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Der 77-Millionen-Mann

28. Mai 2009
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Porsche verliert wohl bald seine Eigenständigkeit und ist durch die fehlgeschlagene VW-Übernahme hoch verschuldet, und Wendelin Wiedeking erhält ein Gehalt von 77 Millionen Euro. 77 Millionen!

Bin ich der Einzige, der das seltsam findet?


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14 Responses to Der 77-Millionen-Mann

  1. Kalle Kappner on 28. Mai 2009 at 16:29

    Seltsam ist es, aber etwas besonderes ist es nicht. Jeden zweiten Tag liest man in der Zeitung eine Schlagzeile in der Form „Manager X erhält Boni in Höhe von Y!”

  2. Markus Ritter on 28. Mai 2009 at 16:31

    Nein, ich finde es auch seltsam, zumal wenn man bedenkt, dass ein Grossteil des Gehalts auf die Bewertung des VW-Aktienbestandes zurückgeht, der mehr als flüchtig sein kann.

    Aber was möchtest Du denn gerne gesetzlich ändern? Höchsteinkommen für abhängig Beschäftigte? Um Schaden von genau wem abzuwenden?

    Ich fand es übrigens auch seltsam, dass die HSH, die durch eine milliardenschwere Finanzspritze von Schleswig-Holstein und Hamburg vor der Insolvenz gerettet werden musste, einen Bilanzgewinn ausgewiesen hat (was zu einem Kapitalabfluss durch stille Einlagen und Genussscheinen geführt hat).
    Die Bilanzierungsregeln und die Ausschüttung von Scheingewinnen (z.B. bei der von Herrn Müntefering privatisierten Tank&Rast oder der Ex-Bundesdruckerei) halte zumindest ich für eine viel grössere Gefahr als die Gehälter einzelner Manager in der Konzernspitze.

    • Christian Soeder on 28. Mai 2009 at 22:57

      Leider habe ich keine Patentlösung zu bieten. Ich finde, man darf einen Sachverhalt auch einmal einfach nur seltsam bis fragwürdig finden, ohne gleich eine Lösung liefern zu können.

      • Markus Ritter on 29. Mai 2009 at 09:51

        Sicherlich, das geht vermutlich jedem so. Im gleichen Zeitraum (das Gehalt ist AFAIK das vom letzten Jahr) hat Porsche übrigens 1,837 Milliarden EUR an die diversen Finanzämter überwiesen und 620 Millionen EUR an die übrigen Mitarbeiter (die inkl. freiwilligem Bonus an die 15 Monatsgehälter bekommen) und die Sozialkassen.

  3. Nadim Ayyad on 28. Mai 2009 at 23:17

    Wiedeking ist einer der wenigen Manager bei dem mich die exorbitant hohen Löhne eher weniger empören. Er hat den Laden übernommen, als er kurz vor der Pleite stand und zeigt sich auch ab und an mit vernünftigen Äußerungen in der Presse. Seine Rolle damals sollte nicht unterschätzt werden.

    Man muss Manager auch nicht verdammen, nur weil sie Geld verdienen. Es geht nicht um hohe Steuern für Reiche, weil es ihnen nicht gegönnt wird, sondern es geht um hohe Steuern für wohlhabendere Bürger, damit der Sozialstaat aufrecht erhalten und die gesellschaftlichen Diskrepanzen ausgeglichen werden können. Starke Schultern müssen mehr tragen als Schwache, weil die schwachen Schultern die Untersützung der Gemeinschaft brauchen.

    Und wenn in seinem Unternehmen auch der „kleinste Arbeiter” ein vernünftiges Gehalt — ich denke da hier auch an die Bonuszahlungen aus den letzten Jahren! — erhält, von welchem er leben und seine Familie vernünftig ernähren kann, dann kann der Vorstandsvorsitzende so viel verdienen wie er will.

    • Christian Soeder on 28. Mai 2009 at 23:23

      Ich habe die Vorgeschichte nicht vergessen, keine Sorge. Fakt ist jedenfalls: der waghalsige Porsche-Kurs ist gescheitert, wobei dieser ja angeblich ein Baby von Wiedeking war. Da ist die Frage schon angebracht, wie das Gehalt zu rechtfertigen ist.

      Früher hatte ich auch keine Probleme mit exorbitant hohen Löhnen. Seltsamerweise sträubt sich mein Empfinden mittlerweile massiv dagegen, ohne dass ich etwas dagegen tun könnte. Ich bin wohl linker geworden. (Ein längerer Beitrag dazu ist gerade in Vorbereitung.)

