Wer ist hier verlässlich?

„Die FDP kann ein verlässlicher Partner sein — im Gegensatz zur Linkspartei.”

Franz Müntefering

Diese Aussage verdient, so meine ich, eine genauere Betrachtung, bringt sie doch auf den Punkt worum es in der Ampel-vs-Rot-rot-grün-Diskussion geht. Für den Vorsitzenden der Sozialdemokraten geht es um Verlässlichkeit — eine Tugend, die er bei den Freidemokraten vermutet, bei den Linken jedoch nicht.

Zuerst ist zu klären, was genau „Zuverlässligkeit” meint. Ist damit gemeint, dass eine Partei sich artig an Koalitionsverträge, an Wahl-Absprachen, an koalitionäre Geschloßenheit hält? Oder ist damit gemeint, dass eine Partei Ideen vertritt, die gemeinhin als „vernüftig” oder „realistisch” einzustufen sind?

Von Ampeln, sozialliberalen Erfolgsprojekten und der geistig-moralischen Wende

Ampelkoalition, zu deren Bildung es bisher selten kam, zeigen sich allgemein nicht als besonders stabil: 2001 sind die Verhandlungen für eine Ampelkoalition in Berlin gescheitert, die Bonner Ampelkoalition von 2006 hat nicht einmal ein Jahr gehalten, auch in anderen Städten platzen die Verhandlungen. Demgegenüber stehen die stabilen in Koalitionen in Bremen und Brandenburg in den 90er Jahren, die allerdings auch nur jeweils eine Legislaturperiode andauerten.

In einer Ampelkoalition erweisen sich die Differenzen zwischen den Grünen und FDP oft als koalitionsgefärdernd während sozialliberale Konstruktionen deutlich stabiler sind und seit Gründung der Bundesrepublik oft praktiziert wurden, beispielsweise in Rheinland-Pfalz.

Die Zusammenarbeit zwischen Sozialdemokraten und Freidemokraten war zeitweise durchaus fruchtbar und auch harmonisch. Unter Brandt und Schmidt hat die sozialliberale Koalition einige Projekte realisiert, die unter heutigen Vorzeichen allerdings einer Zerreisprobe nahekommen würden. Das bringt uns zum springenden Punkt: Die Scheel-FDP ist nicht die Westerwelle-FDP. Spätestens seit dem spektakulären Wechsel der FDP ins bürgerliche Lager, spätestens seitdem die Freiburger Thesen irgendwo im Keller des Thomas-Dehler-Hauses verrotten — spätestens seit der „geistig-moralischen Wende” muss sich jeder geschichtsbewusste Sozialdemokrat darüber im Klaren sein, dass die FDP das sozialliberale Projekt auf Bundesebene endgültig begraben hat und im Lichte der Ereignisse auch nicht davor zurückschreckt, mitten in der Legislaturperiode die Koalition zu verlassen.

Es lassen sich schließlich auch Beispiele für die Standhaftigkeit der FDP zeigen, zum Beispiel die Tatsache, dass sie nach dem Patt im hessischen Landtag im Januar 2008 sich konsequent einer Ampel verweigert hat, wie sie es vor der Wahl auch versprochen hatte, und dem ein Jahr diffuse „hessische Verhältnisse” vorgezogen hat. Dennoch ist eine besondere Verlässlichkeit in Bezug auf die Zusammenarbeit mit der SPD jedenfalls nicht festzustellen, das sollte uns das Trauma der sozialliberalen Koalition lehren.

Das Magdeburger Modell, Klaus Wowereit und die ewige Personalfrage

Ist die Linkspartei denn unzuverlässig? Der Landesverband Berlin der Linkspartei arbeitet seit einiger Zeit äußerst erfolgreich mit der SPD zusammen. Hier schafften es die dunkelroten Genossen sogar, eine Personalie wie Thilo Sarrazin mitzutragen, der ihr Kernklientel, das „faule arbeitslose Pack” regelmäßig beleidigt. Rot-rot-grüne Experimente gab es bisher in Deutschland auf Landes– oder Bundesebene nicht — sieht man vom sogenannten Magdeburger Modell ab, das eine rot-grüne Regierung unter Tolerierung der Linkspartei vorsieht. Eine eingehendere Betrachtung der vergangenen rot-roten Koalitionen lohnt jedoch. Es ist dabei festzustellen, dass eine solche Koalition im Allgemeinen stabil ist und eine zuverlässige Zusammenarbeit ermöglicht. Von 1998 — 2006 regierte im Schweriner Landtag eine rot-rote Koalition, Klaus Wowereit entscheidet sich in Berlin lieber für eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei als für die Grünen.

