20 Tage vor der Bundestagswahl scheint Afghanistan doch noch ein Thema zu werden, da die Bundeswehr einen Luftangriff auf Tanklastzüge befohlen hat. Verteidigungsminister Jung behauptete zuerst, es seien keine Zivilisten getötet worden, mittlerweile musste er zurückrudern. Die Aussage war von Anfang an unglaubwürdig, denn man weiß: Luftschläge fordern unschuldige Opfer. Immer. Der Traum von „chirurgischer Präzision” wird immer ein Traum von Technokraten bleiben, vielleicht auch vielmehr ein: Alptraum. Ein Alptraum, da man dann Leben gegen Leben aufrechnen würde, Opferzahl gegen Opferzahl.
Wir erinnern uns: die Bundeswehr ist in Afghanistan, weil die NATO nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 den Bündnisfall ausgerufen hat und sich die Urheber der Terroranschläge in Afghanistan versteckten, unbehelligt, gar gefördert von den islamofaschistischen Taliban. Deshalb hatte Deutschland keine andere Wahl, als in Afghanistan einzumarschieren; die Alternative wäre gewesen, aus der NATO auszutreten. Das kann niemand ernsthaft wollen, weshalb die außenpolitischen Ansichten der Linkspartei zu recht als absurd angesehen werden.
Mittlerweile sind deutsche Soldaten sieben Jahre in Afghanistan. Und ein Ende ist noch nicht in Sicht, die Lage hat sich in vielen Regionen Afghanistans nicht merklich verbessert; jetzt steht noch Präsident Karsai im Verdacht, die Wahlen gefälscht zu haben. Die Frage, wie lange die Bundeswehr noch in Afghanistan bleiben wird, muss erlaubt sein. Der sofortige Abzug aus Afghanistan, wie teilweise gefordert, ist an Populismus jedoch nur schwerlich zu überbieten: jegliche Aufbaubemühungen der letzten Jahre wären mit einem Schlag zunichte gemacht, die wiedererstarkten Taliban würden erneut die Macht übernehmen und ihre Schar’ia-Gesellschaft reanimieren.
Und dennoch: wie lange wollen, wie lange müssen wir in Afghanistan bleiben? Mit welchem Ziel? Absicherung einer Hauptstadt Kabul und einer Rumpf-Regierung Karsai? Totale Zerschlagung der Taliban in ganz Afghanistan? Letzteres ist nicht möglich, nicht mit der derzeitigen Truppenstärke, nicht mit unserem Verständnis von Krieg. Ersteres kann kaum ein Ziel sein, es wäre eine Niederlage par excellence. Nicht für uns, sondern für die Menschen in Afghanistan.
Eine Option ist es, mit den gemäßigten Taliban zu verhandeln: divide et impera. Wir brauchen Verbündete gegen die Extremisten der Taliban. Und die Garantie, dass Kinder die Schule besuchen können, wenn sie das wollen. Alles andere wäre ein Verrat an den Menschen Afghanistans, die sich auf uns verlassen und uns vertraut haben. Man darf sie nicht im Stich lassen.
Aber: wir müssen auch akzeptieren, dass es keine Kriege ohne Opfer gibt. Wenn wir dazu nicht in der Lage sind, dann können wir die Bundeswehr auch direkt einmotten, da sie dann nicht mehr benötigt wird.
In diesem Konflikt gibt es nicht die richtige Meinung und keine Sieger. Im Krieg verlieren immer alle.
21 Kommentare
Hi Christian,
fällst Du jetzt der Parteilinie in den Rücken? Die SPD-Spitze hat vorgegeben, dass über einen Rückzug aus Afghanistan nicht gesprochen werden soll. Das würde nur die Taliban-Terroristen stärken. :-)
Grüße David
Naja, wer meine Artikel verfolgt, der wird merken, dass ich nicht immer auf Parteilinie bin. Finde ich auch normal, alles andere wäre sehr skurril.
Werden Behauptungen wahr, wenn sie nur oft genug wiederholt werden?
Wessen Freiheit wird wann, wo, von wem und wie verteidigt?
Ist das Leben ein hoher Wert, gar ein Wert an sich, der mehr Beachtung verdient als teilweise sehr abstrakte gedankliche Konstrukte wie „Freiheit” oder „Wohlstand” (usw.)?
Sind Fragen überhaupt erlaubt, wenn das Ergebnis schon feststeht?
Ist es überhaupt sinnvoll, über die Frage „Krieg und Frieden” mit SPDlern und anderen Kriegstreibern noch zu diskutieren?
Sind die (PDS-)Linkspartei-AnhängerInnen allesamt „weltfremde Spinner”, die weder von Militär– noch von Friedenspolitik auch nur eine Ahnung haben?
Wenn ja, wie erklärt sich in der o. a. Partei dann der hohe Anteil an (ehem.) Berufsoffizieren?
Oder war die NVA gar keine echte Armee, weil sie so selten „in echt” Menschen töten durfte?
Fragen über Fragen…
Obwohl– die Antworten kriege ich hier wahrscheinlich nicht.
