich auch für harmlos. Aber weder wurden die Demonstranten von ein paar Julis abge­drängt, noch wurde die Polizei um Hilfe gerufen.

    Andere Parteien reagie­ren da deut­lich gereiz­ter, wenn etwa ein Fernsehteam ein Plakat auf einer Wahlkampfveranstaltung zeigen will, dass den aktu­el­len Kanzlerkandidaten und einen ehema­li­gen Bundesvorsitzenden dieser Partei bei einer inten­si­ven Annäherung zeigt:
    http://www3.ndr.de/sendungen/extra_3/media/extr102.html

    Wie war das noch mit dem Glashaus und den Steinen?

      1. Es waren aber sicher nicht die über­eif­ri­gen Jusos, die die Polizei gerufen haben um da „Hausrecht” auf dem Platz durch­zu­set­zen. Die Veranstaltungsleitung der FDP reagierte jeden­falls deut­lich weniger gereizt.

        Die Atomkraftgegner durften ihre Show abzie­hen, dass sie dafür keinen Applaus vom Podium bekom­men würden war doch wohl allen vorher klar.

  3. Man nannte ihn auch Hepatitis G. Oh Mann, wen die Schwarze Pest verschont, den holt der Guido – die gelbe Springflut mit Bubenmilchschaumkrone.

  4. Also vorges­tern in Hamburg standen die Atomkampagneros unmit­tel­bar neben den obli­ga­to­ri­schen Linksextremisten, die ziem­lich wirres Zeug auf selbst­ge­mal­ten Plakaten stehen hatten.

    Westerwelles Reaktion darauf schien mir darauf hinzu­deu­ten, dass sowas wohl auch in diesem Wahlkampf wieder zum Standard-Begleitprogramm seiner Auftritte gehört. Ich konnte da ehrlich­ge­sagt keinen sicht­ba­ren Unterschied zwischen beiden Gruppen fest­stel­len, von denen, die die Plakate gehal­ten haben mal abge­se­hen.

    Aus der Bitte, Müll nicht rumlie­gen zu lassen einen Skandal zu machen, ja sogar einen Ausdruck irgend­ei­ner rechten Gesinnung, hast du ja sicher­lich als Scherz gemeint. Wäre jeden­falls ein biss­chen sehr lächer­lich.

    Goldig von dir, dass du, Christian, die Meinungen anderer Bürger nie als „Quatsch” bezeich­nen würdest, was ja, wie du findest, eben­falls ein Skandal wäre. Ich bin da anderer Meinung: Wenn man der Ansicht ist, jemand erzählt Mist, dann sollte man das unbe­dingt sagen dürfen.

    Ich bin mir übri­gens fast sicher, dass sogar manchem Kapitalismusgegner ab und zu ein „Quatsch” raus­rutscht, wenn jemand verkün­det, wie segens­reich Marktwirtschaft zu wirken in der Lage ist.

    Aber im Ernst: Mir ist ja nicht entgan­gen, dass Wahlkampf ist und dass sich die SPD offen­bar an jeden Strohhalm klam­mert. Man kanns aber auch in Wahlkampfzeiten über­trei­ben mit dem hoch­ju­beln vermeint­li­cher Skandale.

    Vielleicht teste ich, wenn ich noch Gelegenheit und Zeit genug dazu habe, auch mal die Dialogbereitschaft auf der nächs­ten SPD-Kundgebung und protes­tiere laut­stark gegen einige der schlimms­ten Untaten aus den letzten 11 Jahren (Auswahl habe ich da wahr­lich genug). Ich bin gespannt, ob mich ein Steinmeier, ein Müntefering oder ein Steinbrück eben­falls auffor­dern würde, meine Plakate etwas sicht­ba­rer zu halten, solange ich darauf achte, dass die Leute hinter mir noch gut sehen können — wie Westerwelle dass z.B. in Hamburg mit dem Hinweis, dass er Meinungsfreiheit nunmal achten würde, getan hat. Wäre doch ein hoch­in­ter­es­san­tes Experiment.

    1. Wie sieht Deiner Meinung nach der rich­tige Umgang mit Störern aus?
      Lassen wir mal aussen vor, dass Westerwelle plötz­lich seinen neoli­be­ra­len, markt­ra­di­ka­len, konzern­hö­ri­gen Irrweg erkennt und den Thesen der erleuch­te­ten Plakatschwinger folgt.
      Was macht ein Müntefering, wenn ihm laut­stark 100 Plakate mit „wer nicht arbei­tet soll auch nicht essen” entge­gen­ge­streckt werden?

      1. @Markus. Richtiger Umgang mit „Störern” (ich mag das Wort über­haupt nicht, weil es nur destruk­tive Handlung impli­ziert) hängt stark davon ab WIE man stört.

        Wer kreativ und gewalt­frei vorgeht (wovon ich trotz Westerwelles Behauptung ausgehe) und wer sich Gehör verschafft ohne dem anderen selbi­ges abzu­spre­chen, dem kann ich erstmal nur Respekt zollen und dann in eine argu­men­ta­tive Auseinandersetzung mit ihm begeben.

        Absolut legitim ist es, wenn jemand am Mikrofon auf dem Marktplatz, wo es in aller Regel nur Monologe und keinen Diskurs gibt, mit Sprechchören argu­men­ta­tiv heraus­ge­for­dert wird, weil man nur so eine Ungleichheit der Argumentationsmöglichkeit besei­ti­gen kann.

