Old „New Economy”

Als die SPD 1998 ihren Wahlkampf auf die Neue Mitte ausrich­tete, ging es darum, so Schröders Wahlkampfmanager Matthias Machnik, nach 16 Jahren Kohl möglichst viele CDU-Wähler dazu zu moti­vie­ren dieses Mal SPD zu wählen. Zentral für diesen Neue-Mitte-Gedanken stand damals auch der Gründerboom in der IT-Industrie. Besonders der dama­lige Raumschiff-Spot hat dieses Lebensgefühl aufge­grif­fen, wie kaum eine andere Werbemaßnahme — und hat einen bis heute nicht wieder erreich­ten Maßstab für poli­ti­sches Marketing gesetzt.

Diese Zielgruppenorientierung fand in Frank-Walter Steinmeiers Konzept „Die Arbeit von morgen” (Deutschland-Plan) ein kleines Revival. Denn neben der Gesundheits- wird beson­ders die Kreativwirtschaft als Beschäftigungsmotor gesehen. Es mag wenig über­ra­schen und ist dennoch schade, dass ein noch stär­ke­rer Schutz geis­ti­gen Eigentums zentral für die Förderung geis­ti­gen krea­ti­ver Betätigung gesehen wird.

So heißt es im Deutschland Plan:

„Wir setzen uns mit aller Kraft dafür ein, das geis­tige Eigentum zu schüt­zen und ange­mes­sen zu vergü­ten. Das Urheberrecht und das Urhebervertragsrecht sollen in der digi­ta­len Welt ein ange­mes­se­nes Einkommen aus der Verwertung geis­ti­gen Eigentums ermög­li­chen. Wir brau­chen einen vernünf­ti­gen Ausgleich zwischen Nutzerfreundlichkeit und den Rechten der Kreativen. Wir wollen dafür die Netzbetreiber und Internet-Service-Provider in den Dialog mit Rechteinhabern und Verwertungsgesellschaften einbe­zie­hen.”

Man könnte nun anneh­men, dass das Urheberrecht selbst einem ange­mes­se­nen Einkommen im Wege stehe. Tatsächlich ist es so — doch zugleich anders als erwar­tet. Die Umsätze der Medienkonzerne zeigen, dass die Einnahmen aus dem Vertrieb von Rechten alles andere als klein sind und man nicht am Hungertuch nagen muss.

Gerade im Hinblick auf die jüngs­ten Äusserungen von Angelika Krüger.Leißner ist zu fragen wie genau eine scharfe Durchsetzung des Urheberrechts die Qualität von Filmen stei­gern soll. Diese Forderung ist geprägt von der Fehlannahme, dass jeder Download weniger auto­ma­tisch eine verkaufte Kinokarte mehr bedeu­tet.

Wenn man künst­le­ri­sche und krea­tive Tätigkeiten fördern will, muss man die einzel­nen Künstler stärker in den Mittelpunkt des Rechtsschutzes im Urheberrecht stellen und nicht die Medienkonzerne. Und ganz sicher schadet es dabei nicht, wenn der Verbraucher nicht nur als Konsument und das entste­hende Kreativgut nicht nur als Ware gesehen wird.

2 Gedanken zu „Old „New Economy”“

  1. Urheberrecht in Deutschland ist drin­gend reform­be­dürf­tig — es hindert viel­fach krea­tive Produktivität! Es kann doch nicht richtig sein, dass etwa Stefan Raab bzw. Pro7 von einem öffent­lich-recht­li­chen Sender verklagt werden kann, weil in der TVTotal-Show ein Auszug weniger Sekunden aus deren (unver­schlüs­selt) gesen­de­ten Programm über­nom­men wurde. Wer sich einmal das Urheberrechtsgesetz ansieht, der stellt fest, dass dieses in Systematik und Konsequenz kaum noch zu durch­schauen ist — nicht­mals für Juristen! So ist es bereits ein recht­li­cher Grenzfall, wenn jemand Fernsehaufzeichnungen (z.B. Sequenz aus Nachrichtenmagazin) in einen neuen Kontext stellt, poli­tisch kommen­tiert und auf YouTube veröf­fent­licht — ist dann ein „neues Werk” entstan­den? Handelt es sich um ein (wissen­schaft­li­ches) „Zitat”? Eine Berichterstattung über ein „Tagesereignis”?

    Die prak­ti­sche Konsequenz ist wohl, dass manche krea­tive Vorhaben ganz unter­blei­ben, wenn auf veröf­fent­lich­tes Material fremder Quellen als Grundlage auch nur äußerst gering­fü­gig zurück­ge­grif­fen werden muss. Wenn man dann noch die Wechselwirkung mit dem UWG (Gesetz über den unlau­te­ren Wettbewerb) betrach­tet — wonach frei­be­ruf­li­che Rechtsanwälte (!) ohne staat­li­che Beteiligung im Auftrag von Rechteinhaber Abmahnungen verfas­sen können — dann ist das nur noch mit massi­vem poli­ti­schen Lobbyismus zu erklä­ren.

    Man muss nicht jedes Produkt finan­zi­ell bis auf den letzten Cent kommer­zia­li­sie­ren — ein posi­ti­ves Beispiel geben da die Software-Autoren ab, die eine Vielzahl hoch­wer­ti­ger Programme als „Freeware” bzw. „OpenSource” veröf­fent­li­chen.

    1. Größtenteils Zustimmung; eine wich­tige Korrektur: Freie Software/Open Source kann kommer­zi­ell sein, das wider­spricht sich nicht. Hier geht es primär um den Unterschied zu proprie­tä­rer Software.

Kommentare sind geschlossen.