    • Kalle Kappner on 29. Mai 2009 at 09:41

      Dieser Einschätzung muss ich leider widersprechen und altgediente Sozialdemokraten würden sich wahrscheinlich im Grab umdrehen, wenn sie das hören könnten.

      Der Staat hat nach sozialdemokratischer Auffassung nicht die Aufgabe, Besserverdienende stärker zu belasten bloß weil er temporär Geld braucht. Er hat vielmehr die Aufgabe, Besserverdienende prinzipiell höher zu besteuern (so wie es in unserem Steuersystem auch verwirklicht ist) und zwar auch um der sozialen Gerechtigkeit willen.

      Progressive Besteuerung geschieht nicht nur des Geldes wegen sondern vorallem um soziale Ungleichheit auszugleichen, das ist die zentrale Forderung der Sozialdemokratie. Insofern kann ich der Aussage, dass, solange der normale Arbeitnehmer genug verdient, der Manager soviel verdienen kann wie er will, nicht zustimmen!

      Platt ausgedrückt: Man nimmt den Reichen Geld weg und verwendet es um die Armen besserzustellen, was im Endeffekt zu Lohn– oder zumindest Lebenstandard-Angleichung führt.
      Ich sehe den Staat folglich nicht in der Rolle, Reiche höher zu besteuern weil es grade an Geld fehlt. Ich sehe ihn generell in der Rolle, Reiche höher zu besteuern um soziale Ungleichheit — ein sehr starker Sprengstoff — auszugleichen, die das kapitalistische System produziert.
      Inwieweit soziale Ungleichheit ausgeglichen werden muss ist eine andere Frage. Da lasse ich mich gerne auf Diskussionen ein und ich gehöre auch nicht zu denen, die der Meinung sein, dass (sowieso fiktive) absolute soziale Gleichheit erstrebenswert ist. Ich stelle aber fest, dass das Maß an sozialer Ungleichheit zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu hoch ist.

      In Ermangelung eines besseren Begriffes bezeichne ich Reichenbesteuerung also auch als Selbstzweck — sie hat nicht nur das Ziel, Diskrepanzen auszugleichen, also Arme über der Armutsgrenze zu halten. Sie hat auch das Ziel die soziale Ungleichheit stark zu vermindern. Insofern ist Menschen mit exorbitant hohem Einkommen ihr Einkommen nicht zu gönnen. Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt ist ein schlechtes Kriterium zur Bewertung von Arbeitslöhnen. Da werden mir mit Sicherheit auch die meisten Konservativen zustimmen.

      • Markus Ritter on 29. Mai 2009 at 10:48

        Progressive Besteuerung geschieht nicht nur des Geldes wegen sondern vorallem um soziale Ungleichheit auszugleichen, das ist die zentrale Forderung der Sozialdemokratie.

        Eigentlich geht es doch gar nicht um sozial, sondern um finanziell.

        Man nimmt den Reichen Geld weg und verwendet es um die Armen besserzustellen, was im Endeffekt zu Lohn– oder zumindest Lebenstandard-Angleichung führt.

        Was aber unter Umständen auch dazu führt, dass bei denjenigen, denen man das Geld wegnimmt, die Bereitschaft sinkt, sich besonders anzustrengen. Ich rede jetzt nicht von den obersten Führungsetagen, in denen man vermutlich eher wegen der Macht den wegen des Geldes sitzt, sondern vom Mittelbau, den Ingenieuren, Facharbeitern …
        Ich zumindest arbeit um zu leben. Wenn man mir die Möglichkeit gäbe, mit meiner Arbeit aufzuhören und weiterhin das gleiche Geld bezahlt zu bekommen, würde ich mich ohne zu zögern für den Müssiggang entscheiden. Es gibt so viele Dinge, die ich tun will (mehr Zeit mit den Kindern und der Frau, der Garten, Literatur, bloggen und kommentieren).
        Ich weiss nicht, ob ich mich zur Arbeit aufraffen könnte, wenn ich es nicht mehr für mich und meine Familie sondern für „die Gemeinschaft” machen müsste. Das ist zu gross, zu anonym. Wenn man sich die geschätzten Umsätze in der (privaten) Schattenwirtschaft ansieht, scheint das vielen so zu gehen. Niemand denkt, dass er der Oma die Rente wegnimmt oder Kinder in grösseren Klassen unterrichtet werden müssen, weil dem Staat und den Sozialkassen das Geld fehlt, welches durch die Schwarzarbeit des Gärtners und des Fliesenlegers nicht dorthin fliesst (oder sie denken es und es ist ihnen egal, auch nicht besser).
        Wenn es um mein Dorf ginge, okay. Aber 80 Millionen Menschen, von denen ich vermutlich 50 Millionen nicht mögen würde? Regiert und verwaltet von Kaspern, die meinen mir vorschreiben zu müssen, was ich tun und was ich nicht tun darf (z.B. paintball)?

