Es scheint in uns verankert zu sein. Zu allen Zeiten machte uns Unbekanntes und Fremdes Angst. So wie wir heute vor der Weltwirtschaftskrise Angst bekommen, weil wir sie nicht wirklich verstehen können, so fürchteten sich die Menschen in früheren Jahrhunderten vor Phänomenen, die sie nicht erklären konnten. Dieses Verhaltensmuster scheint ins uns angelegt zu sein: „Vorsicht Unbekanntes! Nimm dich in Acht!”
Nun liegt es auf der Hand, mit solchen Ängsten kann man auch spielen. Derzeit entsteht der Eindruck wieder einmal in einem völlig anderem Bereich. Politiker der CSU bedienen in ihren Äußerungen nach der schrecklichen Amoktat von Winnenden die Ängste, gerade älterer Mitbürger, vor den so genannten Neuen Medien.
Ein kennzeichnendes Zitat eines führenden CSU-Politikers soll hier als Einleitung dienen. Es zeigt die ganze verquere Logik einiger Politiker. CSU-Innenminster Joachim Hermann lies in einer Pressemitteilung verlauten:
Innenminister Joachim Herrmann: Keine Geschäfte mit Tötungstrainingssoftware
Innenminister Joachim Herrmann begrüßt, dass sich die deutsche Medienwirtschaft bei der erstmaligen Verleihung des deutschen Computerspielpreises heute in München für die Entwicklung kulturell und pädagogisch wertvoller Spielekonzepte und –inhalte ausgesprochen hat. Er will die Absichtserklärungen, für Qualität bei Computerspielen zu sorgen, beim Wort nehmen: „Ich fordere die Computerspielbranche auf, den schönen Worten endlich Taten folgen zu lassen und auf Herstellung und Vertrieb von Killerspielen in Deutschland freiwillig zu verzichten. Killerspiele gehören bislang zu den intensiv beworbenen Hauptumsatzträgern der Branche. Mit derartiger Tötungstrainingssoftware, die zum Beispiel von der US-Army zur Vorbereitung von Soldaten auf Kampfeinsätze verwendet wird, dürfen in Deutschland keine Geschäfte mehr gemacht werden.”Für Herrmann ist es wissenschaftlich klar erwiesen, dass der andauernde Konsum derartiger Spiele, in denen Gewalt und Brutalität anders als bei Filmen aktiv ausgeübt und gesteuert wird, die Gewaltbereitschaft fördert und die Fähigkeit, Mitleid zu empfinden, verkümmern lässt. „Damit sind derartige Spiele eine der Ursachen für die erschreckende Jugendgewalt und auch für Amokläufe, in den Szenen aus Killerspielen in die Realität übertragen werden.” Mit großer Sorge sieht Innenminister Herrmann auch die Suchtgefahr, die von derartigen Spielen ausgeht. „Immer mehr Kinder und Jugendliche versinken täglich stundenlang in dieser virtuellen Gewaltwelt. Für Schule und Ausbildung haben sie keine Zeit mehr und drohen, so für unsere Gesellschaft verloren zu gehen. Leider habe viele Eltern überhaupt keine Vorstellungen davon, welchen dauerhaften Schaden ihre Kinder hier nehmen.” Killerspiele widersprechen dem Wertekonsens unserer auf einem friedlichen Miteinander beruhenden Gesellschaft und gehören geächtet. In ihren schädlichen Auswirkungen stehen sie auf einer Stufe mit Drogen und Kinderpornografie, deren Verbot zurecht niemand in Frage stellt.
Ich halte es für nötig, den ganzen Text zu zitieren. Man muss schon den Kontext dieser Aussage sehen. In vielen Meldungen wurde vor allem die zweite Passage zitiert. Dabei hat es der erste Abschnitt ebenfalls in sich.
Dieser Aussage soll aber noch ein weiteres Zitat entgegen gestellt werden. In der Diskussion um den Amoklauf von Winnenden kam es schnell zu einer Diskussion um eine Verschärfung des Waffenrechts.
Man fragt sich natürlich bei dem Vater des Amokläufers, warum er 4.600 Schuss zu Hause hat. Wozu braucht er ein derartiges Waffenarsenal und diese Munitionisierung? Mein Vorschlag geht in eine andere Richtung: Der unsägliche Konsum von gewaltverherrlichenden Killerspielen stellt eine erhebliche Gefahr dar. An diesem Punkt muss man ansetzen.
Gesagt hat dies Hans-Peter Uhl, CSU-Innenexperte in einem Interview, welches in verschiedenen Zeitungen veröffentlicht wurde.
In gewisser Weise scheint hier die Wertigkeit verschiedener Aktivitäten verrückt zu sein. Eine vergangene SPIEGEL Titelgeschichte „Bewaffnete Republik Deutschland” (13÷2009) berichtete detailreich über die einflussreiche Waffenlobby. Das allein scheint es aber nicht zu sein. Warum sind Computerspiele und Internetkonsum schuld an Gewalttaten? Ausschließen kann man dies natürlich nicht, auch wenn man Herrn Herrmann widersprechen muss. Ausgereifte wissenschaftliche Studien, die dies nachweisen gibt es eben gerade nicht. Es wäre vermutlich auch in deutschen Klassenzimmern nicht mehr auszuhalten, wenn dies alles so einfach wäre. Allerdings sind einfache Antworten natürlich immer gefragt.