Praktische Probleme bei der Zusammenarbeit zwischen den roten und den dunkelroten Genossen zeigen sich vorallem in Personalfragen, wo eine Zusammenarbeit nicht an inhatlichen Punkten festgemacht wird sondern an der Frage, wer den Ministerpräsidenten stellen darf. Das zeigt sich aktuell im Saarland. Die SPD, gewöhnt an ihren Führungsanspruch schafft es regelmäßig nicht, über ihren Schatten zu springen und einen Ministerpräsidenten der Linkspartei zu wählen — lieber springt sie als Juniorpartner in das vertraute Boot der Großen Koalition. Die groteske Verhöhnung der inhaltlichen Priorität vor sekundären Personalfragen ist leider bittere Realität.

Sowohl rot-rot-grüne als auch rot-rote Koalitionen sind eher selten vorzufinden. Das wirft eine Frage auf: In wiefern lässt sich die Zuverlässigkeit der Linkspartei beurteilen wenn diese bisher kaum Gelegenheit hatte ihre Verlässlichkeit überhaupt unter Beweis zu stellen? Da drängt sich der Verdacht auf, dass die Verlässlichkeit vorrangig aufgrund von Vermutungen und Spekulationen bewertet wird.

Ist „Verlässlichkeit” ein inhatliches Kriterium?

Nach Betrachtung der real auffindbaren Koalitionen ist entweder zu erwarten, dass Franz Müntefering’s Bewertung unüberlegt ist oder aber eine Verdrehung der Tatsachen darstellt. Es ist festzustellen, dass die FDP in der Regierungszusammenarbeit keineswegs übermäßig zuverlässig auftritt und die Linkspartei keineswegs die unberechnbare irre Sekte ist, als die sie gelegentlich dargestellt wird. Mitunter ist die Realität um einiges nüchterner als die Presse und hysterische Zeitgenossen es uns einreden wollen.

Es beschleicht mich zunehmend der Gedanke, dass „Verlässlichkeit ” als rein inhatliches Kriterium gemeint ist. Ist die Linkspartei deshalb nicht verlässlich, weil sie radikale Forderungen wie einen Mindestlohn von 10€ oder eine außenpolitische 180-Grad-Wende fordert? Ist die FDP deshalb verlässlich, weil ihr wesentlicher Forderungsdreiklang — Steuersenkung, Sozialkürzung, Haushaltssanierung — altbekannt ist und nach allgemeiner Sicht nicht radikal ist?

Wenn dem so ist, dann ist das Wort „verlässlich” unangebracht. Es müsste vielmehr darum gehen, mit welche Partei inhatlich am ehesten Kompromisse eingegangen werden können, welche Partei beweglicher ist und auf die SPD zukommen kann. Dass das die FDP sein soll ist nicht gesagt.

Eine vernüftige Außenpolitik mit Westerwelle? Oder doch lieber Mindestlöhne mit Gysi?

Wenn auf inhatlicher Ebene argumentiert werden soll bietet sich ein Vergleich der Positionen von FDP, Linkspartei und SPD an.

Exemplarisch bietet sich die Mindestlohn-Frage an, ein zentrales Projekt eines zukünftigen sozialdemokratischen Kanzlers. SPD und Grüne fordern ihn in Höhe von 7,5€. Die Linke setzt einen drauf und schraubt die Forderung auf 10€ hoch — aus durchaus populistischen Beweggründen. Die FDP dagegen lehnt ihn rigoros ab. Die Geimeinsamkeiten zwischen Linkspartei und SPD sind hier natürlich deutlich stärker. In einer Verhandlung wäre ein Wert von unter 8€ zu erwarten, auch wenn sich darüber nur schwer spekulieren lässt. Sicherlich jedenfalls wird sich die Linke nicht auf den absoluten Wert versteifen, viel wichtiger ist es, überhaupt einen gesetzlichen und flächendeckenden Mindestlohn einzuführen. Mit der FDP dagegen wäre höchstens eine Fortführung des momentanen Flickenwerks an ineffizienten Gesetzestexten möglich, und auch das würde enorme Spannungen in der Koalition bedeuten.