        Vermutlich bin ich der sozial Schwache, aber ich halte es für illusorisch, dass ich eine Minderheit darstelle, geschweige denn der einzige bin, der so denkt und handelt.

        • Kalle Kappner on 29. Mai 2009 at 13:51

          Nein, ich gebe dir Recht. Einkommensstaffelung ist definitiv notwendig um Leistungsanreize zu geben. Das bestreite ich nicht. Es geht darum, wie weit die Einkommen gespreizt sind. Und es geht nicht um Facharbeiter oder dich, sondern um den „77-Millionen-Mann”. Der würde vermutlich die gleiche Leistung bringen wenn man ihm 20 Millionen wegnehmen würde, denn selbst dann wären 57 Millionen ein angemessener Leistungsanreiz, findest du nicht?

      • Nadim Ayyad on 29. Mai 2009 at 12:33

        Progressive Besteuerung geschieht nicht nur des Geldes wegen sondern vorallem um soziale Ungleichheit auszugleichen, das ist die zentrale Forderung der Sozialdemokratie.

        Das bestreite ich auch gar nicht und das habe ich auch gesagt: Starke Schultern müssen mehr tragen als schwache Schultern. Es geht mir nur um folgenden Punkt: Wenn Arbeitgeber A seinen Mitarbeitern allesamt einen vernünftigen Lohn zahlt von dem man Leben und seine Kinder ernähern kann, dann kann er doch auf der anderen Seite so viel aus seinem Unternehmen an Gewinn für sich verbuchen, wie er lustig ist. Er zahlt dann zwar richtigerweise einen höheren Steuersatz, es macht ihn aber nicht arm und er gibt seinen Anteil an die Gesellschaft zurück, von der er profitiert hat.

        Ich sehe ihn generell in der Rolle, Reiche höher zu besteuern um soziale Ungleichheit – ein sehr starker Sprengstoff – auszugleichenDarum geht es, ja.

        Meines Erachtens sollte es die Fokussierung auf die unteren Einkommen geben. Wichtiger als eine Deckelung von Gehältern im oberen Bereich ist die Einführung eines Mindestlohnes für den unteren Gehaltsbereich. Das obere ist (wichtige!) Symbolpolitik, aber hilft den Menschen die weniger verdienen nicht unmittelbar.

        • Markus Ritter on 29. Mai 2009 at 12:48

          Wichtiger als eine Deckelung von Gehältern im oberen Bereich ist die Einführung eines Mindestlohnes für den unteren Gehaltsbereich.

          Viel wichtiger fände ich, dass man sich etwas für die Sozialversicherungsbeiträge im unteren Lohnbereich einfallen lässt. Der Arbeitgeber eines Mindestlohnverdieners (ich glaube es waren 7.50 EUR angedacht) zahlt pro Jahr ca. 18200 EUR an Lohnkosten. Davon kommen beim Arbeitnehmer gerade mal 11300 EUR als Nettolohn an. Vom ersten EUR an, den der AG zahlt, gehen jeweils 34 Cent in die Sozialkassen. Und da hilft weder das SPD-Konzept mit der Bürgerversicherung noch die Einführung von Rürup-, Riester– und sonstigen Renten. Für Sozialbeiträge liegt das Existenzminimum bei Null.

        • Kalle Kappner on 29. Mai 2009 at 14:04

          Du siehst die Umverteilungspolitik pragmatisch — Sie hat nach deiner Meinung den Zweck, dass niemand verarmt. Ein solches Modell würde dann einen Mindestlohn, den niemand unterschreiten kann, beinhalten und nach oben unbegrenzt hohe Gehälter.

          Zwar schließt ein solches Modell Verarmung aus, das ist gut. Aber es wirkt nur wenig auf die soziale Ungleichheit ein. Denn soziale Ungleichheit muss man relativ betrachten. Es verletzt das Gerechtigkeitsgefühl der Menschen zutiefst, wenn da andere Leute rumlaufen, die pro Jahr 77 Millionen verdienen — ganz gleich ob sie selbst am Hungertuck nagen oder einen akzetablen Mindestlohn erhalten.
          Man darf nicht denken, dass Menschen, sobald sie ein akzeptables Einkommen haben, soziale Ungleichheit als unwichtig betrachten und sich zufrieden geben.

