Ochsentour und Quereinsteiger

7. August 2009
By
Der Weg nach oben - ©The Yonder Shore - CC-Lizenz: BY-NC-SA

Der Weg nach oben — ©The Yonder Shore — CC-Lizenz: BY-NC-SA

Eben gerade wurden bei Maybrit Illner mal wieder so ziemlich alle Vorurteile gedroschen, die man über Politik und Politiker haben kann: Die können nichts, sind inkompetent und überhaupt schaffen es nur die gerissensten nach ganz oben. Immer wieder kommt dann der Verweis auf die vermeintlich schlimme Ochsentour, die durchlaufen werden müsse und die Quereinsteiger doch nur behindere. Das Übliche also.

Es ist erstaunlich, dass für jeden denkbaren Beruf eine Ausbildung gefordert wird, einige aber der Meinung sind, dass die Arbeit als Politiker in einer Demokratie anscheinend überhaupt nicht erlernt werden müsste. Dabei ist gerade in einer Demokratie das Zusammenarbeiten mit anderen Menschen so wichtig, weil Demokratie eben bedeutet, dass eine Mehrheit entscheiden muss, die man im Zweifelsfall erstmal von einer Idee überzeugen muss. Genau das ist übrigens die „Ochsentour” — man lernt in erster Linie die demokratischen Spielregeln. Dazu kommt, dass Menschen ungerne Politiker wählen, die sie nicht kennen und einschätzen können. Warum sollten sie auch? Ich wähle doch niemanden, der sich erst vor kurzer Zeit in die Politik begeben hat und überhaupt nich einschätzbar ist.
Demokratie braucht Zeit. Und nichts weiter ist die sogenannte „Ochsentour”.


Ähnliche Artikel:

Tags: , , , ,

18 Responses to Ochsentour und Quereinsteiger

  1. Kalle on 7. August 2009 at 00:14

    Ich weiß nicht so recht… Ich würde das differenzierter sehen.
    In vielen Bereichen nimmt die Ochsentour-Mentalität überhand. Ich bekomme doch selber mit, wie Personen zum Bundestagskandidaten gemacht werden, weil sie „dran sind”.
    Die Ochsentour hat leider einen erheblichen Nachteil mit dem Quereinsteiger in der Regel nicht leben müssen: Sie schleift so gut wie jeden brillianten, visionären Menschen ab. Das Produkt ist ein angepasster Machtmensch. Dazu kommt, dass viele die Ochsentour als Karriereleiter begreifen.

    Grundsätzlich stimme ich mit dir überein. Es ist keineswegs so, dass keine Erfahrung für den Job des Berufspolitikers von Nöten wäre wie es an den Stammtischen gerne behauptet wird. Aber zu oft produziert die Ochsentour Menschen wie bspw. Philipp Mißfelder, die genau wissen wie das Spiel funktioniert. Meiner Meinung nach braucht die Politik mehr Quereinsteiger.

  2. SG on 7. August 2009 at 08:09

    Genau so ist es! 100 % Zustimmung. Hinzuzufügen wäre noch, dass Quereinsteiger und Parteilose in Deutschland meistens überschätzt werden. Bei der ersten ernsthaften Koalitions– oder Partei-Krise verhalten sie sich häufig unprofessionell — weil sie’s nicht gelernt haben.

  3. Markus Ritter on 7. August 2009 at 10:09

    Genau das ist übrigens die “Ochsentour” – man lernt in erster Linie die demokratischen Spielregeln.

    wobei die geschriebenen Spielregeln doch schon sehr von den ungeschriebenen abweichen.
    Wenn man mal schaut, welchen Gesetzen bspw. Frau Nahles so zugestimmt hat, oder von mir aus auch die FDP in der Zeit bis 1998,
    wenn man sich anschaut, wie und vor allem wo Entscheidungen getroffen werden (im Koalitionsausschuss sassen teilweise gerade mal 2 MdB),
    wenn man sich anschaut, wie befreit Herr Tauss plötzlich agiert,
    wenn man sich anschaut, dass es (zumindest von aussen) bei einem Kompromiss in der Koalition einfach nur darauf ankommt, dass beide Seiten zurückstecken und nicht darauf, ob das Ergebnis auch sinnvoll ist,
    dann wünsche ich mir eigentlich weniger Berufspolitiker.