Auch in anderen zentralen Politikfeldern, besonders in der Wirtschafts– und Sozialpolitik setzt sich dieses Muster fort. Die FDP nimmt regelmäßig eine diametral gegenüberliegende Position ein, die Linke dagegen radikalisiert die Forderungen der SPD. Wie sagte schon Bill Clinton: ” It’s the economy, stupid!” Die Wirtschaftspolitik ist der wichtigste Politiksektor. Die FDP ist gegen Mindestlöhne, die FDP ist gegen eine Erhöhung der Hartz-Sätze, die FDP ist gegen eine Ausweitung des Sozialstaates, die FDP ist für Studiengebühren. Damit ist nicht gesagt, dass mit ihr keine Kompromisse eingangen werden können, doch diese Kompromisse werden keinen Fortschritt zur jetzigen Situation darstellen. Sie können auch mit der CDU erreicht werden. Ein Richtungswechsel ist mit der FDP an Bord nicht möglich. Mit der Linkspartei können Einigungen erzielt werden weil im Gegensatz zur FDP nicht über das OB gestritten werden muss sondern über das WIE.

Anders stellt sich die Situation in der Außenpolitik dar. Hier nimmt die Linkspartei eine extreme, fast gefährliche Position ein. Sie fordert einen Rückzug des Bundeswehr aus jeglichen Friedenseinsätzen, will das Verhältnis zu USA und NATO auf den Kopf stellen, bekämpft den Vertrag von Lissabon. Die FDP dagegen zeigt auf außenpolitischer Ebene eine verlockende Programmatik, die sich mit sozialdemokratischen Forderungen weitgehend deckt und das Attribut „verlässlich” im obengenannten Sinne tatsächlich verdient. In Politikfeldern wie der Bildungs– oder Gesellschaftspolitik zeigen sowohl FDP als auch Linkspartei gute Ansätze, mit beiden Parteien wären akzeptable Kompromisse möglich.

Populismus und Fundamentalopposition

Der Vorwurf an die Linkspartei wird oft mit deren übersteigerten Populismus, mit bisweilen fundamentaloppositionellen Einstellungen unterstrichen. Es stellt sich jedoch die Frage, in wiefern dieser Populismus eine wirkungsvolle Zusammenarbeit tatsächlich verhindern kann. Der Landesverband Berlin der Linkspartei wurde innerhalb kürzester Zeit domestiziert — indem man ihm Regierungsverantwortung zugestanden hat. Vereinfacht gesagt: Wer nie Regierungsverantwortung gespürt hat kann das Blaue vom Himmel fordern. Sobald man ihn aber in die Veranwortung zwingt wird er feststellen, dass die Realität meistens Pragmatismus, Realismus und eine gehörige Portion Anpassungsfähigkeit fordert. Auch auf bundespolitischer Ebene wäre eine solche Entwicklung der Linkspartei durchaus vorstellbar, dafür müsste der Linkspartei allerdings die Chance gelassen werden. Provokant gefragt: Wer hätte den langhaarigen Hippies im Strickpullover aus den 80er Jahren zugetraut, 20 Jahre später einmal die Bundeswehr in Auslandseinsätze zu führen?

Der Zug für 2009 ist abgefahren. Die Chance liegt in 2013. Bis dahin muss ein jeder aufgeklärter Sozialdemokrat dafür kämpfen, dass die mediale Verunglimpfung der Linkspartei endlich gestoppt wird. Die SPD lässt sich von den sogenannten Bürgerlichen an der Nase herumführen. Die strukturelle linke Mehrheit im Bundestag ist vorhanden, sie wird nur nicht genutzt. Flächendeckende Mindestlöhne sind möglich, sie werden aber nicht realisiert. Solange aber die Herren Müntefering und Lafontaine ihre perönlichen Eitelkeiten und ihre gegenseitige Abneigung mit aller Kraft auf ihre jeweiligen Parteien projezieren wird der soziale Fortschritt aufgehalten und der politische Stillstand in Deutschland zementiert. Mit der FDP können wir die Gesellschaft liberaler machen — die Wirtschaft regulieren können wir mit ihr nicht. Die SPD macht sich angreifbar, ja sogar erpressbar, wenn sie sich der FDP ausliefert und ihr signalisiert, dass man auf sie angewiesen ist. Eine 25%-Partei, die den Anspruch hat, den Kanzler zu stellen, muss die Chancen des deutschen Fünf-Parteien-Systems nutzen — Die Sozialdemokratie ist beweglich, pragmatisch und offen nach beiden Seiten hin. Hier liegt unser Vorteil gegenüber der CDU. Hier liegt unsere Zukunft.

