Güldner vs. Internet

Über die Polemik von Matthias Güldner, Fraktionsvorsitzender der Grünen in der Bremischen Bürgerschaft, werden die netz­af­fi­nen Grünen gewal­tig fluchen. Ein paar Höhepunkte:

„Es gab sie lange vor dem Internet und wird sie leider auch geben, wenn eine andere Kommunikationsmode Einzug gehal­ten hat.” „Wer sich in ihre Scheinwelt einmi­schen will, wird mit Massenpetitionen per Mausklick wegge­bis­sen.” „Wer Ego-Shooter für Unterhaltung, Facebook für reales Leben, wer Twitter für reale Politik hält, scheint davon auszu­ge­hen, dass Gewalt keine Opfer in der Realwelt fordert. Anders kann die igno­rante Argumentation gegen die Internetsperren gar nicht erklärt werden.”

Beeindruckend. Güldner schafft es, in einem kleinen Kommentar deut­lich zu machen, dass er erstens keine Ahnung vom Internet hat, ihm das zwei­tens völlig egal ist, er drit­tens Probleme mit Demokratie und poli­ti­scher Beteiligung der Bürger hat, und dass er vier­tens ziem­lich gut darin ist, Wähler zu belei­di­gen.

Meine These ist: Güldner ist in seiner Partei nicht so isoliert, wie es schei­nen mag. Wenn man sich nur die Internetvordenker wie Julia Seeliger anschaut, wird man meine These als lächer­lich abtun — wer sich die Grünen jedoch etwas näher anschaut, weiß, dass esote­ri­sches Gedankengut immer wieder Einzug in offi­zi­elle Dokumente hält. Das Nanny-hafte, das Ziel, alles, was irgend­wie schwie­rig und proble­ma­tisch ist und Probleme geben könnte, den Staat regeln zu lassen, und zwar möglichst umfas­send, ist Teilen der Grünen eben­falls zuzu­ord­nen.

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

7 Gedanken zu „Güldner vs. Internet“

  1. Matthias Güldner mag nicht der einzige unter den Grünen-Mitgliedern sein der so denkt. Gewiss ist er nicht der Einzige unter den Grünen-Wählern — und ich nehme mal an dass er noch Grün wählt, auch wenn von den Bundestagsgrünen keine Stimme für Zensursula kam.

    Er ist Teil einer schwin­den­den Gruppe von inter­net­frem­den Skeptikern, die es in fast jeder Partei gibt — die bei den Grünen aber bereits die Minderheit ist, wie die guten und sinn­vol­len Parteitagsbeschlüsse gegen Internetzensur und „Netzsperren” zeigen, während die Altparteien davon noch eine satte Mehrheit in ihren Reihen haben dürften. Noch.

    Anthroposophisches Gedanklengut gibt es bei den Grünen immer mal wieder. Esoterischeres immer selte­ner. (Und anthro­po­so­phi­sches Gedankengut hat den Wiedereinzug ins EP diesmal verpasst). Einen über­trie­be­nen Hang nach dem Staat zu rufen sehe ich aller­dings, egal was man von Grün21 halten mag, eher bei der SPD (und wenn es um law&order geht bei der CDU), nicht bei den Grünen, bei denen das liber­täre Element durch­aus stärker ist und Aktive wie ich, die im Vierteljahrestakt Unternehmensgründungen fördern, weniger die Ausnahme sind als Industriegewerkschafter aus der Zeit der Deutschland-AG.

    Über Matthias Güldner müssen wir uns, hoffe ich, nicht mehr allzu­lange Gedanken machen. Wer dem Mann nochmal ein Mikrophon vor die Nase hält ist selbser schuld.

  2. Ich teile Christians Einschätung, möchte aber hinzu­fü­gen, dass es solche „Internetverweigerer” (inklu­sive der „mili­tan­ten”, die ihre selt­sa­men Ansichten auch noch in Gesetze gießen wollen) wohl in jeder Partei gibt. Vielleicht in unter­schied­li­cher Häufung — letzt­end­lich handelt es sich aber wohl einfach um ein gesell­schaft­li­ches Problem.

    Ich denke darum, es kommt weniger darauf an, sich über solche Leute in den Chefetagen der Demokratie aufzu­re­gen (was wir natür­lich trotz­dem nicht unter­las­sen sollten) als viel­mehr darauf, auch die Internet-Nichtnutzer für solche Fragen zu sensi­bi­li­sie­ren und denen klar zu machen, worum es geht. Das ist wohl die eigent­li­che Herausforderung. Breitseiten gegen Menschen wie Güldner allein ändern ja leider noch nichts und ich fürchte, zu viele Leute lassen sich da noch allzu­leicht zu einem „hm, kann schon sein” hinrei­ßen, weil ihnen das Internet und vor allem seine akti­ve­ren Nutzer sowieso irgend­wie suspekt sind und sie auch keine Lust haben, sich einge­hend mit damit verbun­de­nen Themen zu beschäf­ti­gen.

    Da gibts noch viel zu tun, wenn wir böse Überraschungen wie bei der Internetzensur künftig nicht mehr erleben wollen.

  3. Noch ein Höhepunkt:

    »Da ist zum Beispiel das Argument, die Sperren könnten umgan­gen werden. Da haben sich einige wohl das Hirn heraus­get­wit­tert. Genauso gut könnte die Tatsache, dass Morde began­gen werden, obwohl sie verbo­ten sind, als Argument gegen den Mordparagraphen im Strafgesetzbuch ange­führt werden.«

    Wirklich haar­sträu­bend! Der Mann hat nichts kapiert. Einen alter­na­ti­ven Nameserver zu nutzen, ist nicht verbo­ten. Und es ist eine Frechheit, demje­ni­gen, der einen alter­na­ti­ven Nameserver nutzt, zu unter­stel­len, er wolle Straftaten begehen oder verde­cken. Abgesehen davon ist der Vergleich schon deshalb über­zo­gen, weil Gewaltverbrechen jegli­cher Art in der soge­nann­ten realen Welt statt­fin­den, nicht aber im Internet.

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