  4. Ochsentour « Markus Nagler on 7. August 2009 at 10:14

    […] einen Kommentar » Stimmt schon, die Rede von der “Ochsentur” ist oft nur billige, substanzlose Kritik am normalen […]

  5. Jan on 7. August 2009 at 11:10

    Ich neige eher dazu, Kalle zuzustimmen. Logisch, dass „Ochstentouristen” eine Menge lernen und mit allen Wassern gewaschen sind aber wenn wir in der Politik von einem genug haben, dann sind das Berufspolitiker. Ob man diese Tatsache nun gut oder schlecht finden mag oder es auch nur eine vernünftige Alternative dazu gäbe, scheint mir das regelmäßige Rumgehacke auf dieser Ochsentour dürfte eben darin seine Ursache haben, dass sich der ganz normale Bürger eben eher weniger von jemandem vertreten fühlt, der sich naturgemäß ein gutes Stück vom normalen Leben entfernt hat.

    • Christian Soeder on 7. August 2009 at 12:26

      Was genau ist dieses „normale Leben”? Bürojob von 8 bis 17 Uhr? Am Fließband stehen, Nachtschicht? Mit dem Laptop im Straßencafé arbeiten?

      • Jan on 10. August 2009 at 10:28

        All sowas, ja. Ich merke ja selbst, dass es verschiedene Welten sind, ob man sich nun im Kreis politisch engagierter Menschen oder im normalen Freundeskreis bewegt. Die Diskussionen — die in beiden Kreisen bei mir oft politischer Natur sind — laufen einfach ganz anders und auch die Wahrnehmung von Politik ist eine andere.

      • Markus Ritter on 10. August 2009 at 11:26

        All das, oder vieles andere. Wenn ich mir diverse Politiker-Lebensläufe anschaue, wie z.B. Alvaro, Annen, Mißfelder, Lemke, Nahles, …
        Das sind Menschen, die noch nie in ihrem Leben so etwas wie eine Einkommensteuererklärung für Normalbürger abgeben mussten, die nie in irgendeiner Tätigkeit waren, in der man Chef und Kunden „gefallen” musste, die vermutlich nie existenzielle Sorgen wegen drohender Arbeitslosigkeit hatten, weil die Partei schon für ein Pöstchen sorgt, wenn es mit dem Mandat nicht mehr klappt, Menschen die in ihrem (erwachsenen) Leben noch nie als Beitragszahler in einer gesetzlichen Krankenversicherung gewesen sind, …
        Das mögen alles ganz nette Menschen sein, aber Probleme, mit denen abhängig Beschäftigte und Kleinunternehmer zu kämpfen haben, hatten sie nie. Meines Erachtens merkt man das auch in ihren Entscheidungen (unabhängig von der jeweiligen Partei, in der sie sind).

        Über 100 Abgeordnete des deutschen Bundestags sitzen seit mindestens 1990 im Bundestag, über 20 von ihnen haben noch den Sturz der sozialliberalen Koalition mitbekommen. Ich denke schon, dass man da ein wenig betriebsblind wird.

        • kbojens on 10. August 2009 at 14:06

          …und alle genannten Politiker sind vom Volk gewählt. Entweder mit der Erststimme wie Annen oder mit der Zweitstimme über die Liste wie Mißfelder. Wenn die Wähler diesen Typ von Politiker nicht wünschen, können sie ihn ganz einfach abwählen. Weder die Erst– noch die die Zweitstimme der fraglichen Partei geben und schon ist zum Beispiel jemand wie Mißfelder nicht mehr im Bundestag.

          • Markus Ritter on 10. August 2009 at 14:42

            Für die Zweitstimme bleibt dann keine Partei mehr übrig, die Chancen hat, die 5%-Hürde zu überspringen. Was bei der Erststimme vielleicht noch funktionieren könnte, klappt bei der Zweitstimme auf keinen Fall mehr.

            Es ist wie bei allem, ich wähle das geringere Übel. Ich habe vielleicht die Wahl zwischen einem Schreinermeister, der völlig andere politische Vorstellungen hat als ich und einem Menschen, der zwar vom Leben ausserhalb der Politik keine Ahnung hat, aber wenigstens politisch halbwegs mit mir übereinstimmt.

            Der Einfluss, den man als Nichtparteimitglied auf die Landesliste hat, liegt irgendwo bei Null. Selbst als Parteimitglied muss man es schon als Delegierter auf einen Landesparteitag schaffen. Wenn ich mir mal die SPD-Bawü rausgreifen darf (weil ich da wohne und das hier ja ein SPD-nahes blog ist), dann gab es auf dem Landesparteitag in Singen bei 37 Plätzen gerade mal bei 5 Plätzen eine „Kampf-Kandidatur”, für die sicheren 15 Plätze, die die SPD in Ba-Wü realistisch hat, hatten die Delegierten gerade mal bei 2 Plätzen (9,13) eine echte Wahl. Natürlich hätte man aufspringen und sich selbst vorschlagen können, aber es will ja nicht jeder gleich MdB werden. Bei den anderen Parteien sieht es nicht besser aus.