Die Linkspartei kann ein verlässlicher Partner sein. Müntefering hat das nicht verstanden.

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8 Kommentare

  1. Erstellt am 9. Juli 2009 um 14:47 | Permanent-Link

    Das andere muss ich erst mal komplett lesen und verstehen, deshalb vorneweg nur ein kleiner Teilaspekt:

    Exemplarisch bietet sich die Mindestlohn-Frage an, ein zentrales Projekt eines zukünftigen sozialdemokratischen Kanzlers. SPD und Grüne fordern ihn in Höhe von 7,5€. Die Linke setzt einen drauf und schraubt die Forderung auf 10€ hoch – aus durchaus populistischen Beweggründen.

    10 EUR sind doch selbst der SPD zuwenig. Wenn man sich die Forderung aus dem Europawahlkampf anschaut: Da wurden 60% des jeweiligen nationalen Durchschnittslohns als Mindestlohn gefordert. In Deutschland wären wir dann so bei 11 EUR die Stunde.

    Ich würde ja links anbieten, aber dann schmeisst mich akismet wieder in den Spam-Filter :-)

    • Kalle Kappner
      Erstellt am 9. Juli 2009 um 15:46 | Permanent-Link

      Ich halte das, was Nadim zu dem Thema schon gesagt hat, für richtig: Es geht nicht so sehr darum, eine höhe des Mindestlohns festzulegen. Ob jetzt bei 7,50€, bei 10€ oder bei 60% des jeweiligen nationalen Durchschnittlohns — das macht natürlich viel aus, wichtiger aber noch ist die Frage ob es überhaupt Mindestlöhne gibt. Von Überbiertungswettläufen in dieser Frage halte ich garnichts.

      • Erstellt am 9. Juli 2009 um 16:20 | Permanent-Link

        Aber wo soll er liegen?

        Ich bin der Meinung, dass sich beide Seiten zu sehr auf eine Seite der Medaille beschränken.

        Gerade im Dienstleistungssektor kommt man durch AG-Sozialabgaben, Mehrwertsteuer, bezahlte Krankheits– und Urlaubstage etc auf einen Overhead von 100–150% ohne, dass sich irgendjemand auch nur im entferntesten bereichert. Auf Basis des Nettolohns (der ja das eigentlich entscheidende ist) liegt man locker bei 200–250%.

        Bei einem Bruttomindestlohn von 7,50 EUR kommen beim Arbeitnehmer 5,60 EUR an. Bezahlen muss der Auftraggeber eines Babysitterdienstes, der Haushaltshilfe, des Gärtners mindestens 18 EUR (bei Bedarf kann ich die Rechnung gerne ausführlich machen, aber bei 18 EUR hat sich wirklich keiner die Hosentaschen vollgestopft).
        Wenn man für den Babysitter während des Kinobesuchs 70 EUR zahlen muss, wenn die Omma für die 2 Stunden Haushaltshilfe pro Woche im Monat 160 EUR ihrer Rente abdrücken muss, dann wird das nicht geschehen, sondern das wird komplett in die Schattenwirtschaft gedrückt.
        Wenn ich über 3 Stunden arbeiten muss, damit ich mich mir eine Stunde leisten kann (und wir reden hier über einen Bereich, in dem noch fast keine Einkommensteuer anfällt), dann fehlt vermutlich vielen das Verständnis.

        Man sollte ein Konzept entwickeln, das abseits der Stereotype
        „Für soviel Geld stellt niemand Arbeitnehmer ein„
        bzw.
        „Von sowenig Geld kann niemand leben„
        liegt.
        Momentan haben nämlich beide Recht, aber Recht zu haben alleine bringt uns nicht weiter.

