Ungereimtheiten

Die FAS berich­tet in ihrem Artikel „Links blinken, rechts abbie­gen“ erneut über den Verlauf der miss­glück­ten Machtübernahme Andrea Ypsilantis in Hessen und, nun ja, die Version der FAS unter­schei­det sich erheb­lich von allen anderen, die zuvor zu hören gewesen waren.

Demnach hätten Jürgen Walter und Carmen Everts die versuchte Machtübernahme mit Hilfe der Linkspartei selbst einge­fä­delt, um Walter den Posten des Wirtschaftsministers zu sichern. Und dann, als dieser Versuch am Widerstand der Parteilinken geschei­tert war, hätten Walter und Co. die Gründung einer neuen Fraktion erwogen.

Die FAS berich­tet in ihrem Artikel „Links blinken, rechts abbie­gen“ erneut über den Verlauf der miss­glück­ten Machtübernahme Andrea Ypsilantis in Hessen und, nun ja, die Version der FAS unter­schei­det sich erheb­lich von allen anderen, die zuvor zu hören gewesen waren.

Demnach hätten Jürgen Walter und Carmen Everts die versuchte Machtübernahme mit Hilfe der Linkspartei selbst einge­fä­delt, um Walter den Posten des Wirtschaftsministers zu sichern. Und dann, als dieser Versuch am Widerstand der Parteilinken geschei­tert war, hätten Walter und Co. die Gründung einer neuen Fraktion erwogen.

Die Geschichte der hessi­schen Verweigerer wurde in allen erdenk­li­chen Versionen erzählt. Die meisten (am promi­nen­tes­ten die Titelstory im dama­li­gen SPIEGEL) gingen eher in die Richtung, dass die drei, die sich nicht von Anfang an zu ihrem Nein bekannt hatten, unter Druck gesetzt worden wären, diesem Druck intern nach­zu­ge­ben schie­nen, weil sie hofften, das Projekt werde von allein schei­tern. Und schließ­lich, als klar war, dass Ypsilanti aufs Ganze gehen würde, hätten sie die Notbremse gezogen.

Auch die weniger Walter-freund­li­che Geschichte, dass er von der Ressortvergabe enttäuscht war und deshalb auf stur stellte, wurde verbrei­tet.

Die neue Version aus dem Buch „Die Vier“ von Volker Zastrow unter­schei­det sich so funda­men­tal von den bisher gehör­ten, dass ich aus jetzi­ger Sicht wirk­lich nicht mehr weiß, was ich noch glauben soll. Es tun sich einige Ungereimtheiten auf.

  1. Wenn Zastrows Version stimmt, warum ist sie nicht schon längst publik gemacht worden? Insbesondere, da die Parteilinke in den letzten Monaten ja keine Gelegenheit ausge­las­sen hat, Walter und Co. in die Pfanne zu hauen. Da hätte eine frühe Veröffentlichung von Walters vermeint­li­chem Treiben doch hervor­ra­gend ins Bild gepasst. Thorsten Schäfer-Gümbels Reaktion lässt durch­bli­cken, dass er selbst diese Version wohl nicht kannte. Wie kommt das?
  2. Wenn die Geschichte jedoch nicht stimmt, warum kam kein wüten­des Dementi von Walters Seite? Immerhin haben sich Walter und Everts gerade frisch zu Wort gemel­det. Sie haben einiges demen­tiert, aber nicht, dass Walter während der Koalitionsverhandlungen eigene Interessen verfolgt hat. Die Gelegenheit dazu wäre günstig gewesen.
  3. Walter wird in der Geschichte einer­seits als eiskal­ter Machtmensch, ande­rer­seits jedoch als trot­zi­ger Racheengel beschrie­ben. Er mag nach Auffassung mancher viel­leicht eines von beidem sein, aber doch nicht beides zugleich?!
  4. Immerhin handelt es sich um die FAZ. Wäre es möglich, dass die Geschichte absicht­lich entstellt wurde, damit sich die SPD wieder von innen selbst zerfleischt oder die Debatte um Rot-Rot, die ja erlahmt war, neu entbrennt? Ich glaube es eher nicht, aber wenn dem so wäre, hätte Zastrow sein Ziel erreicht; wir schla­gen uns deswe­gen ja jetzt schon den Schädel ein.
  5. Woher kommen die Spekulationen um die Neugründung einer Partei? Welche Quellen hat Zastrow eigent­lich verwen­det?