            Da in meinem Wahlkreis der CDU-Kandidat vermutlich sowieso wieder mit 30%-Vorsprung den Sitz holt, werde ich meine Erststimme dieses Mal jemandem geben, der sich wenigstens darüber freut.

          • Christian Soeder on 10. August 2009 at 16:02

            Die SPD Baden-Württemberg hat bei der letzten Wahl 23 Vertreter in den Bundestag entsandt, und das ist auch dieses Mal das Ziel.

            Und es ist richtig, dass man als Nicht-Parteimitglied keinen Einfluss auf die Landesliste hat. Völlig zu recht! Jede/r hat die Möglichkeit, Parteimitglied zu werden und sich zu beteiligen — das wollen nur die wenigsten. Das ist nämlich mit Arbeit und Mühe verbunden.

        • kbojens on 10. August 2009 at 16:04

          Wobei ich mich übrigens dafür ausspreche, dass auch die Zweitstimme einem ganz bestimmten Kandidaten der Liste gegeben werden kann. Das wäre eine sinnvolle Änderung des Wahlsystems, die man in der kommenden Legislaturperiode in Angriff nehmen sollte.

          • Christian Soeder on 10. August 2009 at 16:16

            Das klingt kompliziert. Wenn man was ändert, dann bitte vereinfachen, also bspw. zusammenlegen von Erst– und Zweitstimme.

          • Markus Ritter on 10. August 2009 at 16:27

            Das klingt kompliziert. Wenn man was ändert, dann bitte vereinfachen, also bspw. zusammenlegen von Erst– und Zweitstimme.

            Oh, bitte nicht dieses unsägliche baden-württembergische Landtagswahlrecht auch noch auf Bundesebene.

  6. Markus Ritter on 10. August 2009 at 16:10

    Die SPD Baden-Württemberg hat bei der letzten Wahl 23 Vertreter in den Bundestag entsandt, und das ist auch dieses Mal das Ziel.

    Ja, aber ihr wollt doch auch Direktmandate. Wenn ich mich nicht verzählt habe, dann hatte die SPD das letzte Mal 4 in Ba-Wü, die muss man schon von der Landesliste abziehen. Da Jörg Tauss mittlerweile als parteilos geführt wird, bin ich fälschlicherweise nur auf 18 Landeslistenplätze gekommen. Asche auf mein Haupt.

    Ich kenne zugegebenermassen nicht die Situation in den Wahlkreisen, in denen das letzte Mal ein SPD-Kandidat gewonnen hat, bzw. in denen der CDU-Kandidat nur knapp vorne lag, aber das ein oder andere Direktmandat mehr erhofft Ihr euch doch (und sei es nur, die Überhangmandate der CDU nicht noch mehr ansteigen zu lassen).

    • Christian Soeder on 10. August 2009 at 16:15

      Die vier Direktmandate muss man nicht abziehen, weil die vier Menschen, die sie geholt haben, auf der Landesliste abgesichert waren. Oder missverstehe ich Dich?

      Und richtig, Direktmandate wollen wir, weil jedes Direktmandat für uns für die CDU ein Überhangmandat weniger bedeutet. ;)

  7. Markus Ritter on 10. August 2009 at 16:24

    Die vier Direktmandate muss man nicht abziehen, weil die vier Menschen, die sie geholt haben, auf der Landesliste abgesichert waren. Oder missverstehe ich Dich?

    Vermutlich nicht, ich hatte nur nicht die Landesliste von 2004 vorliegen und kannte deshalb die Listenplätze der direkt gewählten Kandidaten nicht. Wenn die sowieso alle über die Landesliste eingezogen wären, dann hast Du mit Deinen 23 natürlich recht.
    Bei der anderen Partei die in Baden–
    Württemberg Direktsitze holt, gibt es aufgrund der unterschiedlichen Wahlgremien durchaus die ein oder andere Abweichung (wobei die CDU die Landesliste BW eh nur für den Papierkorb aufstellt, nur über die Liste ist meines (lückenhaften) Wissens nach noch nie jemand in den Bundestag eingezogen).

    • Christian Soeder on 10. August 2009 at 16:33

      Richtig, die CDU-Landesliste ist komplett sinnlos. ;)

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Facebook

Switch to our mobile site