  2. Erstellt am 9. Juli 2009 um 15:04 | Permanent-Link

    Das wichtigste Kriterium gegen eine Ampel bleibt natürlich, dass die FDP sie gar nicht will, in Summe nicht, von der Spitze aus nicht und ich persönlich kenne auch niemanden dort, der sie sich im September herbeiwünschen würde. Bei den Grünen scheint das ähnlich zu sein — nur die SPD fände eine zusätzliche Perspektive verständlicherweise ganz interessant, wo sie doch zu klein ist für eine kleine Koalition.

    Ein paar inhaltliche Ergänzungen zu diesem Teil:

    Die Wirtschaftspolitik ist der wichtigste Politiksektor. Die FDP ist gegen Mindestlöhne, die FDP ist gegen eine Erhöhung der Hartz-Sätze, die FDP ist gegen eine Ausweitung des Sozialstaates, die FDP ist für Studiengebühren.”

    - Wirtschaftspolitik scheint mir momentan für praktisch jede Partei der wichtigste Sektor zu sein, nicht nur für die FDP. Die Konzepte sind natürlich andere aber den Staat zum Retter der Wirtschaft machen zu wollen bleibt ja trotzdem irgendwo Wirtschaftspolitik.

    - Das Bürgergeldkonzept der FDP dürfte bei konsequenter Umsetzung für die meisten Geringverdiener, Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger große Vereinfachungen bedeuten. Es geht dabei um eine Weiterentwicklung des Hartz-Konzeptes — die sich vermutlich mit einer Erhöhung der Sätze sogar kombinieren ließe. Differenzen an dieser Stelle wären meines Erachtens in einer Koalitionsverhandlung eher kleine Hürden.

    - Studiengebühren sind Ländersache und bleiben das trotzdem damit im Bund oder zur Europaparlamentswahl Wahlkampf betrieben wird. Realpolitisch spielen sie für eine Bundesregierung aber keine Rolle.

    • Kalle Kappner
      Erstellt am 9. Juli 2009 um 15:54 | Permanent-Link

      Du hast recht, die Ampel will eigentlich auch fast keiner, jedenfalls nicht die Basis der drei betreffenden Parteien.
      Ich halte Wirtschaftspolitik nicht nur momentan für den wichtigsten Politiksektor sondern allgemein. Die wirtschaftlichen Verhältnisse sind immernoch das Kriterium, das eine Gesellschaft am stärksten definiert.
      Zum Bürgergeldkonzept: Dazu kann ich nicht viel sagen, es könnte tatsächlich sein, dass sich hier Einigungen finden lassen. Ich will nur exemplarisch klarmachen, dass die FDP sich gegen eine Besserstellung von Arbeitslosen sträubt, das hat Westerwelle unmissvertändlich klargemacht. Tatsache ist auch, dass die Grünen und die SPD das Bürgergeldkonzept ablehnen.
      Studiengebühren sind in der Tat Ländersache, nichtsdestotrotz zeigt diese Frage die ideologische Lücke zwischen FDP und SPD auf, auch wenn darüber mangels Zuständigkeit nicht verhandelt werden müsste.

  3. Jan 2
    Erstellt am 9. Juli 2009 um 18:39 | Permanent-Link

    Nur zum Thema Mindestlohn: angepeilt sind 60% des MEDIANS des Nettoäquivalenzeinkommens des jeweiligen Landes, da man unter dieser Schwelle von Armut bedroht ist. Dies ist jedoch ein himmelweiter Unterschied zu 60% vom Durchschnittslohn.
    Als zweites: Die Stereotype: Für soviel Geld stellt niemand jemanden ein. stimmt so nicht. Wenn man sich mit dem Thema beschäftigt wird man ganz schnell erkennen, dass es in keinem Land zu einer Verschlechterung der Beschäftigungsbilanz gekommen ist, sondern die Einführung zu einer positiven Entwicklung geführt hat.
    Als drittes:von einem Overhead von 150% in Deutschland zu sprechen stimmt auch nicht mehr…da hat sich in den letzten Jahren einiges getan.
    Als Viertes: Die Oma mit der Haushaltshilfe und der Babysitter werden niemals 70€ für zwei Stunden kosten, da es in Deutschland immerhin sowas wie 400€ und 800€ Jobs gibt, die nur sehr geringe Abgaben beinhalten.