          Du hast einen pragmatischen Anspruch, meiner ist normativ. Dahinter steckt letztlich ein unterschiedliches Gesellschaftsbild.

          Übrigens: Per Gesetz den Lohn deckeln halte ich auch nicht für sinnvoll. Was ich für sinnvoll halte ist eine hohe (höhere!) Abgabe auf Spitzenverdienste (Nein, liebe FDPler, damit meine ich nicht Facharbeiter ;)) und das Ende der steuerlichen Absetzbarkeit von Spitzengehältern. Wenn ein Unternehmen der Meinung ist, dass es dem Herrn Manager 70 Millionen auszahlen muss, dann bitte — wir sollten es dem Unternehmen allerdings sehr viel schwerer als zur Zeit machen und davon erheblich mehr profitieren. Dadurch sinkt natürlich das tatsächliche Einkommen des Managers erheblich. Einen Leistungsanreiz stellt es immer noch da, denn ich gehe davon aus, dass nicht absolut höhere Löhne sondern relativ höhere als Leitungsanreiz funktionieren. Ob es am Jahresende für alle Manager 7 Millionen sind, oder ob es 5 Millionen sind — der Leistungsanreiz bleibt im gleichen Maß bestehen, denn alle Spitzeneinkommen werden verringert.

          • Markus Ritter on 29. Mai 2009 at 14:53

            Es verletzt das Gerechtigkeitsgefühl der Menschen zutiefst, wenn da andere Leute rumlaufen, die pro Jahr 77 Millionen verdienen – ganz gleich ob sie selbst am Hungertuck nagen oder einen akzetablen Mindestlohn erhalten.

            Wenn ich mir anschaue, wieviel Millionen Menschen einem Formel1-Fahrer zugejubelt haben, Fussballspiele der Bundesliga oder Rockkonzerte besuchen, ins Kino gehen, Bücher von Bestsellerautoren lesen oder überteuerte lizensierte Fanartikel kaufen, dann scheint das zumindest nicht für alle zu gelten. Ich glaube nicht, dass die das alles mit geballter Faust in der Tasche tun.

            Ich denke nicht, dass ein Mensch anderen schöne Stunden, unvergessliche Erlebnisse oder ähnliches bieten muss, damit sein Reichtum nicht das Gerechtigkeitsgefühl von anderen verletzt (und falls doch, sollte das eher das Problem der sich verletzt fühlenden sein).

  4. Jan on 29. Mai 2009 at 01:25

    Nunja, wirklich seltsam wärs allerdings, wenn er sein Gehalt wegen der genannten Fehlleistungen kriegen würde und nicht trotz. Und hätte ich ne Firma, ich glaube ich würde dort niemanden beschäftigen, der ein solches Gehalt verlangt — aber dss müssen die Porsche-Eigner ja selber wissen.

    Ich denke zwar, dass man sowas auch einfach nur mal seltsam finden kann — aber wenigstens kann man doch daraus schließen, ob man es für nötig hält, daran etwas zu ändern oder nicht. Zufällig habe ich mich gerade heute mit einigen Jusos über genau dieses Thema unterhalten und die waren knallhart der Ansicht, dass Gehälter bei 200.000 Euro im Jahr gedeckelt gehören und gut ist. Dass dann die Wiedekings eben im Ausland arbeiten gehen wollten die nicht nur in Kauf nehmen, sondern haben sie als gewünschten Nebeneffekt gesehen.

    Wenn mir dieselben Menschen dann erklären, Schumachers Gehalt fürs im-Kreis-fahren wäre hingegen mehr als angemessen, denn man würde ja sehen, dass der was für sein Geld tut, wirds zwar richtig wirr aber nunja…

    Meine Ansicht dazu bleibt allerdings: Auch wer 80 Millionen im Jahr an Gehalt kriegt, soll dass meinetwegen haben. Er nimmts nicht von mir, sondern zum Beispiel von Porschekunden und die sind mir einfach herzlich egal, ich muss die Dinger doch nicht kaufen, wenn mir das Gehalt vom Chef so sehr auf die Nerven geht. Und ja: Würde mir jemand 80 Millionen anbieten, wenn ich dafür einen Autokonzern leiten müsste, ich denke, ich würds tun obwohl ich es verdammt viel Geld für egal welche Arbeit finde. Wer denn nicht?

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