„Feigheit vor dem Feind” ;-)
Nochmal: die NATO hat den Bündnisfall ausgerufen. Die Alternativen waren also: 1. Mitmachen beim Afghanistan-Feldzug. 2. Austritt aus der NATO. Du wirst es akzeptieren müssen, dass die Position der Linkspartei „Austritt aus der NATO” nicht mehrheitsfähig in Deutschland ist.
Ich muß gar nichts akzeptieren :-)
Ok– keine echten Antworten. Denn die Prinzipien-Frage ist ‚n Scherz, siehe Frankreichs oder Griechenlands assoziierte Mitgliedschaften in der NATO– keiner kann einen souveränen Staat zur Entsendung von Truppen, PolizistInnen oder SanitäterInnen zwingen:
ihr wolltet dort hin, dann geht– Hr. Jung soll sich die Weste anziehen, einen Helm aufsetzen usw. und ab mit der Hercules als Freiheitskämpfer an den Hindukusch. Es sei denn, Hr. Jung (usw.) hätte nicht „gedient”, dann wäre das unangemessen. Wenn die Herren (und Damen) Politiker und Generale selbst ihr Leben auf’s Spiel setzen müßten, gäbe es immer weniger Kriege oder immer weniger militaristische PolitikerInnen :-)
Deutsche Soldaten in Afghanistan sind freiwillig dort. Niemand wird gezwungen, sein Leben dort zu riskieren. Wer den Einsatz nicht mitmachen will, muss das auch nicht. Das sollte man nicht unter den Tisch kehren, finde ich.
Vor drei Jahren wurde, als ich gesagt habe „Man muss auch bereit sein, mit moderaten Taliban zu verhandeln” eine Diskussion in der Schule vorzeitig und unter peinlichen Blicken des Lehrers beendet. Ich erinnere mich noch genau daran… meine Meinung dazu hat sich nicht geändert.
Ich habe vergessen, einen Link zu einem anderen Artikel hier einzubauen; wird nachgeholt.
Dass Du das schon vor drei Jahren gefordert hast, Respekt. Hätten die mal nur auf Dich gehört. ;)
@Christian:
zuerst sind es (fast) immer sog. Freiwillige. Wenn sich die Militärdoktrin der NATO jedoch von einem reinen (?) Verteidigungsbündnis zu der einer weltweit mit einer gewissen Beliebigkeit einsetzbaren Streitmacht entwickelt, dann war und ist eine deutsche Beteiligung hieran so falsch wie schon des Kaisers Spruch vom „deutschen Platz an der Sonne” und des „Germans to the front” (Boxer-Aufstand 1900).
Und das ist jetzt (?) mal (?) nicht dumpfes Nach-Plappern der Partei-Linie, so sah ich das auch schon früher– Stichwort war damals „Vorneverteidigung” (1982)- heute wird „die Freiheit am Hindukusch” verteidigt, morgen am Kilimandscharo oder südöstlich von Katmandu und übermorgen in Caracas und nördlich von Guantanamo (wenn in Kuba Öl gefunden werden sollte).
Wo wollt ihr das enden lassen– wo zieht ihr eine Grenze gegen die Beliebigkeit der Macht-Gelüste unserer sog. Eliten (Atlantik-Brücke & Co.)?
Schröders Nein zum Irak-Krieg zählt vermutlich aus irgendwelchen Gründen nicht, vermute ich?
Dieses Nein war Wahlkampf-Rethorik.
Hat auch gewirkt :-(
Gute Nacht
Die Taliban tragen keine Uniformmen und schlagen aus den hinterhalt zu.Sie Kämpfen mit den Schmuzigsten Tricks und nehmen keine Rücksicht auf ihr eigenes Leben oder das von Ziwilisten.Und da gegen soll man Kämpfen ohne einem einzigen Ziwilisten zu gefärden ?.Das ist unmöglich das ist als wen man sagt „Bau mir mal einem Schneemann auf Sonne„
.Zwei möglichkeiten entweder ein richtiger Krieg mit allen notwendigen Mittel und Metoden oder abziehen und das Land sich selbst überlassen
Hab ich dan oben richtig gelesen .Mit den Taliban verhandeln?.Das siend Sexistische kleingeistige Babaren.Die Feinde aller freien Geister und Völker.Die Taliban müssen genauso zerschlagen werden wie das Driete reich zerschlagen werden musste.
Achja, jetzt noch der Nazi-Vergleich.
*Ironie on*
Finde ich auch. Dieser Araber, der ist verrschlagen unnd Hinterrhä lttick und gämeein.
Unt der Ami solltee dort Atohm-Bomebnn drauf werfen tuhn.
*Ironie off*
Gratuliere Christian, die Anti-D’s haben Dein We-Log als Spielwiese entdeckt ;-)
Hi Christian
Das wir beim Angriff auf Afghanistan mitgemacht haben, war richtig und wichtig. Vielleicht war es ein Nato-Einsatz. Ich kann mich nicht aus dem Stand erinnern. Aber auf jeden Fall haben die Taliban Terroristen beherbergt und das war nicht hinnehmbar.