    Als letztes: Wenn man sich den Niedriglohnsektor insgesamt anschaut, wird man sehr schnell merken, dass in diesem Bereich mitnichten nur schlecht qualifizierte Menschen arbeiten, die meisten zeichnen sich darüber hinaus durch eine hohe Produktivität und erstaunliche Flexibilität aus. Aber sie verdienen einfach zu wenig!
    Du kannst keinem Menschen begreiflich machen, dass er 40 Stunden die Woche für einen Hungerlohn arbeitet.

  4. Erstellt am 10. Juli 2009 um 09:02 | Permanent-Link

    Nur zum Thema Mindestlohn: angepeilt sind 60% des MEDIANS des Nettoäquivalenzeinkommens des jeweiligen Landes,

    Dann sollte man das auch schreiben.

    Constanze Krehl, MdEP schreibt auf ihrer Homepage „Unterschiedliche Lohnniveaus sind hier kein Hemmnis, die Mindestlöhne könnten mindestens 60 Prozent der jeweiligen durchschnitlichen Durchschnittslöhne betragen.”

    Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden, aber nicht einfacher, um mal Einstein zu zitieren.

    da man unter dieser Schwelle von Armut bedroht ist.

    Das gilt auch nicht für jedes Land und jede Situation, aber lassen wir das mal aussen vor.

    Man kann zwar für jede Haushaltsgrösse die „Armutsschwelle” berechnen, aber wie macht man daraus dann einen Mindestlohn? Bezogen auf den Einzelhaushalt?

    Als drittes:von einem Overhead von 150% in Deutschland zu sprechen stimmt auch nicht mehr…da hat sich in den letzten Jahren einiges getan.

    Was denn genau? Ich kann Dir meine Rechnung gerne zeigen

    http://blog.markus-ritter.de/2006/02/25/mindestlohndebatte-in-deutschland/

    http://blog.markus-ritter.de/2007/05/25/doch-kein-skandal-bei-der-spd/

    Du kannst mir ja sagen, wo ich zu hohe Werte einsetze.

    da es in Deutschland immerhin sowas wie 400€ und 800€ Jobs gibt, die nur sehr geringe Abgaben beinhalten.

    Für den Arbeitgeber?
    Es gibt viele Menschen, die nicht selbst zum Arbeitgeber werden wollen und die deshalb auf Unternehmen zurückgreifen (alleine schon, um eine gewisse Kontinuität während Krankheit, Urlaub des AN zu haben).

    Firmen zahlen für 400 EUR-Minijobs eine Pauschalabgabe von 30%, ein Minijobber hat Anspruch auf Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall (auch wenn der AG am U1-Verfahren teilnimmt, muss da ein gewisser Betrag kalkuliert werden) er hat Anspruch auf bezahlten Urlaub, es gibt Zeiten, die nicht direkt einem Auftraggeber verrechnet werden können, Mehrwertsteuer wird natürlich auch fällig, sobald der Betrieb mal über 17’500 EUR pro Jahr umsetzt.

    Du kannst keinem Menschen begreiflich machen, dass er 40 Stunden die Woche für einen Hungerlohn arbeitet.

    Wenn selbst bei demjenigen, der noch fast keine Steuern bezahlt nur ein Drittel dessen ankommt, was sein Auftraggeber bezahlt hat, dann ist das meines Erachtens nicht die Schuld des Auftraggebers.

    • Jan 2
      Erstellt am 10. Juli 2009 um 20:06 | Permanent-Link

      Das ist schon spannend wie man selektiv Sachen herausgreifen kann bei einer Diskussion ;-)

      bei der Diskussion um das Nettoäquivalenz hast du mit der Vereinfachung leider recht.

      Nichts destotrotz bedeutet das Nettoäquivalenzeinkommen bedeutet doch gerade, dass man unabhängig von der Haushaltsgröße Einkommen pro Person berechnen kann. Diese Schwelle wird von allen internationalen Organisationen als Armutsschwelle anerkannt, also ist sie anscheinend doch allgemeingültig…

      Mit der Definition sollta man sich erst beschäftigen.…bevor man etwas behauptet.

      So das wäre das erste …der Rest Morgen wenn ich wieder fit bin :-)

Ein Trackback

  1. Von Christian Soeder am 8. Juli 2009 um 23:16

    [rotstehtunsgut] Wer ist hier verlässlich?: “Die FDP kann ein verlässlicher Partner sein &.. http://bit.ly/hy64F

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