Die Bundeskanzlerin hat heute die ersten Tapferkeitsmedaillen an deutsche Soldaten verliehen. Bereits im Vorfeld wurde von verschiedenen zivilgesellschaftlichen Gruppierungen und den (noch) gesellschaftlich links zu verordnenden Oppositionsparteien darauf hingewiesen, dass hiermit nach über 60 Jahren Ende des Nationalsozialismus ein weiterer Schritt zurück zu autoritär-militaristischen Traditionen gemacht wird. Sowohl CDU als auch führende Politiker der SPD unterstützten jedoch die Einführung dieser Auszeichnung.
Die Frage nach der Berechtigung dieser Auszeichnung wird von Befürwortern unmittelbar mit dem militärischen Einsatz der Bundeswehr in Gebieten außerhalb Deutschlands verknüpft. Doch diese Argumentation ist insofern wacklig, als diese Auslandseinsätze selbst nach wie vor nicht unumstritten und auch nicht unbedingt beliebt sind. Man muss schon einmal von der Richtigkeit der Auslandseinsätze (insbesondere in Afghanistan) überzeugt sein, um auch der Verleihung dieser neuen Auszeichnungen zuzustimmen.
Doch selbst wenn man sich mit einem Einsatz in Afghanistan arrangiert, bleiben Zweifel an der Signalwirkung solcher neu geschaffenen Auszeichnung, die als Ersatz für das seit 1945 auf Eis gelegte Eiserne Kreuz aufgelegt wurde. Die Frage ist, hat eine demokratische, zivilgesellschaftlich gefestigte und freiheitliche Gesellschaft dies nötig? Ja – wenn sie in der Krise steckt. Auszeichnungen dieser Art sollen immer Vorbilder schaffen, stolz auf Taten von engagierten Staatsbürgern und Soldaten machen und patriotische Gefühle wecken. Die Motivation durch Orden und Auszeichnungen sind immer auch ein Zeichen für mangelnde Möglichkeiten anderweitiger Bedürfnisbefriedigungen. Makaber ist, dass ausgerechnet Angela Merkel, als FDJlerin geschult in der Auszeichnungswut des autoritären DDR-Alltags, in ihrer Regierungszeit die Vergabe von Orden öffentlichkeitswirksam vermarktet.
SoldatInnen von Berufswegen haben seit Einführung der Auslandseinsätze einen Steigerung der Gefahr für Leib und Leben zu befürchten, die die Attraktivität des Berufes deutlich schrumpfen lässt. Vorwiegend nach der Schule berufsbezogen orientierungslose, oft genug ostdeutsche junge Menschen haben sich bisher, angelockt durch gutes Geld und geschicktes Marketing des „Arbeitgebers“ Bundeswehr, für den Militärdienst längerfristig verpflichtet, um am Versprechen von beruflicher „Sicherheit“ zu partizipieren. Doch mit der beruflichen Sicherheit ist es in doppelten Sinne bei der Bundeswehr nicht mehr weit her. Üppige Gehälter und Versprechungen nicht mehr ausreichend zur Rekrutierung, es muss offensichtlich mit öffentlicher Ansehenssteigerung nachgeholfen werden.
In jüngster Vergangenheit wird sich oft beschwert, dass in der Bevölkerung ein Mangel von „Anerkennung“ gegenüber den dienenden SoldatInnen zu verzeichnen sei. Aus Sicht der Bevölkerung ist das nicht unverständlich, denn wer kann schon nachvollziehen, warum Milliarden an Rüstungsausgaben in die buchstäbliche Wüste gesetzt werden, während einem zu Hause Wirtschaft und Sozialstaat um die Ohren fliegen. Mythen wie der „Zurmannwerdung“ bei der Armee und „Man kann nur richtig führen, wenn man selbst zu folgen gelernt hat.“ sind in der Bevölkerung aber auch nach wie vor verbreitet und sicher ein fruchtbarer Boden für Werbemaßnahmen der Bundeswehr (früher auch Militärpropaganda genannt).