Kurz und gut, die Geschichten lassen so viele Fragen offen, dass es mir, zumin­dest im Augenblick, unmög­lich ist, ein Urteil zu fällen, wer jetzt wie intri­giert hat. Vielleicht wird noch einer der Beteiligten ehrlich Licht ins Dunkel bringen; ich rechne nicht damit. Das Beste für die SPD wäre wohl, wenn dieses Possenspiel endlich ad acta gelegt würde. Die Unionsleute, und natür­lich auch die Schreiberlinge der Frankfurter Allgemeinen, lachen sich doch nur ins Fäustchen, wenn wir jetzt wieder in einem Anfall von (Selbst-?)Vernichtungswut wieder über irgend­wel­che Parteifreunde herfal­len und ihnen irgend­eine Schuld an irgend­et­was geben.

Es gibt viele Ungereimtheiten, viele Unklarheiten, nur eine Sache ist völlig eindeu­tig: Keiner, aber auch wirk­lich keiner aus der hessi­schen Parteiführung hat sich 2008 mit Ruhm bekle­ckert. Am Zustand der SPD in Hessen und bundes­weit tragen alle Verantwortlichen Mitschuld.

Ich hätte Koch wirk­lich gerne verschwin­den gesehen. Schade nur, dass er nach allen Ereignissen jetzt so sicher ist wie nie zuvor. Ich finde, viele Genossen sollten sich daran erin­nern, wer der eigent­li­che Gegner ist und was unser eigent­li­ches Ziel: Dass die SPD 2014 wieder den hessi­schen Ministerpräsidenten stellt. Das errei­chen wir jedoch nicht mit Straftribunalen, sondern, indem wir Politik machen.

5 Gedanken zu „Ungereimtheiten“

  1. Stimme dir weit­ge­hend zu. Jedoch kann ich diese Apell „Gras über die Sache wachsen lassen, nach vorne blicken!” nicht ganz verste­hen. Mir liegt schon daran, dass die ganze Sache aufge­klärt wird, auch weil einige Personen medial derma­ßen verun­glimpft wurden dass ihnen eine Aufarbeitung der tatsäch­li­chen Geschehnisse zusteht.

  2. anbe­nom­men die Parteilinke kannte die Wahrheit (wenn sie es denn ist) genau so, wie sie nun darge­stellt wird. Dann hätte sie keiner­lei Interesse daran das selbst zu veröf­fent­li­chen. Aus dem selben Grund, wieso in jeder Werbung Unternehmen lieber mit dem Urteil der Stiftung Warentest werben, als mit der eigenen Einschätzung ihres Produkts. Ein konser­va­ti­ver Journalist ist in der Frage nun mal etwas glaub­wür­di­ger. Wer würde denn Ypsilanti glauben, wenn sie ein unfai­res Komplott gegen sich gesehen hätte?

    Was die Geschichte auch glaub­wür­di­ger macht ist aus meiner Sicht auch der Umstand, dass auch die FAZ den aus ihrer Sicht vernünf­ti­gen Kräften inner­halb der SPD eher nicht schaden möchte. Wenn aber die veröf­fent­lichte Storry stimmt, wäre das ein massi­ver Schaden.…

  3. Bei Spiegel Online hatte ich gelesen, dass Zastrow ursprüng­lich ein Buch schrei­ben wollte, dass die vier Linkskoalitionsgegner in einem posi­ti­ven Licht darstellt. 2008 hatte die FAZ ja die vier auch sehr in Schutz genom­men bzw. in ihrem Sinne geschrie­ben. Jedoch sei dann im Laufe der Recherche Zastrow klar gewor­den, dass es sich um eine Intrige gehan­delt habe, bei der gerade Walter eine aktive Rolle gespielt hat.

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