        1. Richtiger Umgang mit „Störern“ (ich mag das Wort über­haupt nicht, weil es nur destruk­tive Handlung impli­ziert)

          ausge­hend von den Vortragenden ist es das auch. Dass dieje­ni­gen, die stören das anders sehen, bleibt ihnen ja unbe­nom­men.
          Meinst Du denn, dass die Aktion einen der Zuhörenden dazu gebracht hat, die Politik der FDP zu hinter­fra­gen? Meinst Du, dass irgend­ei­ner, der das Video auf youtube gesehen hat, statt der FDP plötz­lich die Grünen wählt, weil die Schilder argu­men­ta­tiv so hoch­wer­tig waren, dass ein Umdenkungsprozeß in Gang gesetzt worden ist?
          Ganz nette Aktion, um die eigene Klientel zu mobi­li­sie­ren (so wie auch öffent­li­che Reden auf Marktplätzen), aber einen echten Diskurs in Gang setzen?

          1. Nun ich glaube nicht, dass es das primäre Ziel von Campact ist mit diesen Aktionen FDP-Wähler von den Grünen zu über­zeu­gen, eher schon Unentschlossene (neben Selbstmobilisierung). Ein weite­res Ziel ist eine direkte Botschaft an Herrn Westerwelle, die FDP, die Union und andere, dass die Aufkündigung des nach langer Debatte gefun­de­nen Atomausstiegkompromisses von sehr vielen Menschen nicht hinge­nom­men wird (und somit Einfluss auf deren poli­ti­sches Handeln). Nicht ganz uner­heb­lich ist neben der reinen Aktionskunst auch die öffent­li­che Demonstration, dass Politik sati­risch, witzig und frech sein kann, ohne deswe­gen flach zu werden. Nicht zuletzt scheint die sati­ri­sche Überhöhung (die sie auch anwand­ten), das Mittel zu sein, den WIR-Wahlk®ampf als hohl zu entlar­ven.

            „Richtige” Kreuze in der Wahlkabine allein wären doch ein arg eindi­men­sio­na­les Ziel einer poli­ti­schen Aktionsplattform.

            Also ich finde, viel erfolg­rei­cher als das kann eine punk­tu­elle poli­ti­sche Aktion kaum werden.

            Dass es nicht zu einem umfäng­li­che­ren Diskurs kam lag auch nur an Herr Westerwelle, der sofort versuchte die Aktivisten in die Ecke der anti­li­be­ra­len, gleich­ge­schal­te­ten und gewalt­be­rei­ten Chaoten zu stellen.

  5. Wenn ALLE zusehen würden, endlich mal mehr Sach-Politik zu machen und sich nicht ständig an irgend­wel­chen Eitelkeiten und austausch­ba­ren Befindlichkeiten delek­tie­ren würden, wäre Politik hier­zu­lande weniger Lachnummer, würde mehr kompe­tente und bewegte Menschen anzie­hen und begeis­tern. Vom Abfallkutscher bis zum Zahnarzt. Ja- aber ernst­haft- die Leute, ihre Sorgen, ihre Ängste ERNST nehmen.
    Habe mir Guido nicht ange­schaut, wie ich auch die JF, selbst online, nicht lese. Kein Euro und kein Klick den Despoten, keine Macht der Despotie von markt- und anal­fi­xier­ten Vaterlands-Liebenden.

      1. @Christian:
        na, da sitzt einer perma­nent am Rechner- oder?
        Klar hab’ ich den o. a. Artikel gelesen- auch alle Kommentare- nur das Video habe ich mir gespart- muss nicht alles sehen- oder?
        Nebenbei- Du hast meinen Kommentar nicht gelesen, sonst wäre Dir bestimmt der anal-Lapsus nicht entgan­gen- oder? ;-)

  6. ups, anal­fi­xiert bezog sich auf die JF*, nicht auf Westerwelle, ob und mit sich der GW paat oder auch nicht, ist mir, solange es sich außer­halb des StGB bewegt, völlig egal**.
    *inspi­riert durch den genia­len Film „Vaters Land” von Peter Krieg (1986), dort wird ein Bezug von der deut­schen Wurst- zur Analfixierung gezogen.
    ** und ich weiß auch, dass Schwule nicht unbe­dingt anal mit einan­der verkeh­ren- so jetzt aber -cut- denn sonst bekommt das Blog hier wg. „Jugend-Gefährdung” ein vdL-Stopp-Schild ;-)

      1. Was war an meinem ersten Kommentar „off-topic”- dass ich das anders bewerte, wenn ihr euch biswei­len in „Kleinkind-Manier”* beharkt?
        Naja, der jugend­li­che Eifer ;-)
        *„Tante, der hat mir aber zuerst die Schaufel gestoh­len, der hat ein Plakat hoch­ge­hal­ten, der hat laut gerufen, da mußte ich ihm leider…”
        Ist nicht „off-topic”- ist Meta. Wenn das nicht mehr geht, soll­test Du die Kommentar-Funktion deak­ti­vie­ren :-(

          1. Genau, und dann soll er bitte auch seine Kommentar-Bits mitneh­men. Immerhin ist er hier nicht zuhause, hier ist rotsteh­t­uns­gut.

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