Nun hätte Joachim Herrmann und Hans Peter Uhl auch das Verbot von Schützenvereinen fordern können. Schließlich gibt es neben der Komponente, dass die meisten (nicht alle!) Amokläufer der vergangenen Jahre angeblich „Killerspiele” genutzt hatten, auch die andere Komponente. Alle Täter waren in Schützenvereinen und haben so das Schießen erlernt. Die Waffen erhielten sie in der Regel über die Eltern, die ihre „Vereinsausrüstung” zu Hause hatten (Auch beim aktuellen Amoklauf in Bayern scheint wieder ein Sportschütze Täter zu sein.) Wenn also Herrmann sagt, dass Videospiele in den USA zum Training der Army eingesetzt werden — wofür steht dann das Training an echten Waffen im Schützenverein? Natürlich für Disziplin, Ruhe, Gelassenheit und Verantwortung. Nicht zu vergessen die soziale Komponente, die ein solcher Verein für die Entwicklung junger Menschen bildet. Das sind natürlich schon faszinierende Gedankengänge.
Warum funktioniert dies aber so gut? Die Bürger zwischen 15 und 35 Jahren belächeln in der Regel solche Aussagen. Viele arbeiten mit ihrem Computer, haben selbst womöglich die „bösen” Spiele gespielt und merken, dass hier Aussagen mehr aus Nichtwissen, denn aus Wissen getätigt werden. Denn auch ich würde bestätigen, dass das Suchtpotential von Spielen wie „World of Warcraft” tatsächlich immens ist, wenn nicht sogar gefährlich! Hier ist es tatsächlich wichtig, wie Eltern ihre Aufsichtspflicht erfüllen. Nur als „Killerspiel” kann man etwa „WoW” nicht bezeichnen. Ebensowenig wie Counter-Strike bei genauer Betrachtung dieser Aussage standhält. Der Markt für solche Spiele, die auf viel Gewalt wert legen, liegt in Deutschland sowieso im einstelligen Prozentbereich.
Aber wer weiß das schon? Die Mehrheit der Gesellschaft und dies sind die älteren Generationen kennen solche Freizeitgestaltung nicht und stehen vor einer großen Unbekannten. „Früher sind wir noch jeden Nachmittag nach draußen gegangen…” sind Aussagen, die man in diesem Zusammenhang gerne hört. Man könnte natürlich ergänzen: „… und haben Räuber und Gendarm gespielt.” Als Nerd würde man dazu „analoges Counter-Strike” sagen. Der Unterschied ist also nicht so groß — das Medium hat sich verändert.
Diese große Unbekannte weckt viele Ängste. Teils auch zu Recht! Woher weiß ich, mit wem meine Tochter da gerade chattet? Cybermobbing bedroht die Kinder, jugendgefährdende Internetseiten sind schnell gefunden und über das Handy wird jedes Video schnell getauscht. Eine völlig neue, unendliche Welt. Wie harmlos war es da wohl für die älteren Generationen, wenn bei den Jungs das einzige Pornoheft der Clique wie ein Schatz die Runde machte. Darüber würden heutige pupertierende Jugendliche vermutlich nur midle lächeln (Was in der Tat nicht wirklich eine gute Entwicklung sein kann.). Für besorgte Eltern mag daher der Vergleich von Herrmann durchaus Sinn machen: Killerspiele, Drogen, Kinderpornos. Alle Gefahren für unsere Kinder gehören verboten. Denn über Drogen und Kinderpornos weiß man schließlich auch, ohne sie selbst ausprobiert zu haben, dass sie zu verbieten sind.
Aber zurück zu den Schützenvereinen. Sie wirken vertraut. Man kennt in jedem Dorf anständige Menschen, die darin ihr Hobby ausüben. Sie treten beim Dorffest auf und verschießen Böller, der Vorsitzende sitzt im Gemeinderat oder ähnliches. Davon kann keine wirkliche Gefahr ausgehen, denn man kennt es. Aber wer kennt einen E-Sport Spieler? Würde man nachfragen, würde man sicherlich im Bekanntenkreis jemanden finden, der auf Tuniere fährt und dort im Wettbewerb um den ersten Platz in FIFA, Counter-Strike, Starcraft ect. antritt. Nur bekommt man das nicht wirklich zu sehen. Ein Sport der vielfach über das Internet ausgetragen wird, ist die große Unbekannte. Was machen die Leute da? Drogen nimmt man auch nur heimlich! Da haben wir es also…
Das ist der große Unterschied. Die meisten Männer, vor allem auf dem Land, dürften in ihrer Jugend mindestens einmal mit einem Luftgewehr geschossen haben. Irgendjemand hat eben eines besorgt. Im Zweifelsfall hatte Opa noch eines auf dem Dachboden. Keine große Sache. Man hat, auch wenn man nicht in einem Schützenverein ist, einen gewissen Bezug. So ähnlich stellt es sich für heutige Jugendliche (meist männlich) dar, wenn es um Computer geht. Selbst wenn man nicht den ganzen Tag am Compter verbingt, es gibt wohl kaum Schüler zwischen der 5. und 13. Klasse, die nicht mit Spielen wie Counter-Strike, FIFA und Co. in Kontakt kamen. Für sie nichts besonderes, aber für die Erwachsenen eine völlig andere Welt.