Doch selbst die USA zeigen, dass sich hiermit nicht genügend qualifizierte Menschen finden lassen, wenn ein Krieg nicht offensichtlich gut begründet ist. Eine Demokratie kann von den sie ausmachenden Menschen erwarten, dass sie sie verteidigen, das liegt im Interesse jeder/s Demokratin/en. Aber wenn den Menschen nicht klar ist, ob sie bei exterritorialen Konflikten ihre Demokratie tatsächlich verteidigen oder sie vielleicht auch gar keine Veranlassung mehr sehen, in die bestehenden militärischen Strukturen tatsächlich noch die Interessenvertretung der Landesverteidigung hineinzuinterpretieren (Stichwort Wehrdienst), dann hilft auch alle Propaganda nicht mehr. Dann hilft nur noch eins, nämlich die verzweifelten unteren Klassen der Gesellschaft zu rekrutieren und in den Krieg zu schicken. Noch aber befindet sich in Deutschland, anders als in den USA, niemand in der Notlage seinen Lebensunterhalt mit Militärdienst zu verdienen. Und ob sich in einer insgesamt noch gut gebildeten und starken Demokratie viele Menschen finden werden für zweifelhafte Ehrungen dem Tod „tapfer“ entgegen zu gehen bleibt fraglich. Insofern wird die Charme Offensive der im Ausland aktiven Bundeswehr einmal nicht bei Ordensvergaben stehen bleiben können. Andererseits werden die sozialen Zukunftsaussichten unseres Landes für diesen Arbeitgeber bereits von selbst mehr Vorteile als Nachteile bieten.


Ich begrüße die Einführung der Tapferkeitsmedaille ausdrücklich. Ich sehe die Bundeswehr, offensichtlich im Gegensatz zu Dir, aber auch nicht als Hort des Bösen an.
da verstehen wir uns miß, ich sehe die Bundeswehr nicht als „Hort” des Bösen, in ihrer aktuellen Struktur aber als Teil und Ausdruck einer verfehlten Gesellschaftspolitik.
Dann hättest du das vielleicht besser zum Ausdruck bringen sollen. Was du da schreibst ist eine rein auf sozio-ökonomisch, monetäre Betrachtung, ohne jede Menschlichkeit. Auch wenn es nicht in deinen Kopf oder dein Weltbild passt, es gibt bei der Bundeswehr jede Menge Leute, die nicht wegen des Geldes oder der Perspektivlosigkeit den Kopf hinhalten, sondern aus Idealismus. Die sagen, es ist das Risiko wert, wenn sie dafür dazu beitragen können, die Situation der Frauen in Afghanistan zu verbessern.
Damit können sie natürlich falsch liegen, keine Frage. Aber unseren Respekt und gegebenenfalls eine Auszeichung haben sie allemal verdient.
Ich glaube, man kann diesen Tapferkeitsorden auch dann kritisch sehen, wenn man die Bundeswehr und deren Auslandseinsätze befürwortet. Zum einen scheint diese Medaille ein Mittel zu sein, der Bevölkerung in Zeiten schwindender Zustimmung zum Afghanistan-Einsatz durch solche öffentlichkeitswirksame Aktionen eine andere Sichtweise einzuimpfen. „Schaut her, unsere Helden”. Positiv ist, dass auf militärischen Pomp verzichtet wurde und außerdem verdienen meines Erachtens Soldaten für außergewöhnliche Taten auch Lob und Anerkennung, auch abseits der Diskussion, inwiefern der Einsatz jetzt nötig, gerechtfertigt oder sonstwas ist. Ob dies allerdings mit einem an das Eiserne Kreuz historisch (und auch optisch angelehnten) Orden passieren muss?
Etwas Neues „anlehnungsfreies” wäre unbelasteter gewesen, sehe ich auch so.