Leider haben sich die Ziele des Einsatzes seither total verwaschen und jetzt schießen wir zum Nutzen unserer Drogenhändler auf irgendwelche anderen Drogemfuzzis.
Das dürfen wir unseren Soldaten nicht antun. Egal ob sie freiwillig dort ihre Pflicht erfüllen, oder nicht.
Das letzte Argument finde ich zynisch.
„Das dürfen wir unseren Soldaten nicht antun.“
Ach, wenn’s doch nur darum ginge, „unseren“ Soldaten was anzutun …
Die Debatte muss geführt werden. Ob der Wahlkampf die richtige Zeit dafür ist, darf hinterfragt werden; aber andererseits: welche Frage als die über Krieg und Frieden ist entscheidender?
Sicher muss die Debatte geführt werden, aber doch nicht deswegen, weil deutsche Soldaten in dem Krieg umkommen. So ist das eben im Krieg. Je weniger eigene Verluste man erleidet, desto geringer scheint die Hemmschwelle zu sein. Deswegen ist es ja auch so gefährlich, mehr und mehr auf menschliche Soldaten zu verzichten und sie durch Drohnen und Kampfroboter zu ersetzen. Wer also den Krieg gerne beendet sähe, weil er Unrecht ist, der sollte sich weniger Sorgen um unsere Soldaten machen. Wer ihn weiterführen möchte, weil er Recht ist, der sollte ihn weiterführen, sich aber ebenfalls weniger Sorgen um unsere Soldaten machen.
Ach ja, Nick, und du glaubst, das Leben von hunderttausenden Afghanen wäre nicht bei einem sofortigen Abzug gefährdet?? Du glaubst nicht, dass die Taliban sich blutig an jedem, der mit dem Westen zusammengearbeitet hat, rächen würden???
Du glaubst nicht, dass sie dies als großen Sieg über den Westen feiern und Dutzende, vielleicht Hunderte oder Tausende von neuen Mudschahidin inspirieren würden, gegen westliche Ziele zu konspirieren?
Wir brauchen langsam eine Exit-Strategie. Das ist Steinmeiers Ziel, eine geordnete Übertragung der Verantwortung, keine Flucht. Solange ein Abzug todsicher bedeuten würde, Afghanistan in die Hände der Taliban zu legen, kann ein Abzug im Interesse der Afghanen aber auch in unserem eigenen nicht möglich.
@Bastian:
Wenn Du mich persönlich ansprichst, will ich auch persönlich antworten:
„Ach ja, Nick, und du glaubst, das Leben von hunderttausenden Afghanen wäre nicht bei einem sofortigen Abzug gefährdet??„
Nein. *Das* habe ich nie behauptet– ist reine Polemik. Dachte bisher, hier würde in erster Linie sachlich diskutiert.
„Du glaubst nicht, dass die Taliban sich blutig an jedem, der mit dem Westen zusammengearbeitet hat, rächen würden???„
Auch das habe ich nie behauptet– ich habe Eure „Logik”, die zu dem Einsatz geführt hat, wie auch dessen Ausführung und Verstrickung in immer neue „Sachzwänge” kritisiert und werde das als Anti-Militarist auch weiterhin tun.
„Du glaubst nicht, dass sie dies als großen Sieg über den Westen feiern und Dutzende, vielleicht Hunderte oder Tausende von neuen Mudschahidin inspirieren würden, gegen westliche Ziele zu konspirieren?„
Die Außenpolitik ist kein Domino-Spiel. Es ist mehr als actio-reactio, eine differentierte Außenpolitik umfaßt z. B. ein Reduzierung, wenn nicht gar Verhinderung, des Waffenhandels und ein Umdenken bei der bisherigen sog. Entwicklungshilfe, befrage mal die GenossInnen Wiscorek-Zeul oder Ulla Jelpke dazu.
„Wir brauchen langsam eine Exit-Strategie. Das ist Steinmeiers Ziel, eine geordnete Übertragung der Verantwortung, keine Flucht.„
Wer nicht SOFORT fordert, bekommt „Sankt-Nimmerleins-Tag”- ok, das hat die SPD ascheinend verlernt– wäre das anders gäbe es die Linkspartei nicht und ich wäre (wahrscheinlich) SPD-Mitglied.
„Solange ein Abzug todsicher bedeuten würde, Afghanistan in die Hände der Taliban zu legen, kann ein Abzug im Interesse der Afghanen aber auch in unserem eigenen nicht möglich. „
(…sein)
Tja, und auch diese Fragen müssen WIR klären und sie nicht (nur) den sog. FachpolitikerInnen überlassen, welche zumeist schon zu sehr „Komißköppe” sind, als dass sie ihre eigene Politik der letzten 18 Jahre (seit dem Beginn des Jugoslawien-Konflikts bzw. dem dt. Somailia-Einsatz) in Frage stellen könnten.
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[…] einem emotional besetzten Thema klar anders als die Kanzlerin positioniert. Und dieses Thema ist: Afghanistan. 80 Prozent des Volkes sind gegen den Afghanistan-Einsatz, lagerübergreifend; wir sind eine […]