Welche Auswüchse solche Ängste annehmen können, kann man auch an einem anderen Beispiel betrachten. So hat das Jugendamt in Dortmund eine LARP–Veranstaltung abgesagt. Nach dem Vorfall in Winnenden müsse man nochmals über die „Gewaltprävention” nachdenken (Stichwort: Schwertkampf!). Dabei war das Konzept eigentlich ein genaues Gegenprogramm zu den „bösen” Neuen Medien:
Kinder von sieben bis zwölf Jahren sollten Handy, MP3-Player und Gameboy zu Hause lassen und in die Welt des Mittelalters eintauchen.
„Weg vom Computer, raus in die Natur”, hieß in Hombruch die Devise. Pädagogische Ziele: die Entwicklung von Kreativität und Gemeinschaftssinn. Stilecht – mit edlen Rittern, fiesen Schurken, Magiern, Waldwesen und schönen Prinzessinnen. Ein Hauch von König Artus: Rustikales Lagerfeuer-Ambiente, samt Bogenschießen und Schwertkampf, letzterer mit Schaumstoffwaffen.
(Zitate aus dem Artikel: „Jugendamt entwaffnet Ritter”, DerWesten)
Auch hier zeigt sich wohl wieder die Unkenntnis, die Angst, es könnte etwas passieren. Man kann sich vorstellen, was Herr Uhl und Herr Herrmann zu solchen Aktivitäten sagen würden, wenn sie einmal davon erfahren. Schließlich wurde ja auch die HDJ verboten.
Die Politiker, die derzeit den größten Einfluss besitzen, verstehen diese neuen Freizeitgestaltungen nicht und teilen dies mit einer Mehrheit der Bevölkerung. Es ist daher verständlich, dass immer wieder solche verqueren Äußerungen zu stande kommen. Das hat weniger mit Populismus zutun, denn mit Unwissenheit. Nicht umsonst werden inzwischen so genannte „Eltern”-LANs angeboten. Netzwerkveranstaltungen, die den Eltern der jugendlichen Spielern zeigen, was ihre Kinder da treiben. Die Eltern zudem auch selbst spielen lassen (Projekt der Bpb). Selbst das hilft nicht immer. Nach Winnenden untersagte die Stadt Stuttgart nicht nur ein großes LAN-Tunier, sondern auch eine Eltern-LAN. Man könne nach diesem Vorfall nicht so eine Veranstaltung abhalten, wurde gesagt (SPON Artikel). Eine Waffenmesse in Nürnberg wurde übrigens nicht unterbrochen, wie Kritiker anmerkten.
Es ist also wohl eher eine Frage der Zeit, denn wissenschaftlicher Erkenntnisse und neuer Gesetze, bis Computerspiele aus dem Fokus der großen Gefahr herausrücken und endgültig Alltagskultur werden. Irgendwann wird es auch in Altenheimen LAN-Sessions geben. ” Das Altenheim-Sonnfried-Tunier zum Klassiker Counter-Strike beginnt morgen um 15 Uhr nach dem Kaffee.”
Das heißt nicht, dass nun alle einfach abwarten sollen. Man muss darüber diskutieren und dieses Medium, diese Aktivitäten neutral zeigen (etwas, was leider in wenigen Fernsehberichten geschieht). Aber man muss ebenfalls verstehen, woher solche Äußerungen womöglich kommen. Sich selbst, wie es inzwischen viele Gamer tun, in eine Ecke zu verkriechen, wird wenig helfen. Hinaus zu den Stammtischen, könnte man sagen. Dank iPhone und Co. wären wir Nerds und Internetverrückten schließlich auch dort online — wenn man dies zum Schluß scherzhaft anmerken darf.
Übrigens wird sich das Böse, die Gefahr ein neues Opfer suchen, sollten die Killerspiele in der Alltagswelt angekommen sein.
Wovor werden wir uns fürchten? Welche neuen Medien, Techniken ect. werden uns Angst machen und die Jugend (unsere Kinder) in den Abgrund reißen? Ich bin gespannt, wovor ich mich fürchten werde — neben Drogen, jugendgefährdenden Filmen und Co.


[…] Neben diesem kleinen Blog beteilige ich mich nun auch bei dem Gemeinschaftsblog “Rot steht uns gut“. Natürlich experimentieren wir noch ein wenig. Mein erster Beitrag lautet: “Das neue Böse: Internet, Computerspiele und LARP“. […]